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Musikgeschichte: Moses P., Tone und Co. - So wurde Frankfurt zur Hip-Hop-Stadt

Wie klingt der Sound einer Stadt? Wie klingt der „Sound von Frankfurt“? Wir haben hineingehört in die Vergangenheit und in die Gegenwart, wir haben nach Sounds und Rhythmen, Stilen und Stimmungen gelauscht und wollen sie Ihnen in den nächsten Wochen vorstellen. Was haben Musiker vom Main zur Rock-, Schlager- oder Hip-Hop-Szene in Deutschland und darüber hinaus beigetragen? In unserer Sommerserie „Der Sound von Frankfurt“ spüren wir dieser Frage nach, erinnern an große Persönlichkeiten und stellen interessante Newcomer vor. In der vierten Folge geht es darum, wie Frankfurt zur Hip-Hop-Stadt wurde, wie die „Rodgau Monotones“ den Rap und das „Rödelheim Hartreim Projekt“ in die Spur brachten.
Der Neugier eines Moses Pelham ist es zu verdanken, dass Frankfurt zu einer Hauptstadt des Hip-Hop wurde. Foto: Katja Kuhl Der Neugier eines Moses Pelham ist es zu verdanken, dass Frankfurt zu einer Hauptstadt des Hip-Hop wurde.

Frankfurt verdankt es auch der Neugier des jungen Moses Pelham, der – es muss 1988 gewesen sein – noch mit üppigem Haupthaar durch den Gebäudekomplex in der Strahlenbergerstraße strolchte und so auf Bobby Sattler und Martin Haas in ihrem Tonstudio stieß. Nicht ganz glücklich mit seiner Rolle als englischsprachiger Rapper beim Techno-Label Logic, suchte er nach anderen Optionen. „Ein freundlicher, junger Mann, der interessiert von Büro zu Büro ging, fragte: ,Was macht ihr denn da?‘, sich bei uns aufs Sofa setzte und hörte zu, wie wir da an Filmmusik oder Werbung gebastelt haben“, erzählt Haas, der studierte Violinist und Klavier-Autodidakt. „Eines Tages fragte er dann, habt ihr Lust, mal was mit mir zu machen?“ Dabei wollte er zunächst nur als Produzent von Thomas Hofmann fungieren. „Moses hat die Texte geschrieben, sie vorgerappt und dann selber schnell Spaß dran gefunden.“ Die Geburtsstunde des Duos „Rödelheim Hartreim Projekt“, das dann von Haas/Sattler/Pelham produziert wurde. 1994 erschien das erste Album „Direkt aus Rödelheim“, später vergoldet.

Keyboards und Streicher

Gefragt, ob sich Haas dafür an amerikanischen Vorbildern orientiert habe, antwortet der erklärte Fan von Gino Vannelli, Stevie Wonder und Prince mit einem deutlichen „gar nicht“. „Ich habe es mir angehört, aber es hatte für mich musikalisch zu wenig Gehalt.“ Die Texte von Moses reizten ihn, deren Bildhaftigkeit wollte er adäquat in Szene setzen. Also ergänzte er die Beats um Keyboards und sogar Streicher-Arrangements. „Wir waren ganz früh mit orchestralen Playbacks im Hip-Hop am Start“, erklärt er. Ihre Sounddesigns für die 3p-Familie, darunter auch Sabrina Setlur und Xavier Naidoo, wurden zum Vorbild und zur Blaupause für die meisten deutschsprachigen Interpreten im weiten Feld zwischen Hip-Hop und deutschsprachigem Soul-Pop bis hin zu heutigen Chartstürmern wie Andreas Bourani.

Murat Güngör kuratierte einst eine Hip-Hop-Konferenz. Bild-Zoom
Murat Güngör kuratierte einst eine Hip-Hop-Konferenz.

„Mir ist das tatsächlich erst aufgefallen, als mir durch die ,Sing-meinen-Song‘-Geschichte all die alten Sachen wieder vor Augen geführt wurden“, erzählt Haas, der in seiner Bescheidenheit das vor dieser Rückschau nie für sich reklamiert hätte. „Tatsächlich haben das Mark Forster und all die Jungs, die beim ,Tauschkonzert‘ dabei waren, mehrfach so artikuliert.“ Zu einem ersten „RHP“-Auftritt kam es übrigens beim 15. Geburtstagskonzert der „Rodgau Monotones“ in der „Batschkapp“. Gitarrist Ali Neander hatte Moses Pelham schon als Mitglied des von Markus Löffel (später „Jam & Spoon“) gegründeten Hip-Hop-Projektes „We Wear The Crown“ live gesehen. Dass die „Monotones“ Pelham und Hofmann einluden, hatte mit ihrer Neugier zu tun. „Andere Szene, völlig andere Generation – mal gucken, was passiert?“, dachte sich Neander. Pelham erinnert sich an die Anrufbeantworter-Nachricht. „Der Anrufer musste Türke sein, denn er meldete sich mit ,Hallo, hier ist Ali von den ,Rodgau Monotones‘, und wir würden Dich gerne bei unserem Jubiläum als Rapper auf der Bühne haben.‘ Ein paar Tage später erreichte ich Ali, erfuhr, dass Ali die Kurzform von Albrecht ist.“

Rapper-Konkurrenz aus Stuttgart

Leider ist Michael Bernd Schmidt, den man als Smudo kennt, gerade im Urlaub. Nur zu gerne hätte man ihn als gebürtigen Offenbacher zum „Rödelheim Hartreim Projekt“ befragt.

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Die Geschichte des „Rödelheim Hartreim Projektes“ beginnt also mit einem doppelten Quereinstieg über die Filmmusik und den Rock ’n’ Roll. Wie wurde das von einer anfangs eher hermetischen Szene aufgenommen, in der nicht zuletzt Street Credibility gefragt war? Etwa zur gleichen Zeit war Murat Güngör, der im Dezember mit dem Kurator Musik des Mousonturms, Markus Gardian, im Künstlerhaus die vielbeachtete dreitägige Hip-Hop-Konferenz „Sex, Money & Respect“ kuratierte, als Murat G. mit DJ Mahmut europaweit unterwegs. Wie also nahm der „Underground“ den „Mainstream“ in spé wahr? „Ich bin immer sehr vorsichtig mit solchen Unterscheidungen“, nahm Güngör, heute Lehrer und zusammen mit seinem Ko-Autor Hannes Loh immer noch mit Lesungen aus ihrem Sachbuch „Fear Of A Kanak Planet. HipHop zwischen Weltkultur und Nazirap“ (Hannibal) unterwegs, nur ein gemeinsames Ganzes wahr. „Es gab ja noch einen Unterschied zwischen dem ,Rödelheim Hartreim Projekt‘ und den ,Fantastischen Vier‘.“ Lokale Loyalität.

Am Anfang steht das „Rödelheim Hartreim Projekt“, hier mit dem Cover zum ersten Album „Direkt aus Rödelheim“. Bild-Zoom
Am Anfang steht das „Rödelheim Hartreim Projekt“, hier mit dem Cover zum ersten Album „Direkt aus Rödelheim“.

Es war die Blütezeit des Raps in Frankfurt. „Man darf nicht vergessen: Vor dem ,RHP‘ gab es zwei Künstler, Tone und Iz, die als ,Konkret Finn‘ zusammengefunden haben und die 1994 mit ,Ich diss dich‘ einen Song veröffentlichten, der einschlug wie eine Bombe, nicht nur in Frankfurt, sondern auch bundesweit“, erinnert Güngör an das Duo. „Das Besondere war der breite Frankfurter Dialekt, das war was Einmaliges. Sie waren die Väter des harten Frankfurter Battle-und Straßen-Raps.“ Auch Roey Marquis II ist mit seinem Label Ruff-n-Raw zu nennen. „Er hat für viel Dynamik gesorgt, Künstler wie Asiatic Warriors, Da Germ und Chima herausgebracht, die viel zu sagen hatten und die Szene belebten.“ Ein Förderer wie auch Güngör mit dem Hip-Hop-Contest „Word Up“ in der „Batschkapp“.

Mit dem Verlust funktionierender Strukturen in Frankfurt, dem Weggang und Aus von Plattenlabels, ohne den Black-Music-Club „Funkadelic“ und die damalige Plattenladenkultur, übernahmen andere Städte das Hip-Hop-Regiment. Immerhin: Mit Haftbefehl und seinem Label Azzlackz gibt es wieder ein Lebenszeichen am Main.

Dennoch macht der Hip-Hop etwa in einem Club wie der „Batschkapp“ einen erklecklichen Anteil am Programmangebot aus. Etwa 30 Prozent, in manchen Monaten sogar bis zu 50 Prozent wie Booker Matze Brunner bestätigt. „Bei Vega war eine Doppelshow ausverkauft, Azad macht den Club immer voll, Moses war drei Mal ausverkauft.“ 4500 Fans kamen zum „Papa Schlumpf der Szene“, wie Ali Neander ihn liebevoll nennt. „Das Gute ist: Die Szene hält sich durch Jams und Open Mic Battles selbst am Leben“, weiß Brunner. Einen möglichen Durchstarter sieht er im Moment aber nicht.

Blumige Worte

Dafür genießt Moses Pelham seinen neuen Höhenflug. Im November 2017 bekam er im Kaisersaal des Römer von OB Peter Feldmann die Goetheplakette verliehen. Dessen Begründung: „Mit seinem Werk hat Pelham seiner Heimatstadt Frankfurt ein musikalisches Denkmal gesetzt und sich auf lyrisch anspruchsvolle Weise mit sozialer Gerechtigkeit, Vielfalt und Heimatverbundenheit auseinandergesetzt.“ Pelham bedankte sich artig: „Dass das, womit meine Mitstreiter und ich unsere Leben verbringen, auch auf dieser Ebene nicht unbemerkt bleibt, nicht nichts ist, ist gut fürs Herz, ist ein Geschenk. Und eine Ermunterung, damit fortzufahren. Auch wenn es mal schwer ist. Und das ist es von Zeit zu Zeit.“ Auch als Mitglied der vierten Staffel des Tauschkonzertes „Sing meinen Song“, dem überaus erfolgreichen TV-Format des Senders Vox, hat Moses Ehrerbietung erfahren. „Der Moses ist einfach drangeblieben, als die ganze Industrie gestorben ist. Er ist einfach ein positiv Verrückter“, glaubt Ali Neander, der als sein Gitarrist und zudem Mitglied der „Glashaus“-Band ganz nah dran ist.

Auch Cellist Raphael Zweifel gehört zum engsten 3p-Musikerkreis und war Mitglied der „Sing-meinen-Song“-Crew. „Ich habe Moses da ja zehn Tage mitbekommen“, verrät er. „Erst war er zurückhaltend, dann hat er sich da in Südafrika wie eine Blüte geöffnet“, findet der Schweizer blumige Worte. „Er hat richtig Auftrieb bekommen.“ Zweifel und Neander sind sich einig: „Er hat davon musikalisch wie menschlich profitiert.“

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