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75. Geburtstag: Mick Jagger: Der begnadete Narzisst

Mick Jagger gilt als ausgebuffter Geschäftsmann und begnadeter Narzisst. Heute wird der Sänger der „Rolling Stones“ 75 Jahre alt. Olaf Neumann sprach mit Menschen, die ihm nahe stehen: seinem Bruder, seinem Production Manager und seinem Tournee-Veranstalter.
Tänzelnd und mit weit aufgerissenem Mund: So kennt man Mick Jagger. Auch mit Mitte 70 ist der Frontmann der „Rolling Stones“ noch beneidenswert fit. Foto: Sven Hoppe (dpa) Tänzelnd und mit weit aufgerissenem Mund: So kennt man Mick Jagger. Auch mit Mitte 70 ist der Frontmann der „Rolling Stones“ noch beneidenswert fit.

Er sympathisiert mit dem Teufel, besingt Oralverkehr, glorifiziert harte Drogen. Mick Jagger war nie jemand, der nicht polarisiert. Schon früh schrieb er Songs, um die Kritiker auf die Palme zu bringen. „Fast wäre es zu wünschen, dass sie sich zur Ruhe setzten, denn dieses Werk ist eine Katastrophe, gegen die selbst das weiße Doppelalbum der ,Beatles‘ verblasst. Mick Jagger und seine Mannen präsentieren sich als total abschlaffende und selbst abgeschlaffte Mannschaft von Endzwanzigern und Anfang-Dreißigern, die einmal eine aufwühlende R-&-B-Musik zu spielen verstanden, nun aber reich, fett und substanzlos geworden sind. Mick Jagger scheint eine gehörige Portion seines Feelings und seines Phrasierungsvermögens verloren zu haben.“ In seiner Kritik zum Doppelalbum „Exile On Mainstreet“ von 1972 ließ das Magazin „Sounds“ kein gutes Haar an dem damals 29-jährigen Sänger der „Rolling Stones“.

Totgesagte leben länger: 46 Jahre später bezeichnet der britische „Guardian“ die stimmlichen Fähigkeiten des vierfachen Opas und einfachen Ur-Opas als „übermenschlich“, und „Buffalo-Tom“-Sänger Bill Janowitz lobt „Exile On Mainstreet“ als das größte Rock-’n’-Roll-Album aller Zeiten. Dass der geschätzt 325-fache Millionär Jagger noch immer mit den „Rolling Stones“ auf einer Bühne steht, ist keine Selbstverständlichkeit, denn gerüchteweise stand die Band immer wieder kurz vor der Auflösung.

Mit androgynen Zügen: Mick Jagger 1973 in Hamburg. Bild-Zoom Foto: Werner Baum (dpa)
Mit androgynen Zügen: Mick Jagger 1973 in Hamburg.

Sie können zwar nicht mal ihre eigenen Stücke richtig nachspielen, aber es ist faszinierend, wie elastisch der runzelige Rocker Jagger sich durch unverwüstliche Klassiker wie „Street Fighting Man“ und „It’s Only Rock ’n’ Roll“ jault. Immer noch scheint er für die Musik zu brennen. Laut „The Guardian“ verdient der Senior für seine ungebrochene Stimme nicht weniger als ein Denkmal, denn Bob Dylans (77) Gesang ist mittlerweile nur mehr ein Röcheln, und auch Paul McCartney (76) trifft die hohen Töne schon lange nicht mehr.

Idol einer Generation

Der Production Manager Dale „Opie“ Skjerseth, seit einem viertel Jahrhundert Mick Jaggers Mann für große Aufgaben, sagt über seinen Boss: „Er ist fitter als ich. Er freut sich auf jede einzelne Show. Im Moment kann ich nicht sehen, dass die Band sich in irgendeiner Weise zurückzieht. Im Publikum sieht man Großeltern mit ihren Kindern und Enkeln. Das liegt daran, dass die Musik nicht nostalgisch klingt und Mick Jagger eine super Show hinlegt. Ich bin ja jünger als er, aber ich könnte nicht mit ihm mithalten. Das Herumtouren können die ,Stones‘ so noch sehr lange machen und zwischendurch die Zeit mit ihren Familien genießen.“

„Das Zentralorgan des Rock“, so die „Taz“, ein familienfreundlicher Entertainer? In den 60er Jahren undenkbar! Damals galt Jagger als ein Bürgerschreck wie heutzutage die Gangsta-Rapper. Schüler weigerten sich, zum Frisör zu gehen, bis ihr Mick sich seine Matte abschneiden ließ. Der tänzelnde, narzisstische, androgyne, rauschhafte Rock-Gott mit weit aufgerissenem Mund und charakteristischer Unterlippe war zum Idol einer ganzen Generation geworden.

Illegale Substanzen

Niemand war damals cooler als die sogenannten Glimmer Twins. Am 12. Februar 1967 stürmten 20 Polizisten, begleitet von Medienvertretern, Keith Richards’ Haus in Sussex, als wären die Insassen der Sünde anheimgefallen. Jaggers damalige Freundin Marianne Faithfull war splitternackt und konnte sich gerade noch mit einem Bärenfell bedecken. Bei der Hausdurchsuchung stieß die Polizei auf Drogenutensilien und illegale Substanzen, und im Juni 1967 wurden Jagger und Richards wegen Drogenbesitzes zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt. „Das war nicht besonders angenehm“, erinnerte sich der Sänger kürzlich in einem Interview mit dem irischen „Independent“. „Keith bekam neun Monate und ich drei. Wegen nichts! Die Presse hat diese Geschichte extrem aufgeblasen, es war wirklich böse“.

Am Ende wurden zwar nur Geldstrafen ausgesprochen, aber der Prozess spaltete die Nation und wurde zu einem Symbol für den tiefen Graben zwischen den angepassten Erwachsenen und der rebellischen Jugend. Umso absurder, dass ausgerechnet Mick Jagger, der für den Verfall der Sitten und Moral verantwortlich gemacht wurde, im Sommer 1967 zu einer Diskussion mit vier hohen Vertretern des britischen Establishments eingeladen wurde: dem Bischof von Woolwich, einem Jesuiten, einem ehemaligen Minister und dem Herausgeber der altehrwürdigen „Times“. „Ich habe mich dabei gefühlt wie in einer Filmsatire von Monty Python “, erinnerte sich Jagger. „Diese Diskussionsveranstaltung war wie eine Parodie. Ein kompletter Witz, wirklich. Aber die Öffentlichkeit nahm sie sehr ernst.“

Das Image des Bad Boys verlor der am 26. Juli 1943 in Dartford/Kent geborene Mick Jagger auch in den 70ern und frühen 80ern nicht ganz, als den „Rolling Stones“ Hit-Alben wie „Sticky Fingers“, „Some Girls“, „Emotional Rescue“ und „Tattoo You“ gelangen. In dem Film „Cocksucker Blues“ von 1972 sieht man, wie Jagger hinter der Bühne Kokain schnupft. Der Berliner Veranstalter Peter Schwenkow erinnert sich noch sehr gut daran, wie schwierig es war, ein Konzert der Band genehmigt zu bekommen. „Die ,Rolling Stones‘ 1982 auf die Waldbühne zu kriegen, war insofern schwierig, als dass die Band in den Augen der Behörden dafür verantwortlich war, dass die Waldbühne 1965 auseinandergenommen wurde. Aber Mick und Keith haben alles heil gelassen und super performt. Man darf nicht vergessen, woher der Rock ’n’ Roll kommt: Er war Ausdruck einer Rebellion. Noch in den 80ern ging die Polizei bei vielen Konzerten immer in Hab-acht-Stellung. Es beruhigte sich erst gegen Ende des Jahrzehnts.“ Damals war das Verhältnis zwischen Jagger und Richards ziemlich am Ende, und der Sänger veröffentlichte 1985 sein erstes Soloalbum „She’s The Boss“, welches mit Platin veredelt wurde.

Apropos Rivalen: Wie war es eigentlich für Chris Jagger, mit dem speziellen großen Bruder Mick aufzuwachsen? „Mick ist fünf Jahre älter“, erzählt der „kleine“ Jagger, der selbst auch Sänger ist. „Man probiert sich am großen Bruder aus, um zu sehen, ob man auch so gut ist wie er. Ich glaube, das ist eine ganz gesunde Sache, solange man kein kompletter Versager ist. Der ältere Bruder hat die Aufgabe, den jüngeren glauben zu lassen, er sei der bessere. Ansonsten würde man ihn hassen.“

Intensives Liebesleben

Mick Jagger hassen? Davon können vielleicht seine zahlreichen Frauen ein Liedchen singen, denn neben all seinen musikalischen Verpflichtungen pflegt er seit jeher ein intensives Liebesleben. Seit 1970 hat Jagger acht Kinder mit fünf verschiedenen Frauen. Am stärksten in Erinnerung geblieben ist wohl seine Ehe mit der Umweltschützerin, Menschenrechtlerin und Schauspielerin Bianca Pérez-Mora Macias, die von 1971 bis 1980 andauerte. Als Jagger mit 73 zum achten Mal Vater wurde, spottete Keith Richards: „Mick ist ein geiler alter Bastard. Er sollte sich sterilisieren lassen, denn in seinem Alter sollte man nicht mehr Vater werden.“

Mick Jagger ist ein leuchtendes Beispiel für die Freude an der Liebe und an der Arbeit im Rentenalter. Er hat wahrscheinlich mehr Falten auf der Stirn als der Vater seiner 52 Jahre jüngeren Lebensgefährtin Melanie Hamrick am ganzen Körper, aber in der Tiefe der Furchen nisten Geheimnisse. Wieso springt der Sohn eines Sportlehrers auf der Bühne immer noch herum wie ein liebestoller Jüngling? Die Frage, ob Jagger und die drei anderen alten Herren die Strapazen einer Tour durchstehen, ist obsolet, denn wahre Legenden sterben nie.

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