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Interview: Michael Haneke über seinen Film "Happy End"

Der österreichische Regisseur erzählt von einer vornehmen Sippe, die ihre Luxusprobleme pflegt – immer knapp am Selbstmord ihrer Mitglieder vorbei.
Die Familie Laurent mit (von links) Enkelin Eve (Fantine Hardin), Großvater Georges (Jean-Louis Trintignant), Mutter Anne (Isabelle Huppert), deren Verlobtem Lawrence (Toby Jones), Onkel Thomas (Mathieu Kassovitz) und Köchin Jamila (Nabiha Akkari). Foto: - (Happy End X Verleih AG) Die Familie Laurent mit (von links) Enkelin Eve (Fantine Hardin), Großvater Georges (Jean-Louis Trintignant), Mutter Anne (Isabelle Huppert), deren Verlobtem Lawrence (Toby Jones), Onkel Thomas (Mathieu Kassovitz) und Köchin Jamila (Nabiha Akkari).

Für „Das weiße Band“ bekam Michael Haneke 2009 in Cannes die „Goldene Palme“. Mit „Liebe“ wiederholte der Österreicher vier Jahre später den Triumph und erhielt einen Oscar. Von seinem Heimatland wurde nun auch „Happy End“ in den Wettbewerb um die Goldstatuette für den besten nicht englischsprachigen Film entsendet. Mit gewohnter Schärfe zeigt Haneke eine Familienaufstellung in Calais. Die vornehme Sippe lügt und betrügt – und pflegt ihre Luxusprobleme. Mit dem 75-jährigen Regisseur, der auch das Drehbuch wieder verfasste, sprach Dieter Oßwald.

Herr Haneke, nach Ihrem ersten Oscar haben Sie gesagt, damit bekäme man beim Metzger immerhin ein besseres Stück Fleisch. Wie sind Ihre Hoffnungen diesmal mit „Happy End“?

MICHAEL HANEKE: Ich mache mir keine Hoffnungen, das habe ich auch beim letzten Mal nicht getan. Bei dieser Wahl gibt es sehr viele unberechenbare Faktoren. Der Oscar ist ein bisschen wie Russisches Roulette. Aber wenn es passiert, soll es mir recht sein. Ich hätte nichts dagegen.

Der österreichische Regisseur Michael Haneke (75) wurde bekannt mit dem Film „Das weiße Band“. Bild-Zoom Foto: Tobias Hase (dpa)
Der österreichische Regisseur Michael Haneke (75) wurde bekannt mit dem Film „Das weiße Band“.

Die Reaktionen, insbesondere der deutschen und französischen Kritiker, bei der Premiere von „Happy End“ während der Filmfestspiele Cannes waren wesentlich weniger euphorisch als sonst bei Ihnen üblich. Wie erleben Sie solche Verrisse?

HANEKE: Es ist immer so: Wenn die Bäume in den Himmel wachsen, werden Sie zurechtgestutzt. Das habe ich schon mehrfach erlebt. Man freut sich nicht darüber, aber damit kann man leben. Schlimm sind solche Reaktionen, wenn man Anfänger ist. Dann schadet das wirklich. Hinzu kommt, dass die französischen Kritiker meine französischen Filme traditionell gerne verreißen, während sie meine deutschsprachigen Filme immer lieben.

Der digitale Mitteilungsdienst „WhatsApp“ spielt eine große Rolle in Ihrem Film. Wie gut beherrschen Sie selbst dieses Kommunikationsmittel?

HANEKE: Ich bin kein Experte, ich habe mich eben schlaugemacht. Dieses Wissen ist erforderlich, wenn man einen Film über Kommunikation im Internet macht. Persönlich bevorzuge ich das direkte Telefongespräch.

An einigen Filmstellen wird gelacht. Entspricht das Ihren Vorstellungen?

HANEKE: Ich freue mich über die Lacher, weil sie etwas bewirken. Man lacht ja entweder, weil man amüsiert oder überfordert ist – und beides ist gut! Der Film ist eine Farce, komisch und traurig zugleich. Es gibt etliche Stellen mit sarkastischem Humor, wobei die Reaktionen ganz unterschiedlich ausfallen. Bei einigen Vorstellungen wird kaum gelacht, bei anderen sehr viel.

Muss man sich Michael Haneke als fröhlichen Menschen vorstellen?

HANEKE: Fröhlich wäre vielleicht ein zu großer Begriff. Aber ich gehe jedenfalls nicht in den Keller, um zu lachen. Die Leute, die mich kennen, finden mich eigentlich ganz lustig. Wobei es völlig gleichgültig ist, wie ein Regisseur oder Autor privat ist. Deren Biografie scheint mir wenig hilfreich für das Verständnis ihrer Arbeit.

Wären Sie mit dem Prädikat „Moralist“ einverstanden?

HANEKE: Der Begriff wird meist im negativen Kontext gebraucht und geht häufig in Richtung Oberlehrer. So empfinde ich mich überhaupt nicht. Ich denke allerdings schon, dass es moralische Kriterien gibt für die Produktion von Kunst. Dazu gehört besonders, den Rezipienten ernstzunehmen. Man darf den Zuschauer im Kino nicht für dumm verkaufen.

Wäre „Radikaler“ eine treffendere Bezeichnung für Sie?

HANEKE: Soll mir recht sein.

Wie lange brauchen Sie, um einen Titel für einen Film zu finden?

HANEKE: „Happy End“ kam schnell, das fiel mir bereits während des Schreibens vom Drehbuch ein. Ein sarkastischer Titel passt doch ganz gut für einen sarkastischen Film. Es ist ganz unterschiedlich, wie man zu Titeln kommt. Manchmal bekommt man von jemandem einen Tipp. Bisweilen sucht man endlos. Oder es fällt einem sofort etwas Passendes ein. Das verhält sich wie das Schreiben von Drehbüchern: Das eine Drehbuch geht leicht und schnell, das andere Skript dauert ewig. Was allerdings noch nichts aussagt über die jeweilige Qualität.

Bedeutet die Konfrontation mit dem Flüchtlingselend von Calais den Kontrast zu den Luxusproblemen der Mittelschichts-Familie?

HANEKE: Darum geht es. Der Film handelt nicht von Calais oder den Flüchtlingen. Ich kann gar keinen Film über Migranten machen, weil ich sie nicht kenne. Es geht um unseren Autismus und die Nachlässigkeit in Bezug auf Empathie. Und zwar auf allen Ebenen: In der Familie, im Beruf und eben auch vis à vis von Fremden.

Wie bekommen Sie die Schauspieler zu den besten Leistungen, und wie groß ist Ihr Interesse, bis an die Grenzen zu gehen und zu schockieren?

HANEKE: Ich versuche, die richtige Besetzung zu finden. Es geht nicht darum, lauter Weltmeister-Schauspieler zu versammeln. Sondern die richtigen Darsteller für die Rolle zu finden. Darin liegt das Geheimnis jedes gelungenen Films. Mit der falschen Besetzung kann ein Regisseur machen, was er will, er wird immer scheitern. Aber ich wollte nie jemanden schockieren, außer vielleicht in „Funny Games“.

 

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