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Roman „Golden House“: Neues Buch von Salman Rushdie: Was hat die Mafia mit dem Islamismus zu tun?

Ein geheimnisvoller Superreicher aus New York und seine exzentrischen Söhne bilden den Kern einer Sippe, die von ihrem Nachbarn beobachtet wird.
Salman Rushdie (70), hier vor zwei Jahren auf der Frankfurter Buchmesse, stellt dort im Oktober auch seinen jüngsten Roman „Golden House“ vor. Foto: Arne Dedert (dpa) Salman Rushdie (70), hier vor zwei Jahren auf der Frankfurter Buchmesse, stellt dort im Oktober auch seinen jüngsten Roman „Golden House“ vor.

Salman Rushdie, der große Autor, hat seinen ersten Film gedreht. Bedauerlicherweise hat er daraus ein Buch gemacht. Ein Buch über einen Film über die Geschichte von „Golden House“. Das ist leider ziemlich schiefgegangen.

Salman Rushdie (70) ist so etwas wie eine literarische Empfehlung seiner selbst: Man liebt seine frühen Arbeiten („Die satanischen Verse“) so, dass man sich auch alle neuen Werke vornimmt. Dabei wird man zwar bisweilen enttäuscht, aber dann kommt wieder ein großer Wurf, und man weiß, woher die Treue rührt.

Rushdie hat während und nach dem Todesurteil Fatwa, das 1989 über ihn wegen Lästerung des Islam verhängt worden war, verständlicherweise manch nicht so überzeugendes Buch geschrieben. In den letzten Jahren aber waren erneut wundervolle Romane darunter, zuletzt das poetische „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ und die packende „Bezaubernde Florentinerin“. Und jetzt das. Ein Buch, das unzählige Themen anreißt, keines ausführt.

Neuer Name, neues Leben

Lange muss der Leser spekulieren, was sich denn als Kern der Handlung herausschälen wird. Der Titel legt nahe, dass es das „Golden House“ sein wird, in dem ein geheimnisvoller Tycoon mit seinen drei erwachsenen Söhnen wohnt. In New York hat die Sippe unter falschen, der griechischen Mythologie entlehnten Namen ein neues Leben begonnen. Der Ich-Erzähler ist der Nachbar, ein Filmemacher, der einen guten Stoff wittert. Er freundet sich mit den Goldens an, um hinter ihr Geheimnis zu kommen, und wird hineingezogen in ihre Machenschaften.

Es geht also um Familienbande und Intrigen, um despotische Väter und psychisch verunsicherte Kinder, um geldgierige Erbschleicherinnen und untergejubelte Schwangerschaften. Wäre ja ein guter Plot, hätte Rushdie ihn wirklich ausgeführt. Aber er schiebt die Personen herum wie Pappfiguren und lässt den Ich-Erzähler/Regisseur ihre Beweggründe wie in schlechten Filmen aus dem Off kommentieren.

Zu viele andere Themen treiben den indisch-britischen Schriftsteller um, zum Beispiel die Wahl von Donald Trump. Im Roman hat er nicht wie in Wirklichkeit orangefarbene sondern grüne Haare und wird in Anlehnung an einen berühmten Film-Bösewicht „Der Joker“ genannt. Man spürt das Entsetzen über diesen Präsidenten in jedem Satz, die echte Verzweiflung des wahren Humanisten, der Rushdie ist.

Ein großes Seitenthema: Geschlechter-Identitäten und die Frage, was Transgender-Debatten mit unserer Gesellschaft und mit unserer Sprache machen. Einer der Golden-Söhne ist Autist und erfindet Computerspiele. Ein anderer ist sehr attraktiv und erfolgreicher Künstler, einer hadert mit seinem Mannsein und denkt über eine Geschlechtsumwandlung nach. Aber alle bleiben als Romanfiguren bloß und blass wie eine nackte Wand.

Die mythischen Elemente dürfen bei einem Rushdie-Roman natürlich nicht fehlen. Und sie fehlen auch hier nicht. Die sagenhaft schöne Vasilisa, die sich Nero Golden unter den Nagel reißt, ist in Wahrheit eine Hexe namens Baba Jaga, eine Figur aus der slawischen Mythologie. Rushdie, der umfassend gebildete Intellektuelle, der manische Zeitungsleser, der breit interessierte Popkultur-Versteher: Fast scheint es, als könne dieser blitzgescheite Autor das Assoziationsgewitter in seinem Kopf nicht unter Kontrolle halten. Griechische Mythen rasen durch das „Golden House“, Terroranschläge und Amokläufe – und natürlich Filmszenen, Filmtitel, Filmzitate. Manche Szenen beschreibt der Autor wie Regieanweisungen, andere sind Dialoge wie in einem Drehbuch. Und wenn auch das nicht klappt, schreibt er: Wäre das hier ein Film, dann müsste jetzt . . .

Terror in Asien

Zum stärksten seiner vielen Themen kommt Rushdie erst kurz vor Schluss des Romans. Auf den letzten Seiten geht es um Mafia-Strukturen in Indien und Pakistan und ihre Verquickung mit dem internationalen Terrorismus. Das wäre das Buch gewesen, das wir hätten lesen wollen. Vielleicht schreibt Rushdie das ja als nächstes. Das wäre gut. Denn langfristig lohnt es sich, diesem Autor die Treue zu halten.

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