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In den Lüften hallt Geschrei: Mathildenhöhe präsentiert Porträts von Ludwig Meidner

Von "Begegnungen" mit dem Porträtisten Ludwig Meidner in seiner expressionistischen Phase zeigt die Mathildenhöhe in Darmstadt. Künstlerisch war sie seine beste.
Dieses Selbstbildnis entstand 1912. Bilder > Foto: Gregor Schuster (Mathildenhoehe Darmstadt) Dieses Selbstbildnis entstand 1912.
Darmstadt. 

„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, / In allen Lüften hallt es wie Geschrei, / Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei / Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut“: Als der Lyriker Jakob van Hoddis 1911 sein Gedicht „Weltende“ veröffentlichte, das in der deutschen Literaturlandschaft einschlug wie ein Blitz, weil man solche Töne noch nie gehört hatte, da war es Ludwig Meidner, der ihn zeichnen durfte. Mit raschem und höchst entschiedenem Strich skizziert er den Dichter in der Seitenansicht und mit wirrem, wildem Haar .

So treffend war diese Kopfstudie, dass sie in Kurt Pinthus’ berühmter Expressionismus-Anthologie „Menschheitsdämmerung“ 1919 sogar einen Ehrenplatz neben dem meisterlichen Gedicht fand. Ludwig Meidner, dem eine Ausstellungs-Trias im Rhein-Main-Gebiet anlässlich seines 50. Todestages derzeit die Ehre widerfahren lässt, die dem Künstler gebührt, war ein Star.

Die Großen der Zeit

Zumindest in seiner frühen Zeit war er es – in jenen Jahren von 1912 bis 1929, die sich die Mathildenhöhe deswegen vornimmt, weil im Darmstädter Stadtarchiv sein künstlerischer und sein schriftstellerischer Nachlass ruht – mit weit mehr als 1000 Zeichnungen, wie Direktor Philipp Gutbrod, der auch die Ausstellung kuratierte, berichtet.

In Darmstadt nämlich verbrachte Ludwig Meidner die letzten drei Jahre seines bewegten Lebens. Zuvor lebte er in Hofheim-Marxheim, doch als es ihm das Alter nicht mehr erlaubte, in dem unbeheizbaren Atelier zu wohnen, das die Frankfurter Kunsthändlerin Hanna Bekker vom Rath dem bitterarm aus dem englischen Exil zurückgekehrten Künstler verschafft hatte, zog er 1963 nach Darmstadt. Dort lebte der 1884 Geborene zwar erheblich weniger idyllisch, doch immerhin zentralbeheizt bis zu seinem Tod 1966.

Weitgehend unaufgearbeitet ist sein Nachlass, man mag es kaum glauben: Allenfalls zehn Prozent der Porträts sind mit einem Namen versehen, viele andere sind unbekannt oder müssen erst noch anhand vergleichender Fotografien oder anderer Bildzeugnisse verifiziert werden.

Die Darmstädter Schau kommt für ihre immerhin dreißig „Begegnungen“ nahezu komplett ohne Leihgaben aus, und tut überdies alles, was zur Verlebendigung technisch derzeit möglich ist. Neben einem erläuternden Bildtext zur Vita der jeweils abgebildeten Person kann man sich mittels eines VR-Codes auf dem eigenen Handy auch Schrift- oder, falls es ein Musiker ist, Tonzeugnisse des Porträtierten anhören. Die ausdrucksstarken Zeichnungen und Radierungen Meidners gewinnen dadurch noch mehr an Lebendigkeit.

Neben dem Hoddis-Werk sind es große Porträts des Dichters Joachim Ringelnatz (1919, da war er gerade seinem Seemannsdasein entstiegen und machte erste künstlerische Bühnenversuche im Nachkriegsmünchen) und des SPD-Politikers Karl Liebknecht (1918), furchtloser Kämpfer gegen den Krieg, der mit wachen Augen durch seine randlose Brille schaut. Es sind tatsächlich die Großen der Zeit, die Meidner darstellen durfte, den Zeichenblock aufgeklappt auf dem Schoß, das Modell dicht vor ihm sitzend und mit bohrendem Blick beäugt. Der Autor Max Hermann-Neisse gehört zu ihnen, körperlich ein Wrack, doch in unnachgiebig sezierender Denkerpose, eine intellektuelle Zentralgestalt der Weimarer Jahre, der junge Johannes R. Becher – mit dem späteren Kulturfunktionär der DDR brach Meidner allerdings.

Wie ein Wurm

Den Schauspieler Alexander Granach porträtierte er, der in Wilhelm Murnaus „Nosferatu“ den Knock spielte, den heute vergessenen, damals aber bedeutenden Komponisten und Dirigenten Rosebery D’Arguto sowie den jüdischen Religionsphilosophen Leo Baeck, den er 1924 mit weicher Kreide festhielt. Dazu Männer und Frauen, die seinen Weg begleiteten, manchen, wie einer bis heute nicht identifizierten „Tanja“, gilt ein ganzes Kabinett.

In jedem dieser Porträts wird spürbar, mit welchem Ethos Ludwig Meidner malte. Man müsse, führt er in seinem Buch „Im Nacken das Sternenmeer“ aus, sich in ein Gesicht hineinfressen wie ein Wurm“ – erst dann dürfe man ein Porträt ausführen.

Nach dem Frankfurter Museum Giersch, das bis Juli den entwurzelten Künstler im Exil vorgestellt hatte, und dem Stadtmuseum Hofheim, das noch bis Mitte November Meidners Leben sowie sein porträtistisches Spätwerk aus den 50er und 60er Jahren beleuchtet, zeigt Darmstadt den Künstler in jener expressionistischen Phase, die ihn international berühmt machte. Dass er vom chaotischen Expressionismus im Lauf der 20er Jahre allmählich Abschied nahm und zu einem tiefgläubigen Juden wurde, mag seinen Stil nicht unwesentlich beeinflusst haben. Das Draufgängerische und die Wildheit jener Zeit erreichte er später nie mehr.

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