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Neapolitanischer Barock in Wiesbaden

Diese Kunstepoche fand Kurator Peter Forster viel zu interessant, um sie nur auf einer Wand des Wiesbadener Museums zu zeigen. Nun präsentiert eine umfassende Schau die monumentalen Werke des neapolitanischen Barock.
Das Gemälde "Der bethlehemitische Kindermord (1630-1635)" des neapolitanischen Malers Massimo Stanzione (1585-1656) inj Wiesbaden. Foto: Arne Dedert Bilder > Das Gemälde "Der bethlehemitische Kindermord (1630-1635)" des neapolitanischen Malers Massimo Stanzione (1585-1656) inj Wiesbaden. Foto: Arne Dedert
Wiesbaden. 

Es wird gemordet, gestorben, gekämpft: Der neapolitanische Barock bannt oft die monumentalen Themen des Lebens auf die Leinwand, viele Szenen stammen aus der Bibel. Das Museum Wiesbaden widmet seine große Schau „Caravaggios Erben” den Künstlern dieser italienischen Epoche des 17. Jahrhunderts.

Zum ersten Mal trage ein deutsches Haus die großen Werke der neapolitanischen Barockmalerei umfassend zusammen, betont das Museum am Dienstag mit Blick auf die Eröffnung Ende der Woche. Die Motive pendelten zwischen „emotionaler Sinnlichkeit und theatralischer Überwältigung”.

Ausgangspunkt der Schau waren drei Werke von Francesco Solimena (1657-1747) und ein Bild von Luca Giordano (1634-1705) aus dem Wiesbadener Besitz. Damit wurde 2013 bereits eine Wand gestaltet - und weckte im Kurator Peter Forster die Idee nach einer umfassenden Ausstellung.

„Zu der Faszination des neapolitanischen Barock zählt neben den Hell-Dunkel-Effekten der gnadenlose Realismus”, erklärt er. Der Kunststil sei sehr dicht und eindringlich. „Die dargestellten Menschen werden vom Maler so in Position gebracht, dass der Betrachter das Gefühl hat, vor einer Bühne zu stehen, auf der die Szene quasi eingefroren ist.”

Über mehrere Jahre liefen die Planungen, inzwischen haben Museen und private Sammlungen aus elf Ländern Werke nach Hessen geschickt. Darunter sind der Louvre in Paris, die Galerie der Uffizien in Florenz, das Museo di Capodimonte in Neapel, das Kunsthistorische Museum in Wien und die Graf Harrach'sche Familiensammlung von Schloss Rohrau in Österreich. So können nun in Wiesbaden allein mehr als 100 monumentale Tafelbilder gezeigt werden. Insgesamt umfasst die Ausstellung 200 Werke von mehr als 50 Künstlern.

Die Epoche des neapolitanischen Barocks beginnt mit dem Eintreffen von Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio (1571-1610), in der Stadt am Golf im Herbst 1606. Innerhalb kurzer Zeit avancierte er zum Vorbild für mehrere Generationen von Künstlern, wie das Museum erläutert.

Als Modelle wählten Caravaggio und seine Nachfolger oft Menschen aus dem Volk und stellten sie auch lebensnah dar - mit schmutzigen Füßen, mit zerrissenen Kleidern. „Das sind keine abgehobenen, schönen Madonnen”, sagt Kurator Forster. In dieser Darstellung spiegele sich auch die teils grausame Lebenswirklichkeit der Neapolitaner aus dieser Zeit wider, die mit Unterdrückung, Pest und Umweltkatastrophen wie dem Ausbruch des Vesuv zu kämpfen hatten.

Viele Werke sind nach den Worten von Forster „brutal schön”. Dies gelte auch für vermeintlich friedliche Szenen, etwa bei dem Bild „Heilige Cäcilie” von Francesco Guarino (1611-1651): Auf den ersten Blick scheint es, als ob die Schöne friedlich schläft. Erst beim genauen Hinschauen ist eine Blutlache und ihre durchstochene Kehle zu erkennen.

Ebenfalls nichts für zarte Nerven ist „Der bethlehemische Kindermord” von Massimo Stanzione (1585-1656). Eine geschickt gesetzte Lichtachse lenkt den Blick des Betrachters über die spitzen Schwerter der Angreifer auf den entsetzten Blick der Mutter, die ihr schreiendes Baby beschützen will. Das eigentliche Grauen liegt eher im Schatten: Eine weitere Frau hält den abgeschlagenen Kopf eines Kindes in den Händen, eine kleine Hand liegt in der Mitte der Szene auf dem Boden.

Auch bei „Judith und Holofernes” (Artemisia Gentileschi, 1593-1653) fließt Blut: Zwei entschlossene Frauen enthaupten den assyrischen Feldherrn. „Caravaggios Erben” biete die Gelegenheit, „die Intensität, Brutalität und Pracht dieser Malerei in ihrer ganzen Dichte zu erleben”, wie es das Museum ankündigt.

(Von Andrea Löbbecke, dpa)
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