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Ausstellung: Museum für Moderne Kunst sucht den Austausch mit Lateinamerika

Von In „A Tale of two Worlds“ setzt sich das MMK den fragenden Blicken von Künstlern aus, deren Werke in ganz anderen politischen und kulturellen Zusammenhängen entstanden.
Roy Lichtenstein, „Yellow and Green Brushstrokes“ von 1966, eines der Werke aus der Ursprungssammlung des MMK, nimmt die Comic-Sprache aufs Korn. Ihm gegenübergestellt ist übrigens ein ähnlich wirkendes, aber ganz anders geartetes Bild von Kenneth Kemble.   Abbildungen: MMK Frankfurt Bilder > Foto: Photographer: Axel Schneider, Frankfurt am Main Roy Lichtenstein, „Yellow and Green Brushstrokes“ von 1966, eines der Werke aus der Ursprungssammlung des MMK, nimmt die Comic-Sprache aufs Korn. Ihm gegenübergestellt ist übrigens ein ähnlich wirkendes, aber ganz anders geartetes Bild von Kenneth Kemble. Abbildungen: MMK Frankfurt

Man muss stark sein, wenn man diese Ausstellung besucht. Stark genug, eine Menge Chaos und Unordnung, Angefangenes und Unfertiges auszuhalten. Diese Ausstellung wirft Fragen auf, eine nach der anderen. Über die gesamten drei Etagen des Hauses geht das so, und wer auf jede Frage eine Antwort sucht oder wenigstens den Weg, der zu einer Antwort führen könnte, der wird am Ende seines Rundgangs erschöpft sein. Erschöpft, aber auch bereichert und angeregt: Denn so wie jetzt wurde die Kunstsammlung des Hauses noch nie gezeigt.

Der intensive Austausch mit dem Museo de Arte Moderno de Buenos Aires, wo die Schau im Anschluss auch zu sehen sein wird, wurde angeregt von der Kulturstiftung des Bundes. Im Rahmen des Projekts „Museum Global“ hatte sie deutsche Kunsthäuser aufgefordert, sich mit internationalen Sammlungen anderer Länder auseinanderzusetzen. Da sich das MMK seit geraumer Zeit intensiv bemüht, seinen Blickwinkel zu weiten und die Grenzen der europäischen und nordamerikanischen Kunst, auf der seine Sammlung fußt, zu überschreiten, bewarb es sich. Und erhielt neben K 20 und K 21 in Düsseldorf, der Nationalgalerie Berlin und dem Münchner Lenbachhaus als eines von vier Häusern den Zuschlag.

Haben sich die experimentelle Kunst Lateinamerikas und die aus Europa und Nordamerika etwas zu sagen? Was wollen und wollten Künstler hier wie dort? Wie setzten sie ihre Vorstellungen um? Geht das überhaupt, ein Gespräch zu führen, oder sind die künstlerischen Sprachen viel zu unterschiedlich? Auf faszinierend vielfältige Weise zeigt die Schau im MMK: Ja, es gibt Anknüpfungspunkte und Gemeinsamkeiten – aber Grenzen gibt es auch.

Der die Bilder zerschnitt

Um all dies herauszuarbeiten, haben die Kuratoren Klaus Görner vom MMK sowie Victoria Noorthoorn und Javier Villa aus Argentinien ganze Arbeit geleistet. Gegliedert ist die Ausstellung in zahlreiche Themenräume, die Werke unter politischen, kulturellen, sozialen und malerischen Aspekten lose zusammenstellen.

Alles beginnt in der großen Eingangshalle mit Lucio Fontana, der Leinwände zerschnitten oder Löcher in sie gebohrt hat. Zu seinen Lebzeiten (1899–1968) empörte das nicht wenige. Fontana gelang damit zweierlei: Er öffnete das gemalte Kunstwerk für den Raum – und er machte Zerstörung zum Thema der Kunst. Beides war wegweisend und wurde von anderen Künstlern wie Fred Sandback oder Willys de Castro aufgegriffen. Die umliegenden Kabinette zeigen das anschaulich.

Lose wird dieser Erzählfaden nun fortgesponnen, nebenan hängt „White Orchard“ an der Wand, ein vom Künstler Arman brutal zersprengter Sportwagen (oder was von ihm übrigblieb), im benachbarten Spitzraum des Museums geht es um Künstler, die mit Körpererfahrungen experimentierten, Grenzen und Bedingtheiten unserer Wahrnehmung erfahrbar machten: Schönste Mitmachkunst, mit magnetischen Spezialschuhen auf Lygia Papes grauem Teppichquadrat gegen die erhöhte Erdanziehungskraft zu kämpfen. Wie fragil doch die Welt konstruiert ist, wie leicht uns schon eine kleine Verschiebung aus dem gewohnten Gleichgewicht kippt! In der Raummitte übrigens viele rohe Eier, quer über den Fußboden verteilt – die Brasilianerin Anna Maria Maiolino macht mit solchen Interventionen Zerbrechlichkeit physisch erfahrbar. Sich in diesem Minenfeld zu bewegen, ist gefährlich. Nicht zufällig entstand die Performance erstmals am Ende der grausamen Militärdiktatur ihres Heimatlandes.

Dass solche Gleich- oder Ungleichgewichte auch einiges mit dem sozialen Umfeld zu tun haben, bedenken viele lateinamerikanische Künstler gleich mit. Oh ja, gute Kunst kann sehr politisch sein. Sie bleibt aber nie nur agitatorisch. Man nehme etwa Thomas Bayrle, Frankfurts Vorzeige-Guru der seriellen Kunst. Seine Verkehrschaos-Szenarien finden ein beeindruckendes Pendant in den spielerischen Formationen des 1920 in Buenos Aires geborenen Léon Ferrari.

Man sieht: Konzipiert ist diese Ausstellung wie eine Unterhaltung zweier bislang Unbekannter, die einander gern genau kennenlernen möchten. Man findet Ähnlichkeiten, Differenzen, schweift ab, gelangt unvermittelt zum nächsten Thema. Es geht nicht darum, gewaltsam Koinzidenzen herzustellen und aus zwei Welten eine zu machen. Das hätte geheißen, mit der Brechstange vorzugehen. Die Ausstellung ist viel vorsichtiger, tastender: Sie versucht zwar Berühurungspunkte aufzuzeigen, wo es sie gibt, erzwingt sie aber nicht.

Nicht mehr vom öffentlichen Sprechen, sondern von sehr privaten Dingen handeln weitere Räume: Claes Oldenburgs „Bedroom Ensemble“ ist ein Raum von Béatriz Gonzales zur Seite gestellt, dessen Wandteppich und Möbel politische Fragen selbst in diesen intimen Raum einziehen lassen.

Gegen den Kapitalismus

Selbstverständlich ist auch die Pop-Art ein Thema, sie ist zentral in der Sammlung des MMK. Andy Warhol pflegte einen hemmungslosen Konsumenthusiasmus, doch neben ihm gab es zahlreiche Künstler, die die Mechanismen der Pop-Art ins Kritische wandten. Antonio Caro aus Bogota ist einer der Kapitalismuskritiker, die hier zu sehen sind.

Und so geht es weiter im interkontinentalen Künstler-Metagespräch, immer philosophischer, manchmal auch somnambuler werden die Themen: Was ist Zeit? Darauf antwortet nicht nur On Kawara mit seinen „date paintings“ aus dem MMK, sondern ganz anders und doch seelenverwandt der Argentinier Edgardo Antonio Vigo mit seinem „Biopsien“-Archiv, Zeugnis eines lebenslang betriebenen exzessiven Sammlungskampfes gegen das eigene Verschwinden.

Was ist die Natur, was der Kosmos? Und wie soll sich der Mensch in ihm verhalten? Das sind die ganz großen ewigen und, wie sich zeigt, in Südamerika sowie im fernen Europa gleichermaßen und doch unterschiedlich verhandelten Fragen der letzten Räume. Man wird die Sammlung des MMK künftig mit anderen Augen sehen. Den Argentiniern wird es mit ihrer womöglich ähnlich gehen. Gespräch gelungen, Teilnehmer erschöpft, aber glücklich.

„A Tale of Two Worlds“

Bis 2. April 2018. MMK Frankfurt, Domstraße 10. Geöffnet Di–So 10 bis 18, Mi bis 20 Uhr. Telefon (069) 21 23 04 47. Eintritt 12 Euro

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