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Schriftsteller war ein engagierter Autor: Nachruf auf Peter Härtling: Ein bisschen Heimat

Von Peter Härtling hat noch den Krieg erlebt. Er hat früh seine Eltern verloren. Er war ein Flüchtlingskind. Mit 83 Jahren ist der beliebte Schriftsteller in Rüsselsheim nun gestorben.
Peter Härtling im Jahr 2009 am Arbeitsplatz. Rund 20 Schulen sind in Deutschland nach ihm benannt, unter anderem in Friedrichsdorf. Foto: Bernd Weissbrod (dpa) Peter Härtling im Jahr 2009 am Arbeitsplatz. Rund 20 Schulen sind in Deutschland nach ihm benannt, unter anderem in Friedrichsdorf.

An unserer Schule war er auch. Er las damals, gegen Ende der 70er Jahre, aus seinem „Hölderlin“, der schon länger erschienen, aber immer noch neu war. Unsere wunderbare Deutschlehrerin Hilde Moos hatte Peter Härtling eingeladen. Die Aula war voll, die Aufregung beträchtlich. Wir sahen zum ersten Mal im Leben einen echten Schriftsteller, einen Dichter sogar! Dichter waren für uns Leute, die Gedichte schrieben. Sie bewohnten einen anderen Stern. Peter Härtling schrieb auch Kinderbücher und Romane. Er war einer von uns.

So kam uns das damals in Oberursel jedenfalls vor. Dieser Dichter war zugewandt, voller Empathie, uns nah. Obwohl er droben auf der Bühne saß. Wahrscheinlich waren die Haare, die sich immer wie ein Helm in die breite Stirn schoben und mit dem geraden Rand beinah die Augenbrauen berührten, seinerzeit auch schon grau. Härtling blickte lächelnd auf uns herunter, nicht von oben herab, sondern freundlich, milde, wohlmeinend. Wir schienen ihm wichtig zu sein. Ja, Härtling schien sich aufrichtig darüber zu freuen, dass so viele Menschen, besonders junge, gewillt waren, ihm zuzuhören.

Schrecken des Krieges

Schließlich begann er zu lesen, mit seiner kratzigen Stimme und dieser Wonne, die Worte gründlich vorzuschmecken, um sie dann als plastische, ein bisschen schwäbisch-heimelig anmutende Atemluftschlösser durch den Raum schweben zu lassen. Hölderlin war damals noch nicht so unsere Sache. An der Schule kursierten Platten von „AC/DC“. Aber Härtling verstand es, uns diesen schwäbischen Dichter, der in der Welt immer ein Fremdling geblieben war, vertraut zu machen. Am Ende des Abends war auch Hölderlin einer von uns.

Womöglich hatten Peter Härtlings Bedürfnis nach fast familiärer Nähe, seine Fähigkeit zu Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit, die einen auch später eine öffentliche Lesung stets als warmherzige persönliche Begegnung empfinden ließ, mit seiner Geschichte zu tun, mit seinen Erlebnissen im Krieg, mit seinem Trauma.

Peter Härtling ist im Alter von 83 Jahren gestorben.
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Härtling wurde 1933 in Chemnitz als Sohn eines Rechtsanwalts geboren. Während des Zweiten Weltkriegs lebte er in Mähren. Sein Vater, ein Gegner der Nazis, starb 1945 in russischer Gefangenschaft. Die Mutter floh 1946 mit dem 13-jährigen Peter und seiner elfjährigen Schwester erst nach Niederösterreich, dann nach Nürtingen (Baden-Württemberg), in die Stadt des jungen Hölderlin. Noch im Jahr der Flucht beging Härtlings Mutter Selbstmord. Russische Soldaten hatten sie vergewaltigt – vor den Augen des Knaben. Ohne Eltern wuchs Härtling bei Tanten und Großmutter auf. Der aufsässige Junge sollte in ein Heim. Doch dazu kam es nicht: „Wir fuhren hin, standen vor der Tür und kehrten dann doch wieder um.“ So hat es Härtling einmal geschildert. Die Schule verließ er ohne Abitur, verdingte sich als Bürobote, volontierte bei einer Zeitung, wurde Journalist. Später arbeitete er als Cheflektor beim Frankfurter Verlag S. Fischer und stieg bis in die Geschäftsleitung auf. Anfang der 70er Jahre gründete er seine Existenz ganz auf die Literatur. Mit Frau und vier Kindern lebte er in Mörfelden-Walldorf. Dort wohnte er bis zuletzt. Acht Enkel kamen ihn besuchen.

Erinnerung, Flucht, Familie, Heimat – das war der Stoff seines Lebens und seines Schreibens. Mit mehr als 60 Büchern – Kinderbücher, Gedichte, Romane, Erzählungen, Essays – gehörte Härtling, der zeitlebens immer wieder an schweren Depressionen litt, zu den produktivsten zeitgenössischen deutschen Schriftstellern.

Die beste Oma von allen

Mehrere Generationen von Kindern und Jugendlichen sind in der Schule an Härtlings Büchern nicht vorbeigekommen. An „Ben liebt Anna“ nicht, der Geschichte eines Neunjährigen, der sich in das Aussiedlermädchen Anna verliebt. An „Krücke“ nicht, das von einem 13-Jährigen erzählt, der am Ende des Zweiten Weltkriegs von seiner Mutter getrennt wird und an einen beinamputierten ehemaligen Wehrmachtssoldaten gerät: Krücke. Und an „Oma“ nicht, bei der der fünf Jahre alte Kalle aufwächst, nachdem er seine Eltern verloren hat. Jeder, der das Buch las und eine solche Oma nicht hatte, hat sich eine wie sie gewünscht: alt, aber zauberhaft, voller Zuneigung und Verständnis, neugierig, abenteuerlustig, auch mal streng, natürlich nicht zu sehr. Eine Oma, die Geschichten von „damals“ erzählen kann, als alles ganz anders war. Eine Oma, die man liebt über alles in der Welt. Als Kalle zehn ist, wird Oma krank. Sie braucht ihn jetzt. Diese berührende, diese womöglich schönste aller Oma-Geschichten wurde verfilmt: Für viele trägt die Traum-Oma bis in alle Ewigkeit das Gesicht der Schauspielerin Lina Carstens.

Friedrich Hölderlin, Franz Schubert, Robert Schumann, E.T.A. Hoffmann oder Fanny Hensel-Mendelssohn: Immer wieder beschäftigte sich Härtling in seinen Romanen mit romantischen Künstlerfiguren, mit Träumern und Außenseitern, mit jenen, die der Welt abhanden kommen und sich in die Fantasie flüchten, die in der Sprache, in der Musik, in der Kunst eine neue Heimat finden. Härtling übertrug seine Sympathie mit diesen exzentrischen Schwärmern auf seine Leser. Die Bücher gewannen ihr Publikum weniger durch sprachliche Finesse und künstlerische Wucht als durch die Liebe zum Kleinen, durch den Erfindungsreichtum im Ausschmücken von Atmosphäre, Kolorit und einer seelischen Innenwelt, deren befremdliche Dunkelheiten und verstörende Gefährdungen Härtling stets ins Tröstliche, Alltägliche, Lebensnahe einbettete.

Durch Sprache verbinden

Härtling war selbst kein Weltflüchtling. Die Erinnerung ans Vergangene münzte er um ins Soziale, Politische und Gegenwärtige. Er wollte aus der Geschichte Lehren ziehen. Aus linker Perspektive mischte er sich in aktuelle Debatten ein, ergriff Partei für die SPD. In den 80er Jahren sah man Härtling im Wald auf der Seite der Gegner des Flughafenausbaus gegen die Startbahn West demonstrieren. Und nahm ihm ab, dass er es nicht wegen der eigenen Ruhe in Mörfelden-Walldorf tat. Immer ging es ihm ums Humane, Menschenwürdige, um ein wenig Glück im realen Unglück. Weil er wusste und es erfahren hatte, was Leid und Schmerz bedeuten, wie sie das Leben entstellen, weil er das Grauen erlebt hatte, strebte er nach Harmonie, Mitmenschlichkeit, Versöhnung .

Später, der Abend in der Schule lag fast so viele Jahre zurück wie seine Zeit als Stadtschreiber von Bergen, er hatte wohl gerade den Hölderlin-Preis empfangen, saßen wir bei einer Lesung in einem Gemeindezentrum. Das Ambiente verstärkte noch das Pastorale, das Härtling umgab. Er beantwortete Fragen. Geduldig. Ernsthaft. Freundlich. Es war ihm ein Anliegen, sich mitzuteilen: Er wollte Menschen durch Schreiben verbinden. Er wollte ihnen, wie sich selbst, in der Literatur eine Heimat geben.

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