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Am Freitag erscheint "Blue &; Lonesome": Neues Album der Rolling Stones: Alles schwitzt, alles keucht

Kann es das gewesen sein? Die "Rolling Stones" haben mit "Blue &; Lonesome" ein Cover-Album alter Blues-Nummern aufgenommen. Sie klingen darauf so frisch wie seit Jahren nicht mehr.
Bisschen faltig, bisschen steif, aber lebendig: Die „Stones“ vor einigen Monaten auf Kuba. Foto: Alejandro Ernesto (EFE) Bisschen faltig, bisschen steif, aber lebendig: Die „Stones“ vor einigen Monaten auf Kuba.

Das große Versprechen der Popmusik ist ja, dass du sein kannst, wer du willst, du musst dazu bloß eine Gitarre in die Hand nehmen. Und Mick Jagger und Keith Richards, diese blassen Halbstarken, wollten zu Beginn der Sechziger nichts lieber sein, als zwei schwarze Blues-Brüder aus dem Mississippi-Delta.

Also machten sie genau das: Sie spielten im miesen Londoner Nebel-Wetter die schwitzigen Songs von Chuck Berry, Little Walter und Muddy Waters nach. Vielleicht gar nicht besonders gut, vielleicht nicht besonders kraftvoll, vielleicht sogar ziemlich läppisch – aber, ach, das war ziemlich egal. Es ging um die Macht der Gitarre, es ging um die Macht der Bühne, es ging um die Macht der Pop-Musik, von der damals noch niemand etwas wusste. Die Pop-Musik wurde ja gerade erst erfunden.

Und während die „Beatles“ ein paar der schönsten Melodien dieser Welt über ein paar melancholische Akkorde legten, da hatten die „Rolling Stones“ von Beginn an Randale im Sinn. Der große amerikanische Pop-Weise Tom Wolfe sagte einmal über den Unterschied dieser beiden Jungenbanden: „Die ,Beatles’ wollen deine Hand halten, aber die ,Stones’ wollen deine Stadt niederbrennen.“

Das Fundament des Blues

Nachdem die „Beatles“ innerhalb von zehn Jahren alles zur Pop-Musik gesagt hatten, was man überhaupt sagen kann, verhedderten sie sich in ihren eigenen Egos. Die „Rolling Stones“ hingegen machten einfach weiter, immer weiter, trotz Todesfall, Peinlichkeit, Palmen-Unfall. Bis heute spielen sie ihre Beat-Blues-Nummern auf riesigen Bühnen, zuletzt vor einer Million frenetisch feiernder Menschen in Havanna. Es könnte immer so weitergehen. Die „Stones“ als ewiger Jungbrunnen, als Dorian Gray, als niemals alternde Jungenbande.

Doch leider gibt es da diese Gemeinheit mit dem Tod, der jeden Menschen ereilt. Egal ob Postbote oder Rock-Gott. Jagger, Richards und ihre Kumpels befinden sich derzeit im Herbst ihres Lebens. Die Rücken schmerzen, die Falten sind tief. Es könnte bald zu Ende sein.

Vielleicht erinnern sie sich genau deswegen jetzt an jene Tage, in denen sie einst mit dem Krachmachen begannen – mehr als 50 Jahre ist das her.

Ihr neuestes Album, das 23., trägt das alte Blues-Diktum im Titel: „Blue & Lonesome“, trübsinnig und einsam. Zwei Worte, auf denen sich sämtliche Blues-Nummern der Welt begründen. Es sind die Worte, mit denen alles begann: „Wenn ein schwarzer Mann allein war und verzweifelt, dann spielte er den Blues“, schrieb einst Mick-Jagger-Biograf Philip Norman. Und dieses Gefühl, diesen Blues feiern die „Stones“ auf ihrem neuen Album.

Tatsächlich gibt es auf „Blue & Lonesome“ keine einzige Eigenkomposition. Alle zwölf Nummern sind Cover-Versionen alter Blues-Hits, zumeist vor vielen, vielen Jahren in Chicago komponiert.

Es sind Songs von Howlin’ Wolf, Robert Johnson, Jimmy Reed, Memphis Slim und Little Walter. Die „Rolling Stones“ gehen auf diesem Album zurück in eine Zeit, in der sie als Teenager ungeduldig vor einem Plattenladen standen, um auf die neueste Lieferung aus Amerika zu warten. Und dass sie dieses Album noch unbedingt machen mussten, das hört man in den ersten Sekunden von „Just Your Fool“, diesem zähflüssigen Blues-Stampfer von Little Walter. Das bollert wie in einem Dampfkessel. Jagger spielt Mundharmonika, wie auf fast allen Nummern des Albums. Alles schwitzt, alles keucht. Das ist so simpel, so logisch. Die Songs schreien nach Sex und Verführung.

Das gesamte Album wurde binnen drei Tagen live und ohne Overdubs in den Londoner British Grove Studios eingespielt, worin vielleicht das Geheimnis des Drucks und der Schroffheit dieses Werks liegt. Das kann man insbesondere im unbarmherzigen Stampfer „Commit A Crime“ hören, der von Gewalt und Flucht handelt: „I’m gonna leave you woman / Before I commit a crime“. Die Mundharmonika bläst zum Stoßgebet, die Gitarre gibt dem Song den letzten Rest. Was für ein Lied!

Eric Clapton ist dabei

Die „Stones“ bleiben nah an den Originalen. Hardcore-Blues, nennen das manche. Logisch, dass da auch Blues-Legende Eric Clapton mitmischen wollte: Auf zwei Songs spielt er seine prägnanten Gitarren-Licks.

„Manche dieser Songs haben wir seit 1962 oder 1963 nicht mehr gespielt. Aber meine Finger können sich noch daran erinnern“, sagte Keith Richards nach den Aufnahmen. Man hört es – es ist die Ursuppe des „Stones“-Sound, der sich durch ihren Rhythm and Blues drückt, und auch durch ihre frühe Beat-Musik. Wäre dieses Album tatsächlich das letzte dieser Band, es wäre ein großer Abgang.

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