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Monologe für den Weltuntergang

Das Schauspiel Frankfurt legt sein „Festival Fluchtpunkt Frankfurt“ neu auf. Unter anderem gastiert Stemanns Jelinek-Uraufführung „Wut“ aus den Münchner Kammerspielen.
Szene aus Elfriede Jelineks „Wut“-Stück. Bilder > Szene aus Elfriede Jelineks „Wut“-Stück.

Drei Inszenierungen umfasst das Festival (21. bis 23. Oktober). Neben Stemanns „Wut“ sind dies die „Syrien-Monologe“ des palästinensischen „Ashtar Theatre“ von der Westbank und „Hemsbach Protocol“ von Darren O’Donnell (Kanada) mit Flüchtlingen und Einwohnern aus Hemsbach (Bergstraße). Das erste „Fluchtpunkt“-Festival hatte im Januar stattgefunden.

Worte und Plakate

Aufführungen stellen nur die Schauseite dar. Ebenso wichtig sind Podien und Diskussionen mit Experten, Begegnung und Austausch: zwischen Alt- und Neu-Frankfurtern, geflüchteten und hiesigen Jugendlichen, ihnen und Erwachsenen. Darum sind zwei Workshops (am 21. Oktober), Vorträge, Filme, eine Plakat-Ausstellung sowie Kochen und Essen Programmbestandteil. Im Foyer stellen sich Hilfsorganisationen vor, was „Fluchtpunkt“ zu einer Art Messe macht. Die Ausstellung „flucht.punkt“, ausgerichtet von der Bildungsstätte Anne Frank, präsentiert einen Plakatwettbewerb. Wortbeiträge behandeln Migration als Seismografen der Zustände, Theater in Zeiten der Unterdrückung, Gewaltforschung und die enthemmte Rhetorik von Rassisten, Europas Außengrenzen und den „Flächenbrand Syrien“.

Mit Blick auf das kranke Emporquellen Nazi-infizierter Sprache bei der „AfD“ und ihren NS-korrumpierten Helfern bilden Begriffe wie „Radikalisierung“, „Rechtsruck“, „Terrorangst“ und „Wut“ das Themenzentrum.

Die Wut von motzenden „Wutbürgern“, muslimischen und deutschen Terroristen stellt Elfriede Jelineks postdramatisches Textmonster „Wut“ in den Mittelpunkt. Es ist Stemanns neunte Jelinek-Uraufführung. Die Nobelpreisträgerin schrieb ihr Stück nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“. Theater vermag ja schwüle Affekte und fatale Hysterien kathartisch zu entlüften, was die Dramatikerin zur Unterweltreise an die Wurzeln des Hasses nutzt. Es ist wie Stimmenhören im Kopf. Jelinek findet den Zorn des Achill und Herakles’ verblendete Wut, den abrupten Chor der Attentäter und Bürger, der Götter und Propheten, das Bilderverbot und jene Fundamentalisten, die aus Angst um den säkular verdrängten Glauben zum vormodernen Islam zurück wollen, nur um götzendienerisch bei einer modernen Ideologie pseudoreligiösen Hasses zu enden. Das Ergebnis ist leicht boulevardesk, doch weiß Stemann, mit Live-Band selbst auf der Bühne, auf der Textpartitur zu spielen. Seine Leseprobe und schwarze Messe, mal Oratorium, mal Clownsspiel, türmt Worte, Bilder und Musik auf und bedient die Gaudistellen, erlegt der Nihilisten-Suada aus Geist und Quatsch aber kaum Fesseln auf. Lieber surft er trashig auf der Oberfläche. So sahen es Kritiker.

Auch „Ashtar-Theatre“-Leiter Edward Muallem aus Ramallah steht in „Syrien-Monologe“ auf der Bühne. Seine Compagnie mit Theaterschule präsentiert sich moderat und professionell. Die Monologe syrischer Flüchtlinge entstanden in Flüchtlingscamps. „Ashtar“ definiert sich als Demokratie-bildendes Theater der Unterdrückten, produziert viel und tourt weltweit, hält Festivals und Sommerkurse ab.

Soziale Akupunktur

Reflexhaftes Luftanhalten, wie es im Namen der „Mammalian Diving Reflex Theatre Company“ (Toronto) anklingt, täte auch AfD-Hetzern mal ganz gut. Leiter Darren O’Donnells Truppe tourt seit langem Kanada und Europa ab, dazu Australien, die USA und den Rest der Welt. Ideale Unterhaltung für den Weltuntergang (so ein Motto)? Klingt beängstigend, dabei ist die Methode „soziale Akupunktur“ verteufelt sanft. O’Donnell setzt in Hemsbach mit der Regionalstruktur „Matchbox“ auf die Großherzigkeit und Freundlichkeit der Menschen und darauf, dass genug für alle da ist. Seine atypischen Aufführungen sieht er im Licht sozialer Performativität: helfen, besser zusammenzuleben. Für „Hemsbach Protocol“ ging er an die Bergstraße, um in Aktivitäten mit Jugendlichen von dort und aus der weiten Welt Gemeinsamkeit zu fördern. Eine bilderreiche Performance mit zwanzig Flüchtlingen ging daraus hervor. dek

Schauspiel Frankfurt, 21. bis 23.Oktober. Einige Veranstaltungen bei freiem Eintritt. Karten für 8 bis 49 Euro unter
Telefon (069) 212-494 94.
Internet www.schauspielfrankfurt.de

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