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Umstrittener "Marionetten"-Song: Naidoo erklärt "Marionetten" – Besser wäre es, das Lied nicht mehr zu singen

Von Seit Tagen gibt es Aufregung um einen neuen Song der "Söhne Mannheims". Auf Facebook versucht Xavier Naidoo zu retten, was nicht zu retten ist. Denn Kunst kommt von Können.
Xavier Naidoo: Dichter? Denker? Dunkelmann? Foto: Gregor Fischer (dpa) Xavier Naidoo: Dichter? Denker? Dunkelmann?

Kunst, die sich wortreich noch einmal selbst erklären muss, ist schlechte Kunst. Es gelingt ihr nicht, sich verständlich zu machen, sich anderen mitzuteilen. Sie bleibt hermetisch, monologisch. Womöglich ist sie nur wirr. Solche Kunst ist gescheitert. Einerseits. Andererseits: Kunst, die eindeutig ist, die keinen Spielraum lässt für Fantasie, für Assoziationen und Irritationen, ist ebenfalls schlechte Kunst. Sie ist Parole, Pamphlet, Plattitüde. Xavier Naidoo hat sich und die „Söhne Mannheims“ gestern erklärt. Ist der Song „Marionetten“ jetzt besser geworden? Ist das Lied gute Kunst – aber mancher Zuhörer dafür taub? Oder zu schlicht?

Seit Tagen ist das Publikum alarmiert: Was ist nur mit Xavier Naidoo (45) und den „Söhnen Mannheims“ los!? Ist der Soul- und R'n'B-Mystiker mit der sanften Erlöserstimme und den geheimnisvollen, in den Tiefen und Untiefen des Daseins gründelnden Texten nun vollends durchgeknallt? Hat er den Verstand verloren? Ist er zum rechtsradikalen Kleinhirn mutiert?

Info: Zitate aus dem Original

Auszüge aus „Marionetten“: Und weil Ihr Euch an Unschuldigen vergeht / Werden wir unsere Schutzschirme ausbreiten / Denn weil Ihr die Tatsachen schon wieder verdreht / Müssen wir einschreiten.

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Tatsächlich hat es Xavier Naidoo der Welt ja nie leichtgemacht: Während die einen in ihm einen Metaphysiker und Theologen sahen, der per Lied nach Gott und der Liebe fahndete, erschien er anderen als notorischer Schwätzer, der aufgeblasene Phrasen drosch. Manche verehrten ihn als den gefühlstrunkenen Pop-Heidegger aus Mannheim, andere verachteten ihn als den Vader Abraham der höheren Schnulze. Bis zu den „Marionetten“. Das Werk schien eine Linie zu überschreiten.

Alles Missverständnisse?

Denn der Songtext klingt wie üble Pegida-Lyrik. Es ist, als sei er von jenen inspiriert, die auf öffentlichen Plätzen und im Netz haltlos ihren Hass auf die politischen Eliten, auf Demokratie und „Lügenpresse“ verbreiten und allerlei ebenso krude wie absurde Verschwörungstheorien unter die Leute bringen. „Marionetten“ spielt auf der Klaviatur rechter Ressentiments, Weltanschauungen und Vokabeln. Ja, man kann aus dem Lied, ohne es zu entstellen, einen Aufruf zur Gewalt gegen demokratisch gewählte Politiker heraushören, eine Prophezeiung, die zugleich ihre Erfüllung herbeiwünscht, das einfache Volk der Betrogenen, Erniedrigten und Beleidigten werde brutal und blutig Rache an fremdgesteuerten Politikern nehmen, die das Wohl der Massen missachten. Der Song inszeniert Gewalt- und Machtfantasien, deren unbarmherzigen Furor man in allen Facetten sonst nur aus den Sozialen Netzwerken kennt.

Xavier Naidoo bei einem Auftritt am 1. Mai in Mannheim
Umstrittener Song „Marionetten“ Viel Kritik an Söhnen Mannheims

Die Söhne Mannheims haben weiter Ärger wegen ihres umstrittenen Songs „Marionetten“. Radiosender reagieren, Politiker melden sich zu Wort.

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Alles „Missverständnisse“, schrieb Naidoo gestern auf der Facebook-Seite der „Söhne Mannheims“ – nach einem Treffen mit dem SPD-Oberbürgermeister Mannheims am Abend zuvor. Missverständnisse, die sich an „einzelnen Fragmenten oder Satzteilen“ des Liedtexts entzündet hätten.

Naidoo versucht auf Facebook, die Entstehung seiner Kunst aus dem „Unterbewusstsein“ zu erklären und den Künstler gleichsam als Seismografen für das kulturelle und politische Beben der Gegenwart. „Marionetten“ sei eine „zugespitzte Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Strömungen“, die sich aus der Beobachtung bestimmter Stimmungen, Auffassungen und Entwicklungen“ ergeben habe: „bewusst überzeichnet“. Die „,Söhne Mannheims‘ und ich“, schreibt Naidoo, „stehen für eine offene, freiheitliche, liberale und demokratische Gesellschaft, in der viele Kulturen gemeinsam zusammenleben und in der es allen Menschen möglichst gut geht. (. . .) Die ,Söhne Mannheims‘ und ich stehen seit vielen Jahren ganz klar gegen jede Art von Gewalt, gegen jede Art von Fremdenhass, gegen jede Art von Diskriminierung und gegen jede Form von Radikalismus oder Nationalismus. Genauso erheben wir seit Jahren unsere Stimme gegen alle menschenverachtenden, populistischen oder Hass säenden Personen und Bewegungen.“ Wir wollen es gern glauben. Aber was macht es besser? Nichts. Naidoo und die „Söhne Mannheims“ sind an ihrer Kunst gescheitert.

Viel Unheil

Der Songtext ist zwar kein Pamphlet, er ist keine politische Stellungnahme und kein politischer Debattenbeitrag. Deswegen muss sich Naidoo dafür auch nicht entschuldigen wie für eine politische Entgleisung. Aber der Text ist so diffus, sein Gehalt so obskur und wirr, dass er lediglich schlecht abbildet, was Naidoo, wenn wir seinen Facebook-Einlassungen folgen wollen, doch zu erhellen, klärend zur Sprache zu bringen vorgibt. Offenkundig beruft sich Naidoo auf einen uralten Künstlerbegriff, der ihn als empfindsames Organ und Sprachrohr höherer Einsicht versteht. Aber welche Einsichten vermittelt der Text, die nicht längst offenkundig und landauf, landab Gegenstand turbulenter Diskussionen sind? Keine. Im Gegenteil: Die Verse laden jene ein, sie in Anspruch zu nehmen, gegen die schon immer sich ausgesprochen zu haben Naidoo im Nachhinein behauptet. Der Liedtext ist im Ton, in der Wortwahl, im Duktus nahezu deckungsgleich mit dem, wogegen der Sänger sich angeblich wendet. Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst hieße sie ja Wunst, lautet eine alte Weisheit. Kunst entsteht eben nicht nur mithilfe des Unterbewussten, sondern ebenso mithilfe des Verstands. Es geht gar nicht darum, dass ein Gedicht „politisch korrekt“ auf der Seite der „Guten“ zu stehen hat. Es geht darum, dass es seinem Stoff gewachsen ist, dass es das, was es „will“, auch in der künstlerischen Form „kann“.

Wer sich mit seiner Kunst so weit ins Konkrete der politischen Wirklichkeit vorwagt, muss mitreflektieren, wohin er sich begibt, indem er Distanz gewinnt zu dem, was ihm das Unterbewusste einflüstert. Kunst hat auf politischem Feld schon viel Unheil angerichtet, schlechte Kunst vielleicht noch mehr als gute, allein schon durch ihr massenhaftes Auftreten.

Xavier Naidoo und die „Söhne“ täten gut daran, das missratene, unrettbare Lied nicht mehr zu singen. Allein um dem Verdacht zu entgehen, sie seien nicht nur politisch zweifelhaft, sondern auch miserable Künstler, die immer erst erklären müssen, was sie eigentlich meinen.

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