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Literatur im Römer: Mit Omi zurück ins Sudetenland

Von Am zweiten Tag bei „Literatur im Römer“ sprang die junge Debütantin Nele Pollatschek für den erkrankten Thomas Melle ein.
Leon de Winter liest aus seinem Roman „Geronimo“, Moderatorin Cécile Schortmann ist seine erste Zuhörerin. Foto: Sven-Sebastian Sajak Leon de Winter liest aus seinem Roman „Geronimo“, Moderatorin Cécile Schortmann ist seine erste Zuhörerin.

Es kam, wie es kommen musste: Die Frauen siegten. Nele Pollatschek nämlich („Das Unglück anderer Leute“, Galiani Berlin) verschob als Einspringerin die austarierte Zahlenratio der Geschlechter von 8 zu 8 auf 9 zu 7. Überdies stellte sich die zweite Wahl als echter Gewinn heraus. Nebenbei: Bei Alf Mentzer und Cécile Schortmann von HR 2 lief die Chose insgesamt entspannter ab als tags zuvor bei Löffler und Epkes, die sich streng ans schwäbische Radio-Exerzierreglement hielten.

Mochten manche Autoren dem Zuhörer nach zwei Minuten ein Gefühl vermitteln wie bei Kilometer Zehn im dunklen Autobahntunnel, punktete Pollatschek frisch und lustig mit ihrer Vortragskunst. Sie charakterisierte die Dialogfiguren stimmlich und hauchte noch dem Anrufbeantworter lautmalerisch Leben ein. Schicksale und Nöte ihrer Heldin als Teil einer Patchworkfamilie, die Pollatschek wie das Studium in Oxford vom eigenen Leben abkupferte, fasste sie im Römer so zusammen: „Wir haben gegen die Rebellion rebelliert.“ So kann es kommen, wenn Alt-Achtundsechziger als Eltern Rebellion säen, die als „rebellische“ Anpassung auf sie zurückschlägt. Sie selber habe an der Schule erlebt, so die Debütantin, wie Lehrer Schüler zum Schwänzen und zur Demo-Teilnahme ermutigten, jedoch: „Wir wollten lieber Unterricht.“

Die Neigung, von der Selbstpräsentation eines Autors auf die Qualität der Hervorbringungen zu schließen, kann fatal in die Irre führen, weil die Kunst des Schreibens oft eine Wendung nach innen, ein Vernachlässigen des Auftretens und der Außenwirkung bedingt. Heinrich Steinfest hat mit „Das Leben und Sterben der Flugzeuge“ (Piper) einen Roman verfasst, der verdientes Lob erntete, nicht aber Kommentare wie „sülzt“, „blabla“ und schlechtgelaunte Grobheiten ähnlicher Art, die sich in gewisse Notate über seine Leseleistung schmuggelten. Dass er einen Pariser Bahnhofsspatzen zum Mit-Protagonisten macht, hört sich weniger überzeugend an, als es sich tatsächlich liest. Es überzeugt, wie er vom Verschwinden eines malaysischen Flugzeugs erzählt, infolge eines vertrackten Spiels mit Fantastik und Realität in ihren unscharfen Grenzen. Nicht leicht, das in öffentlichem Lesehäppchen zu vermitteln.

Zentralthema war das Generationen-Thema à la Pollatschek auch in Helmut Kuhns „Omi“ (Frankfurter Verlagsanstalt). Die Großmutter des Erzählers heißt Holli Umsiedler, ist aber keine Holly Golightly à la Audrey Hepburn, sondern alt und so Demenz-geplagt, dass sie in die sudetendeutsche Heimat zu ihrem Mann zurückwill, der seit 70 Jahren tot ist. Wahr wird das Roadmovie durch ihren Enkel: ein weiterer Stoff mit autobiografischem Anlass. Kathrin Röggla wiederum zeigte sich schon als Theaterautorin bereit, heilige Kühe zu schlachten, wenn sie etwa im „Lärmkrieg“ gegen den Flugzeuglärm nach vielem Abwägen „Verhinderungspersönlichkeiten“ entdeckte. Ihre Geschichten („Nachtsendung“, S. Fischer) entdecken „eine Art Gegen-Unheimlichkeit“, so die Autorin.

Subtil und tastend geht es bei Terézia Mora zu, deren Erzählungen („Liebe unter Aliens“, Luchterhand) in Kurzform hinter die Fassaden stiller Mora-Figuren blicken. Solch „resignativen Mentalitätsstudien“, wie ein Kritiker das nannte, aber auch der eleganten Stilkunst eines David Wagner in seinen Beschreibungen stets derselben Art Räumlichkeit („Ein Zimmer im Hotel“, Rowohlt), steht die Verschwörungsgeschichte des Niederländers Leon de Winter („Geronimo“, Diogenes) völlig fremd gegenüber. So schön und heiter sein Auftritt, lässt sich sein Roman vielleicht doch – das wäre schlimm – so zusammenfassen: Osama bin Laden lebt und ist wohlauf. So what?

Eugen Ruge („Follower“, Rowohlt) erntete mit einem Running Gag über seine ins Jahr 2055 kostümierte Dystopie schallendes Gelächter: mit dem Satz „Das ist alles nicht komisch bis jetzt“. Wohl wahr: „Follower“ ist eine ökonomische Fabel wie „1984“ eine politische. Ruge denkt Entwicklungstendenzen von heute wie die große elektronische Selbstentmündigung weiter. Das Auditorium amüsierte sich trotzdem.

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