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Ausstellung im Caricatura-Museum: Neue Frankfurter Schule: Ich glaub’, mich küsst ein Elch

Von Das Caricatura-Museum hat seine Dauerausstellung neu geordnet und lässt die satirischen Grüngürtelwesen von Traxler bis Gernhardt satirisch hervortreten.
„Die schärfsten Kritiker der Elche  /  waren früher selber welche“, reimte der Satiriker F.W. Bernstein, und Hans Traxler schuf die Skulptur dazu. Bilder > „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche“, reimte der Satiriker F.W. Bernstein, und Hans Traxler schuf die Skulptur dazu.

Tierisch geht es zu, wenn das „Caricatura“ von morgen an bis zum 14. Mai 2017 andere Sammlungsbestände anstelle der bisher gezeigten präsentiert. Die Lichtempfindlichkeit von Zeichnungen auf Papier, macht in regelmäßigen Abständen Neuhängungen notwendig.

Wer den Oberstock des Museums betritt, stößt dort auf eine große Karte des Umweltamtes. Eingetragen sind die Standorte aller Skulpturen und Exponate, die seit vierzehn Jahren nach Entwürfen und Ideen von Künstlern der „Neuen Frankfurter Schule“ oder des Umkreises auf dem achttausend Hektar großen Frankfurter Grüngürtel aufgestellt wurden. Sie erfreuen sich großer Beliebtheit bei den Spaziergängern. Symbolfigur und Sympathieträger des landschaftsgeschützten Grüngürtels ist das Grüngürteltier Robert Gernhardts (1937–2006). Er erfand es im Jahr 2001 und schenkte die Nutzungsrechte dem Umweltamt der Stadt, um den Grüngürtel zu fördern.

Die neue Hängung hält an den Kabinettabteilungen der fünf Schwerpunktkünstler Robert Gernhardt, Chlodwig Poth, Hans Traxler, F. K. Waechter und F. W. Bernstein fest, berücksichtigt nun aber vor allem Entwürfe, Skizzen, Modelle und Fotografien in Sachen Grüngürteltier und Artverwandte. Aus aktuellem Anlass kommen Arbeiten von Bernd Pfarr und Kurt Halbritter (1924–1978) hinzu.

Sponti-Geist mit vier Pfoten

Als bekannteste Tierschöpfung der Provenienz „Neue Frankfurter Schule“ hat natürlich der Elch zu gelten, dem F. W. Bernstein die Verse „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche“ widmete. Hans Traxlers spätere Elch-Zeichnung im Regenmantel und im Habitus des kritisch-abgebrühten Sponti-Geistes inspirierte die Skulptur, die heute den Museumseingang ziert.

Nun gibt es Elche ganz real, ein Umstand, der dem berühmtesten Vers-Couplet der „NFS“ fundamentale Glaubwürdigkeit verleiht. Wie aber steht es um den Hahnzu, den Deuter, Wasserdäumler, Langschnäbligen Ofenröhrer, Schraubenzieher, das Fußpferd und den Wirbelripper? Auch sie sind, immerhin, im Bilde erfasst, und das seit 1975. Ihre skurrilen Artnamen verdanken sich ihrem Äußeren. Wer ihre Existenz skeptisch bezweifelt, sei auf jenes Standardwerk der Fauna und Flora verwiesen, dessen Verfasser, Kurt Halbritter, sie in ebendiese „Tier- und Pflanzenwelt“ aufnahm. Der naheliegende Einwand, es könne sich nur um kryptozoologische Wesen wie den Yeti oder die Schrecksen eines Walter Moers handeln, die in der realen Natur nie beobachtet wurden, schien bislang stichhaltig. Das aber ändert sich Ende November oder Anfang Dezember. Dann taucht der Barfüßer, ein weiteres Halbritter-Tier, verlässlich in Rödelheim auf. Ort der künftigen Sichtung: die Kurt-Halbritter-Anlage zwischen der Eisenbahnbrücke über die Nidda und der Brücke über den Mühlbach zum Solmspark.

Hauptkriterium der Existenz einer Spezies ist die exakte wissenschaftliche Beschreibung. Im Fall des Barfüßers lautet sie: „Der Barfüßer (Pedarius nudus peregrinatorum ) ist in den Sohleika-Sümpfen anzutreffen. Mit sechzehn Paar Barfüßen ausgerüstet, ist sein Auftreten leise und bescheiden. Sucht die Nähe von Menschen. Wo eine Wallfahrt stattfindet, ist der Barfüßer nicht weit. Man muss einmal das Bild gesehen haben, wenn die Frommen, müde vom Pilgern, den Heimweg auf dem Rücken dieses gutmütigen Tieres zurücklegen. Seine Nahrung besteht aus Moos und Blattwerk. Auch die Krumen und Happen der Pilger verachtet der Barfüßer nicht.“

Zeichnet sich das urtümliche Grüngürteltier durch Schweinskopf, Wolfsohren, Lurchschwanz, Flügelchen, spungbereites Hinterlaufpaar und ein unverschämt vergnügtes Grinsen aus, so hätte Brehms Tierleben am Barfüßer, (so benannt nach den Barfüßermönchen des Mittelalters) diese Eigenschaften zu berücksichtigen: die Feistigkeit des Körperbaus, die Tausendfüßer-artige Wendigkeit, das Deplatzierte einiger Körperteile.

Noch ist das Zweieinhalb-Meter-Original der Skulptur in Bronze in der Gießerei beim Kasseler Bildhauer Siegfried Böttcher. Die Ausstellung präsentiert jetzt schon die Zeichnungen Kurt Halbritters, der den Barfüßer wie einen Lindwurm mit Pilgerfähnchen sich durch die Landschaft schlängeln lässt, sowie ein hautfarbenes Modell unter Glas. Der einst berühmte Frankfurter Zeichner Halbritter ist zwar etwas in Vergessenheit geraten, doch war er seit den 1950er Jahren als kritischer Künstler anerkannt, unter anderem für seine Karikaturen von NS-Mitläufern. Die aufstrebenden jüngeren Kollegen stießen erst nach ihm zur Zeitschrift „Pardon“ hinzu und richteten sich an dem neidvoll betrachteten Kollegen auf. Eine Bürgerinitiative hat sich des Nachruhms dieses „NFS“-Urvaters gerade rechtzeitig angenommen, um dem vierzehn Jahre alten Grüngürteltier-Projekt von „Caricatura“ und Umweltamt neuen Schwung zu geben.

Das Ding an sich

Vom Ur-Grüngürteltier gibt es nicht weniger als 33 unterschiedliche Zeichnungen, die zum großen Teil von Philipp Waechter stammen. Dessen Vater F. K. Waechter trägt, wie in der Ausstellung akribisch dokumentiert, sieben Grüngürtel-Stücke bei: den Pinkelbaum zum Beispiel, der die Rache der Bäume am Baum-bepinkelnden Geschlecht der Hunde vollzieht, oder die „Monsterkinder“ – drei riesige Eicheln zum Sitzen im Wald. Sein Werk lässt noch viel Luft für Grüngürtel-Kunst – man denke nur an seine Zeichnung mit den Buchstaben des Wortes „Ding“, die sozusagen das Ding an sich in die Landschaft stellt. Etwas für Neukantianer nah am Philosophikum?

Denk mal ans Ich

Ungemein beliebt als Fotomotiv ist das gut dokumentierte „Ich-Denkmal“ Hans Traxlers – hier auch in Zeichnungen vom Bany bis zur Dickmamsell zu bewundern. Schön auch seine ironischen Mein-Freund-der-Baum-Zeichnungen aus der Zeit des Öko-Überschwangs. Nicht lange nach Denkmal-Motiven suchen muss man auch bei F. W. Bernstein. Seine Zeichnungen einer „Toten Hose“ auf dem Denkmalsockel etwa erinnern jetzt schon an Claes Oldenburgs und Coosje van Bruggens „Kragen und Krawatte, umgedreht“ vor einem Bankenhochhaus an der Mainzer Landstraße. Chlodwig Poth hat die Einweihung seiner Stelen mit Zeichnungen an seinem Sossenheimer Lieblingsplatz (jetzt „Poth-Plätzchen“) noch miterlebt, damals sogar mit Blick auf die Skyline, die jetzt hinter Baumwipfeln verschwunden ist. Ausgestellt sind zudem etliche Blätter seiner „Frankfurter Federleser“, die Parks wie den Bethmann-Park und den Bolongaro-Schlossgarten zeigen: keine schlechten Orte auch sie.

 

Caricatura-Museum für Komik, Leinwandhaus, Weckmarkt 17, Frankfurt. Bis 14. Mai 2017, Di bis So 11–18 Uhr, Mi 11–21 Uhr. Eintritt 6 Euro. Telefon (069) 212-30 161. Internet www.caricatura-museum.de

 

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