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Literatur-Festival: Martin Mosebachs Gesellschaftsroman „Westend“ im Fokus

Von „Frankfurt liest ein Buch“ bereitet sich auf sein Jubiläum vor. Thema im Jahr 2019: Büchnerpreisträger Martin Mosebachs Roman „Westend“.
Kennt sich aus im Westend: Martin Mosebach. Foto: Boris Roessler (dpa) Kennt sich aus im Westend: Martin Mosebach.
Frankfurt. 

Mehr als einer seiner gut ein Dutzend Romane käme für das zehnte Frankfurter Lesefestival in Frage. Frankfurt ist Mosebachs bevorzugter Handlungsort. Im Prinzip hält er es wie Ernest Hemingway: „Schreib auf, was du weißt und kennst.“ Von Frankfurt versteht Martin Mosebach allerhand. Obwohl er die ersten Lebensjahre in Königstein im Taunus verbrachte, wurde er in Sachsenhausen geboren, wuchs schon bald im Westend auf und ist Frankfurt in so etwas wie Hassliebe innig verbunden.

Mikrokosmos

Ein Achtundsechziger war Mosebach nie. Das ändert sich erst am 31. Juli 2019, denn da wird der Frankfurter Schriftsteller 68 Jahre alt und muss den Titel befristet ertragen. Als Kind prägten ihn die Fünfziger und frühen Sechzigerjahre, eine Zeit, die er auch als Anhänger der vorkonziliaren Messfeier hochhält, obwohl er in seinem Essay „Häresie der Formlosigkeit“ anmerkt, diese sei in Deutschland schon vor dem 2. Vatikanischen Konzil heruntergekommen. „Westend“ spielt über rund dreißig Jahre, mit 1968 als äußerster Grenze: ein dicker Wälzer, den Rowohlt rechtzeitig zu „Frankfurt liest ein Buch“ in lesefreundlicher Hardcover-Ausgabe von tausend Seiten für zwanzig Euro herausbringen will.

An seinem Frankfurt-Epos von 1992, laut Mosebach ein Hauptwerk, schrieb er sechs Jahre lang. Es hat den Atem eines Gesellschaftspanoramas: das Quartier als Mikrokosmos von „Buddenbrooks“-Qualitäten. Das bürgerliche Viertel versammelt ein Nachkriegs-Kaleidoskop vieler Schichten: Spekulanten und Kunsthändler, Müllsammler, Hausmeister und Putzfrauen, Altfrankfurter Bürger und junge Liebende in einer Romeo-und-Julia-Situation der Familien Has und Labonté. Die Verdrängung alter Mieter beobachtet Mosebach schon damals. Sein Westend ist mitten im zerbombten Frankfurt noch weithin intakt und voller Menschen, die wirklich hier wohnen, statt bloß Büros zu frequentieren. In aller Selbstironie und Eleganz, die manche Mosebach-Leser als zu opulent empfinden und die doch ihren Sog ausüben, schildert er Frankfurt als Stadt „ohne Eigenschaften“, die für ein Linsengericht ihr Gründerzeitflair wegwarf, sich ein Verwaltungszentrum überstülpte und den Traum einer besseren Flughafen-Lounge träumte. Im Zentrum des amüsanten Buches stehen Wandlungsprozesse in der deutschen Mentalität.

Wertewandel

Nach Valentin Sengers „Kaiserhofstraße 12“ im Jahr 2010, nach Büchern von Genazino, Kracauer, S. Tennenbaum, Henscheid, D. D. Seuthe, H. Heckmann, Seghers’ „Das siebte Kreuz“ und Mirjam Pressler, tut der Verein „Frankfurt liest ein Buch“ wieder einen vielversprechenden Griff in die Kiste literarischer Francofurtensien. Wiederentdeckung ist ein Hauptanliegen, seit der Verleger Klaus Schöffling die Initiative zum Lesefest aufbrachte und der Verein sie kanalisierte. Auch die Zukunft wird bereits geplant. Auf einer Infoveranstaltung in der Stadtbücherei wurde per Akklamation Interesse an einem Buch Eva Demskis als Thema für „Frankfurt liest ein Buch“ bekundet, vielleicht im Jahr 2020.

Zurück zu „Frankfurt liest ein Buch 2019“. Wie Lothar Ruske von „Lothar Ruske PR“, Sabine Baumann und Silke Haug vom Verein ausführten, bietet Mosebachs Roman in sieben Teilen eine Fülle von Anregungen für Lesungen, Gespräche, Stadtspaziergänge und so fort. So ließe sich am Beispiel der Christuskirche an der Dantestraße der religiöse und gesellschaftliche Wertewandel illustrieren. Moderne und traditionelle Architekturen könnten kontrastiert werden, des Autors Vorliebe für den späten Schubert und Spielarten von Weltmusik Veranstaltungen inspirieren. Expressionistische Maler wie Kirchner, die der Immobilienhändler Has im Roman sammelt, könnten Besuche im Städel oder auch im feinen Kronberg am Taunus anregen.

Das originale Tintenfass, mit dem Mosebach „Westend“ schrieb, mag Lothar Ruske nicht zu zeigen versprechen. Besagtes Tintenfass habe der Autor vielmehr eingebüßt, als er es jenem Kardinal nachschmiss, der die postkonziliare Messe durchsetzte. Womit bewiesen wäre, dass der „Erz-Katholik“ Mosebach den konvertitenhaften Eifer, auch gegen Rom, irgendwie doch von Luther herhat.

 

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