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Klassik-Veranstalter setzten zunehmend auf Event-Atmosphäre: Musik allein genügt oft nicht mehr

Von Stirbt das klassische Konzert aus, wie manche Puristen nicht müde werden zu beklagen? Ein Blick auf die laufende Festivalsaison zeigt jedoch, dass es durchaus positive Entwicklungen gibt.
Das Rheingau-Musik-Festival verbindet wie hier beim Sommerfest auf Schloss Johannisberg alljährlich Kunstgenuss mit Kulinarik. Foto: Heike Rost Das Rheingau-Musik-Festival verbindet wie hier beim Sommerfest auf Schloss Johannisberg alljährlich Kunstgenuss mit Kulinarik.

Die Opern- und Konzerthäuser haben momentan Theaterferien. Dafür läuft die Festivalsaison auf vollen Touren. Doch das war nicht immer so: Wer einst im Sommer klassische Musik hören wollte, musste nach Bayreuth, Salzburg oder Luzern fahren. Heute öffnen sich im ganzen Land, auch im Rhein-Main-Gebiet, Kirchen und Klöster, Burgen und Schlösser für Musik. Allein 130 Konzerte stemmt das Rheingau-Musik-Festival, das gerade Halbzeit hat. Musik nach Herzenslust, für jeden ist etwas dabei. Die Klage über das nahende Ende des klassischen Konzerts verstummt – für eine Weile.

Bei vielen Festivals steht nämlich nicht mehr die Musik im Vordergrund, sondern das Ereignis als Ganzes. Ambiente und Atmosphäre, oder neudeutsch: Locations und Events werden scheinbar wichtiger als die Sache. So gesehen bestünde die Krise des klassischen Konzerts also in der Vernachlässigung seines Kerns. Musik als hingenommene Unterbrechung eines Empfangs.

Jugend überall

Nichts ist schwerer vorherzusagen als die Zukunft. Aber nachzudenken über das Konzert, eine wichtige, bewährte Form, in der sich Kultur präsentiert (und die auch einen Teil der zurzeit vieldiskutierten „abendländischen“ Kultur ausmacht), lohnt schon. Der Blick aus dem Parkett auf die Bühne zeigt nämlich: Jugend überall! Das Durchschnittsalter von Sängern, Solisten und Orchestern sinkt permanent. Selbst Jugend- und Studentenorchester wie die in Frankfurt ansässige Junge Deutsche Philharmonie spielen heute auf höchstem Niveau, agieren international und führen, weitaus mehr als die kommerzialisierten Olympischen Spiele, die Besten der Jugend der Welt zusammen. Kein Wunder: Mehr als 22 000 junge Leute studieren allein in Deutschland Musik, die 24 Musikhochschulen entließen 2015 mehr als 6700 Absolventen auf den Markt.

Der Blick von der Bühne jedoch ergibt ein umgekehrtes Bild: Rund 15 Prozent der Besucher, die 2015 eines von 9300 Konzerten besuchten, sind älter als 70 Jahre, 39 Prozent älter als 50. Das diskriminierende Wort von der „Überalterung“ des Publikums macht die Runde. Erfahrene Konzertveranstalter denken da anders: „Die Demografie ist unsere Chance“, betont zum Beispiel Andreas Mölich-Zebhauser, scheidender Intendant des Baden-Badener Festspielhauses. Er weiß: Ältere Menschen haben tendenziell mehr Zeit und mehr Geld, mehr Muße und auch mehr Übung, sich den Konzertritualen zu unterwerfen. Stillsitzen, Zuhören, Applaudieren nur an vorgegebenen Stellen etwa.

Andererseits kommt heute keines der rund 90 Opernhäuser, keines der rund 130 Kulturorchester in Deutschland mehr ohne „Education“-Programme aus, Maßnahmen also, junge und jüngste Menschen mit der Welt der Kunstmusik, sei sie nun klassisch oder nicht, in Berührung zu bringen. Ihnen gewissermaßen eine Option einzupflanzen, dass es neben Spotify und Pop-Musik noch etwas anderes gibt. Das, was die Älteren als ein Bildungserlebnis empfinden: das klassische Konzert.

Hochamt feiern

Fragen nach seiner Zukunft nehmen ihren Ausgang an diesem Spagat zwischen Jung und Alt, Bühne und Publikum, zwischen Spaß haben und Hochamt feiern. Die Älteren, heißt es, wollen mehrheitlich an dem klassischen Kanon festhalten. „Nur ein toter Komponist ist ein guter Komponist“, wie in der Klassik-Traditionsstadt Wien gelästert wird. Junge Musiker sind eher offen für Experimente, Überschneidungen, „Crossover“, wie es der Geiger David Garrett macht, oder wie die, die auch mal Jazz singen, Stücke für die absonderlichsten Besetzungen arrangieren, Klassik von DJs auflegen lassen, wie das HR-Sinfonieorchester alljährlich beim „Music Discovery Project“.

Das braucht neue Orte und viel Fantasie. Folkert Uhde, Gründer und Leiter des Berliner „Radialsystem V“ zum Beispiel, ist überzeugt, mit Licht, Projektionen und ungewöhnlichen Aufstellungen der Musiker dieses Ziel erreichen zu können. Sein in dem alten Wasserwerk an der Spree erprobtes Konzept hat er auf die renommierte Orgelwoche Nürnberg übertragen, wo er die herrlichen Kirchen der Stadt mit ungewöhnlichen Musikdarbietungen bespielt. Und ins österreichische Feldkirch, wo das Publikum über Programme mitbestimmen darf. „Die Leidenschaft, intensive, neue Konzerterfahrungen zu ermöglichen, Stimmungen, Bezüge, Raumsituationen zu gestalten, die unsere Besucher persönlich berühren“ nennt er das. Michael Herrmann dagegen schwärmt vom „Aufbruch“ und präsentiert zum 30. Geburtstag des Rheingau-Musik-Festivals junge Künstler, musikalische Grenzgänger und das bewährte Konzept eines „Artist in Residence“. Eher nebenbei kommt er auf eine wichtige Motivation zu sprechen: „Ausgangspunkt ist meine persönliche Initialzündung“, in seinem Fall das Festival des Cellisten Pablo Casals in der unvergleichlichen Atmosphäre des spanischen Dorfes Prades.

Interessant, dass solche Initiativen weniger in den kommunalen oder staatlichen Institutionen entstehen als in der „freien“ Szene, also den meist privatwirtschaftlich organisierten, fast 600 Klassik- und Jazz-Festivals und Off-Bühnen. Jenseits von Tarifverträgen und Raumzwängen blüht die Fantasie; ohne Tarifverträge und Bindungen an Räume jedoch kommt die genannte, beständig wachsende Zahl an Konzerten, dazu mehr als 12 000 (2015) Opernvorstellungen, auch nicht zustande. Die sinkende Zahl an Orchester-Planstellen (2,5 Prozent in 10 Jahren), die exponentiell steigende Zahl sich selbstausbeutender, „freier“ Musiker, vor allem in der Sparte Alte Musik, zeigen jedoch, wie sehr der Druck im Konzert- und Festival-Paradies Deutschland zunimmt.

Zurück in die Stadt

Wie in einer Gegenbewegung werden zurzeit in den Metropolen wieder Konzerthäuser gebaut. Der Eventcharakter von Festivalerlebnissen soll zurückgeholt werden in spektakuläre, städtische Architektur, mit der Elbphilharmonie als Vorzeigehaus. Aber auch Bochum, Berlin und Dresden haben gerade neue Häuser bekommen, München und Nürnberg planen, Stuttgart und Saarbrücken wünschen; auch in Frankfurt fehlt ein schöner, zentral gelegener Kammermusiksaal.

Die Zahlen zeigen: Von einer Krise des klassischen Konzerts kann keine Rede sein. Die Abkehr vom starren Kanon des immer wieder Gleichen fördert das Interesse, insbesondere bei den jungen Leuten. Und die Hüter des (gleichwohl notwendigen) Kanons müssen das Geschehen gut im Auge behalten; punkten können sie nur mit höchster Qualität und großen Namen. „Fantastische Künstlerinnen und Künstler, großartige Orchester, musikalische Höhepunkte“ nennt es Michael Herrmann. Daran mangelt es am wenigsten, eher schon am Geld, der Prominenz die aufgerufenen Gagen zu bezahlen. Denn die berühmte soziale „Schere“ geht auch hier immer weiter auf. Das aber ist eine andere Geschichte.

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