Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Comic über den Anschlag auf "Charlie Hebdo": Mit Schönheit das Trauma bewältigen

Catherine Meurisse verarbeitet im Comic „Die Leichtigkeit“ den Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo", den sie durch Zufall überlebt hat.
Catherine Meurisse versucht, das Trauma zu bewältigen. Bilder > Catherine Meurisse versucht, das Trauma zu bewältigen.

Die junge Frau mit den großen Augen und der großen Nase schläft schlecht in dieser Nacht. Liebeskummer plagt sie, und die wirren Träume schweben wie Seifenblasen kreuz und quer durch den Raum. Ein Erwachen mit Schrecken am Morgen des 7. Januar: Sie hat den Wecker überhört, sie verpasst den Bus. Vor dem Redaktionsgebäude wartet der Kollege Rénald Luzier, genannt Luz, dessen verspätetes Erscheinen einen anderen Grund hat: Er hat Geburtstag und gefeiert. Von einer Geiselnahme spricht Luz, dann verstecken sie sich, und ein aggressives „tak, tak, tak, tak“ durchdringt die Szenerie. Es ist das repetitive Geräusch von Schüssen aus Sturmgewehren.

Die Illustratorin und Zeichnerin Catherine Meurisse schildert den Anschlag auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ vom 7. Januar 2015 aus ihrer ganz persönlichen Sicht: Während in der Redaktion 12 Menschen erschossen werden, kommt sie durch den traurigen Zufall mit dem Leben davon. Doch die Unbekümmertheit, das Lachen, der Mut, das sichere Gefühl von Freiheit: wie ausgelöscht. Unter Schock läuft die grob durch eine Kapuzenjacke zusammengehaltene Figur los, läuft durch ein leeres Museum, durch große Räume mit grauen Wänden und weißen Bildern, nur ein Motiv sticht aus der Tristesse heraus: „Der Schrei“ von Edvard Munch. Viel mehr ist von der Schönheit nicht übrig geblieben. Grenzenlose Leere allerorten, in Meurisse und um sie herum.

Verlorene Sorglosigkeit

Die Französin (Jahrgang 1980) begibt sich in ihrem jetzt auf Deutsch herausgegebenen Comicband „Die Leichtigkeit“, den sie am 9. März im Frankfurter Literaturhaus vorstellt, auf die Suche nach der verlorenen Zeit, dem verlorenen Selbstverständnis, der verlorenen Sorglosigkeit, der verlorenen Autonomie von Denken und Fühlen, der verlorenen Anmut der Dinge. „Ich bin genauso tot wie meine Freunde, oder die sind genauso lebendig wie ich“, ist als Feststellung zu lesen, nach zwei vollgekritzelten Seiten mit Ideen in Stichpunkten und Miniskizzen. Stück für Stück, Seite für Seite arbeitet die Zeichnerin die Ereignisse mit einer Menge Wut und Witz im Wechselspiel aus Realität und Fantasie auf.

So folgt auf die Erinnerung an ihren Anfang bei „Charlie Hebdo“ 10 Jahre zuvor erst die Beschreibung des eingeschränkten Alltags mit Personenschutz, dann die fiktive Auseinandersetzung mit den beiden als „Brüder Kalaschnikow“ titulierten Attentätern auf der Couch einer gestrengen Psychiaterin.

Kurze Anekdoten stehen neben längeren Reportagen, oberflächliche Anmerkungen neben tiefen Reflexionen. Auf skizzenhafte Cartoons kommen präziser ausgearbeitete Comicpanels, auf schwarz-weiße Einzelbilder kolorierte Bilderfolgen, auf Federzeichnungen mit wenigen farbigen Akzenten flächig bunte Aquarelle oder Pastelle.

Mit impulsivem Strich

Das nichtlineare Nebeneinander der Inhalte und die Vielfalt der Stile spiegeln die innere Unruhe, das äußere Chaos im Leben der Betroffenen. Dennoch fügen sich die vielen verschiedenen Erzählperspektiven und -weisen zu einer großen, schlüssigen Gesamterzählung im Kampf um die Zurückgewinnung einer Art Normalität. Mit impulsivem, ungezwungenem, aufs Wesentliche zielendem Strich fängt Meurisse die Szenen einer persönlichen Grenzerfahrung ein, und sie folgt dabei einer Überlebensstrategie: die hässliche, brutale Fratze der Welt mit den bezaubernden, schönen Seiten vergessen machen. Aus Natur, Kunst und Freundschaft gewinnt die heute 36-Jährige Kraft und Zuversicht. Ans Meer, in die Berge führen Reisen, ebenso nach Rom auf den Spuren von Stendhal, in die Villa Medici, in die Villa Borghese mit der berühmten Gemäldesammlung in der Galleria. Die Selbsttherapie scheint zu gelingen, selbst wenn sich die gewaltige Wirkung der besichtigten Statuen und Gemälde aus Leben und Tod gleichermaßen speist. Am Ende des Bandes kehrt die Farbe zurück in die Bilder und die Hoffnung: „Ich habe fest vor, wach zu bleiben, schon auf das kleinste Anzeichen von Schönheit zu achten. Jene Schönheit, die mich rettet, indem sie mir Leichtigkeit zurückgibt“.

Rénald Luzier (Luz) hat 2015 mit „Katharsis“ getan, was nun Catherine Meurisse mit „Die Leichtigkeit“ tut: das Trauma in einem Comic bewältigen. Bei der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ arbeiten übrigens beide nicht mehr.

 

Catherine Meurisse: „Die Leichtigkeit“, Carlsen-Verlag, 144 Seiten, 19,90 Euro. Buchvorstellung: Literaturhaus Frankfurt, 9. März. Telefon (069) 7 56 18 40. Internet www.literaturhaus-frankfurt.de

 

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse