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Bachmann-Preis: Nach der Apokalypse bleibt nur ein Rudel Hunde

In einem spannenden Finale hat im Stechen der 1985 in Graz geborene Wiener Ferdinand Schmalz den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Auch ein Frankfurter gewann einen der Preise.
Hat gut lachen: Sieger Ferdinand Schmalz. Foto: GERT EGGENBERGER (APA) Hat gut lachen: Sieger Ferdinand Schmalz.

Am heißen Klagenfurter Lesungsort brachte der Titel des Siegertextes einen Hauch von Abkühlung: „mein lieblingstier heißt winter“. Alles steht in Kleinschreibung wie die ganze Geschichte von Franz Schlicht, einem Reisenden in Gefrierfrost. Einer seiner Stammkunden ist Dr. Schauer. Er ist auf Rehragout in tiefgekühltem Zustand abonniert. Alle zwei Wochen bezieht er diese eisige Leckermahlzeit. Als Franz Schlicht ihn das letzte Mal besucht, konfrontiert ihn Schauer mit einem absurden Anliegen: Er habe vor, sich das Leben in dem Tiefkühlschrank zu nehmen, und Schlicht solle ihn später herausnehmen und unbemerkt irgendwo ablegen – abgemacht! Als Schlicht einige Zeit später seinen Auftrag erfüllen will, findet er keinen Schauer in der Tiefkühltruhe. Soweit der Sieger-Plot in Klagenfurt. Im Text, der zwischen Heiterkeit und Ernsthaftigkeit changiert, ist auch Platz für die philosophische Frage nach natürlichem und unnatürlichem Tod.

Im Stechen entschieden

In der Stichwahl setzte sich Schmalz gegen den Amerikaner John Wray durch. Dessen auf Deutsch geschriebener Text „Madrigal“ handelt von zwei Geschwistern, die schlechte Gesprächspartner füreinander sind. Erschwerend kommt hinzu, dass beide Schriftsteller sind. Wie bei den Matrjoschka-Puppen schachtelt sich Erzählung in Erzählung. Dramatisch war das für die Jurorin Sandra Kegel, die beide Autoren nach Klagenfurt ein geladen hatte. Im Stechen musste sie sich entscheiden. Ihre Wahl – und die der Mehrheit der Jury – fiel auf Schmalz.

Etwas unglücklich verlief das Gerangel um die ersten Plätze für den Frankfurter Eckhart Nickel. Er stand schon um den Deutschlandfunk-Preis im Stechen, unterlag und gewann den mit 10 000 Euro dotierten Kelag-Preis. Der Text des 1966 geborenen Frankfurters war vom neu in die Jury aufgenommenen Zürcher Literaturredakteur Michael Wiederstein eingeladen worden. Nickel hat über Thomas Bernhard promoviert und eine bedeutende Vergangenheit in der Pop-Literatur. Er hat vielfältig publiziert, lebte längere Zeit in Kathmandu und verfügt über eine breite Lebens- wie Literaturerfahrung. Sein Text ist „Hysteria“ überschrieben und stellt die psychische Situation des Protagonisten vor, der zunächst an Himbeeren, später auch an anderen Dingen und schließlich am eigenen Körper Verfärbungen sowie andere Veränderungen wahrnimmt. Entscheidend für die Qualität des vielleicht preiswürdigsten Textes des diesjährigen Wettbewerbs ist die hohe Genauigkeit der Beobachtung und Beschreibung der Gegenstände, die ins mikroskopische Detail geht und sich nicht im Handwerklichen erschöpft, sondern eine ästhetische Dimension im Zusammenspiel mit der Wahrnehmungsverdichtung seines Hauptdarstellers gewinnt.

Den 3sat-Preis in Höhe von 7500 Euro gewann die 1988 in Basel geborene Züricherin Gianna Molinari, die auf Einladung von Hildegard Keller las. Sie gehört zur Kunstaktionsgruppe „Literatur für das, was passiert“. Was gerade passiert, ist ein Flüchtling, der vom Himmel fällt.

5 aus 14

Schließlich wurde der Publikumspreis über das Internet, also nicht von der Jury ermittelt. Dieser, mit einem Stadtschreiberstipendium der Stadt Klagenfurt verbundene Preis (7000 plus 5000 Euro) fiel an die Wienerin Karin Peschka. Die 1967 geborene Autorin las einen postapokalyptischen Text, in dem nach der nicht näher beschriebenen Katastrophe ein Kind und ein Rudel Hunde übriggeblieben sind.

Wenn der „Jahrgang“ 2017 nicht alle Hoffnungen erfüllte, lag das an den eingeladenen Texten und damit an den Einladenden, den Juroren, die jeder zwei Texte in den Wettbewerb wählen konnten. Das Literaturspiel 5 aus 14 geht eigentlich nur auf, wenn nicht fünf preiswürdige Texte gelesen werden, sondern am besten vierzehn. Da fehlte diesmal wenigstens die Hälfte!

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