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Tanztheater: Moralische Bequemlichkeit: Augen zu und immer so weiter

Von Mit „Everybody knows“ zeigt der frühere Leiter der S.O.A.P. Dance Company Rui Horta in einer spartenübergreifen Inszenierung, dass er sich keine Illusionen über Mensch und Welt macht.
Im uns Menschen schlummert ein Tier, manchmal ein Wolf, manchmal ein Schaf, manchmal ein Adler: Ichiro Sugae in Rui Hortas „Everybody Knows“ nach einem Song von Leonard Cohen am Staatstheater Darmstadt. Im uns Menschen schlummert ein Tier, manchmal ein Wolf, manchmal ein Schaf, manchmal ein Adler: Ichiro Sugae in Rui Hortas „Everybody Knows“ nach einem Song von Leonard Cohen am Staatstheater Darmstadt.

„Der Kaffee schmeckt gut, aber die Kapseln sind das Problem“, sagt Schauspielerin Karin Klein zu Beginn der Vorstellung. Mit einem Satz nach diesem Muster lassen sich viele (aktuelle) Probleme durchdeklinieren – von Atommüll über Flüchtlinge bis zu Klimawandel und Ressourcenverbrauch oder Waffenhandel. Auch, wenn in der jüngsten Inszenierung von Rui Horta ansonsten keine konkreten Themen angesprochen werden, ist klar: Man weiß, dass bestimmte Handlungen oder Zustände problematisch oder sogar schädlich sind, aber es gibt immer einen Grund, sie irgendwie vor sich selbst zu legitimieren.

Der Mensch weiß es oft besser oder könnte es besser wissen und handelt doch nach dem Motto: „Was ich nicht sehe, das ist auch nicht da“. Also Augen zu und weitermachen. Diese Haltung spiegelt uns der Kinderchor am Ende der rund 80-minütigen Inszenierung. Die jungen Sänger in ihren viel zu großen Anzügen und aschfahl geschminkten Gesichtern halten sich zeitweise die Augen zu, während sie Leonard Cohens Song „Everybody knows“ wispern. Spätestens mit diesem berührenden Bild ist uns gesagt: Wir verspielen auch die Zukunft unserer Kinder.

Bis der Chor auftritt, zeichnet Horta in ebenso eindringlichen wie emotionalen Bildern ein pessimistisches Bild des Menschen. Passend zu Cohens melancholisch-schönem Kassandraruf aus dem Jahr 1988, in dem es um Armut, Gewalt oder Krieg geht. Mit Kassandrenrufen hat es die Politikerin, als die sich Karin Klein zu Beginn vorstellt, weniger – auch, wenn sie abwechselnd den Wert von Kultur, Bildung und Literatur beschwört und ihr Publikum auf härtere Zeiten einstimmt. Vielmehr spielt sie auf der Klaviatur einer Stimmenfängerin.

Des Menschen Wolf

Im Bühnenhintergrund spielen dazu ein paar Streicher auf ihren Instrumenten und vorn an der Rampe rutschen Johanna Serenity Miller, Sam Michelson oder auch Ichiro Sugae dezent gegen die Schräge an. Klein fabuliert sich zunehmend in einen Rausch und schleudert Zitate aus der Weltliteratur hervor. Immer wieder greift sie zu einem der Bücher, die da in mehreren Stapeln angehäuft sind. Dabei haben andere auf der Bühne längst demonstriert, was man mit den Büchern auch machen kann: unter die Stühle legen, damit die Schräge ausgeglichen wird. Das ändert zwar nichts an den Stühlen selbst. Bequemer aushalten lässt es sich aber mit einem kleinem Bildungs- und Kultursockel allemal. Vielleicht versucht Klein auch deshalb buchstäblich Sam Michelson mit Literatur zu füttern.

Betrachtet man das Treiben, so scheint es als wolle Horta auch Thomas Hobbes Sentenz „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ bebildern. Denn wo eben noch Kultur und Bildung beschworen wurden, verbeißen sich die Darsteller schon wenig später im wahrsten Sinne des Wortes ineinander.

Triebhaftes Wesen

Auch führt uns Horta halb-ironisch und deutlich anzüglich die Triebhaftigkeit des Menschen vor Augen und lässt den Menschen als eher animalisches Wesen erscheinen: Während Klein und Miller sich im Bühnengrund über- und umeinanderwälzen, müssen die Männer selbst Hand anlegen. Vor allem bei Ichiro Sugae gerät das fast zu einer Art Slapstick, weil er dabei höchst kunstvoll, biegsam und athletisch über die Bühne hüpft.

Suggestiv und mahnend sind die Klopfgeräusche, die zunächst ab und an und später so deutlich und fordernd zu vernehmen sind, dass Karin Kleins „Bühnenkind“, Elen Gourio, die Tür öffnet, die in die im Bühnengrund befindliche Eisenwand eingelassen ist. Im Halbdunkel kommen kleine, dunkle Gestalten auf die Bühne . . .

„Everybody knows“ ist kein bequemer Abend. Das hat auch wohl niemand vom früheren Leiter der S.O.A.P. Dance Company erwartet. Aber es ist eine starke spartenübergreifende Arbeit, in der der Zuschauer sicher auch beim zweiten Mal noch etwas entdecken wird. Gleichwohl: Die Welt wird diese Inszenierung nicht ändern. Aber das weiß und thematisiert Horta klugerweise auch.

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