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Konzert: "Milky Chance": Träumer im Märchen- und Wummtata-Land

Ein hessischer Märchentraum wird wahr: In der Jahrhunderthalle lässt das Kasseler Folktronica-Duo „Milky Chance“ Wolken, Blüten und den Feuervogel fliegen.
Philipp Dausch, die instrumentelle Hälfte des Duos „Milky Chance“, hat die Gitarre im Griff. Foto: Sven-Sebastian Sajak Philipp Dausch, die instrumentelle Hälfte des Duos „Milky Chance“, hat die Gitarre im Griff.

Schon Nana Mouskouri schaute im frühen Teil ihrer Schlagerkarriere sehnsuchtsvoll „den weißen Wolken nach“. „Milky Chance“, derzeit Deutschlands Pop-Duo Nummer eins, nimmt sich ein Vorbild an der Griechin, wenn es sich zum Auftakt in luftigen „Clouds“ tummelt. Von da an gibt es in der gut gefüllten Jahrhunderthalle kein Halten mehr. Wie auch: Eine wuchtige Bassdrum dominiert den Takt bis auf ganz wenige Ausnahmen regelrecht. Den Rest besorgen zahllose Ohrwurmharmonien, die „Milky Chance“ in ihre von Pop, Balearic House sowie weitere exotische Ingredienzen aufgeputzte Folktronica einfließen lassen, gelegentlich unterfüttert von süffisant harmonisch eingesetzter Mundharmonika, dass es selbst Supertalent Michael Hirte Tränen der Freude in die Augen treiben würde. Ein kompakter Auszug der Alben „Sadnecessary“ (2013) und „Blossom“ (2017), der die Besucher unwillkürlich in partyaffine Teilnehmer einer gigantischen Mitmachaktion verwandelt.

Nicken, Wippen, Klatschen

Vokalist und Sänger Clemens Rehbein, der das Duo 2012 mit Multiinstrumentalist Philipp Dausch an der Kasseler Jakob-Grimm-Schule ins Leben rief, muss dazu noch nicht einmal den Animateur geben. Willenlos folgen alle dem rhythmisch unausweichlichen Wummtata der Bassdrum, die Hitverdächtiges wie „Ego“, „Firebird“, „Doing Good“, „Flashed Junk Mind“ und „Down By The River“ in eigendynamische Befehlsgeber verwandelt: Wer sich kollektivem Nicken, Wippen, Klatschen, Singen und Tanzen entziehen möchte, läuft Gefahr, vom im Partysog befindlichen Rest als Spaßbremse identifiziert zu werden. Wer möchte das schon in einem Freudenpool von vielen hochprozentig Illuminierten, wie zahllose geleerte Flaschen sowohl vor der Mehrzweckhalle als auch an S-Bahn- und Bus-Haltestellen von in Gruppenverbänden Eingefallenen eindrucksvoll unter Beweis stellen. Es scheint, als feiere das Gesellschaftsphänomen des Rauschtrinkens nach wie vor fröhlich Urständ.

Unter den gegebenen Umständen fällt es nicht auf, dass die durch Schlagzeuger Sebastian Schmidt sowie Antonio Greger an Gitarre und Mundharmonika komplettierten „Milky Chance“ ungemein schüchtern sind. „Wow! Ihr seid ja ganz schön viele. Es ist das erste Mal, dass wir vor so vielen Menschen in einer so großen Halle spielen“, stammelt Clemens Rehbein, bevor er wenig später dann auch noch seine ebenfalls anwesende Oma ganz lieb grüßt. Rehbein hat aufgrund einer Erkältung Probleme mit seiner Stimme, die er mit ganz viel Honig geschmeidig hält, wie er verschmitzt anmerkt und so die kleinen Pausen zwischen den Songs plausibel macht.

Viel Licht, wenig zu sehen

Damit kollektive Blicke nicht auf der zurückhaltenden Band aus Kassel kleben bleiben, leistet die Lichtanlage Erstaunliches: Grellbunte, direkt auf die Zuschauer gerichtete Spots verhindern, dass man von Clemens, Philipp, Antonio und Sebastian allzuviel erhaschen kann. Eine Videoleinwand, sonst Usus in dieser Hallengröße, wurde fürsorglich erst gar nicht installiert.

Dabei müssten „Milky Chance“, die 2012 erst mit der selbstproduzierten Single „Stolen Dance“ via YouTube, dann mit einem vergoldeten Debütalbum nicht nur hierzulande, sondern rund um den Globus den Durchbruch erzielten, größere Menschenansammlungen mittlerweile gewohnt sein. Befindet sich das Quartett doch praktisch das ganze Jahr 2017 über auf Welttournee mitsamt sämtlicher wichtiger Open-Air-Festivals. Understatement kommt halt immer besser als ein Zuviel an Selbstbewusstsein.

„Milky Chance“ entführen noch ins „Loveland“, verpuppen sich im „Cocoon“ und lassen den „Cold Blue Rain“ niederprasseln. In jedem Falle eine „Fairytale“, von dem andere deutsche Musiker nur träumen können. Im Zugabenteil bleibt beim akustischen „The Dreamer“, Coverversion des schwedischen Singer-Songwriters „The Tallest Man On Earth“, die Bassdrum für Minuten stumm. Rund läuft das gute Stück wieder beim Durchbruchs-Hit „Stolen Dance“ und bei „Sweet Sun“. Dazu gesellt sich auch Support-Act Kim Churchill mit seiner Mundharmonika.

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