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Konzert: Nick Cave in der Jahhunderthalle: Der Fürst der Finsternis wird zur Lichtgestalt

Hosianna! Die beglückten Fans huldigten dem Australier wie einem Messias und der Sänger dankte es ihnen und ging auf Tuchfühlung.
Nick Cave in der Jahrhunderthalle. Foto: Sven-Sebastian Sajak Nick Cave in der Jahrhunderthalle.

Schon im Opener wird deutlich: mit normalen Songstrukturen werden sich Nick Cave und seine kongeniale sechsköpfige Band „The Bad Seeds“ nicht aufhalten. Schließlich schreibt Warren Ellis, der Piano, Keyboards, Gitarre und Geige spielt und hier als „Musical Director“ fungiert, auch Musik fürs Theater, ist ein erfolgreicher Filmkomponist, der 2016 den „César Award“ für das Drama „Mustang“ gewann.

In „Anthrocene“ legt er seine Klavierakkorde über elektronisch anmutende Klangmuster. Auf diese Akkorde setzt Nick Cave seinen betörenden und oft auch beängstigenden Gänsehaut-Bariton für eine halb gesprochene, halb gesungene Poesie. Das wirkt mitunter wie ein Gebet.

„Anthrocene“ stammt wie sechs weitere Stücke vom letzten „Bad Seeds“-Album „Skeleton Tree“, das Cave über den Abend verteilt fast komplett auf die Bühne bringt. Die Lieder wurden 2016 als Caves emotionale Aufarbeitung des Todes seines 15-jährigen Sohnes Arthur im Jahr zuvor gedeutet. Die meisten schrieb er schon davor. Dennoch hat der Verlust in den finalen Versionen Spuren hinterlassen.

Rock mit Sinn fürs Drama

Tod und Tragik spielen seit jeher eine große Rolle in Caves Kunst. Wer den Mann in Schwarz schon einmal in einem Solokonzert am Flügel erlebt hat, weiß: Cave kann problemlos einen romantischen Liederabend gestalten, Schubert, Schumann und Hugo Wolf würden sich nahtlos einfügen. Aber hier bringen sich die Mitstreiter als kammermusikalisch agierende Rockgruppe mehr und mehr als Klang- und Lautmaler ein. Sie beherrschen das Drama genauso wie Cave selbst.

Wie wenig man den auf ein Genre festlegen kann, belegt „Magneto“. Das könnte auch eine Jacques-Brel-Interpretation sein, ein Chanson, das sich zum Space Blues entwickelt, während die Bühnenoptik und die Schwarzweiß-Bilder auf den Leinwänden rechts und links der Bühne Film-Noir-Assoziationen wecken. Aus Wim Wenders „Der Himmel über Berlin“ stammt „From Her To Eternity“ und greift die Dynamik von „Higgs Bosom Blues“ davor auf. Jetzt hämmern mächtige Stakkati auf das Publikum ein, das Vibraphon produziert keine angenehmen Schwebetöne mehr, sondern setzt gezielt Dissonanzen. Ellis benutzt seine Geige zur reinen Lärmerzeugung. Ein erstes infernalisches Zwischenspiel, das sich gegen Ende des Auftritts wiederholt und verdichtet.

Dazwischen tänzelt Cave wie ein Derwisch, der – ständig auch am Bühnenrand unterwegs – den Körperkontakt zu seinen Fans sucht. Die strecken ihm, wo immer er vor ihnen auftaucht, die Hände entgegen. Wie Schwanenhälse ragen sie aus der Menge hervor, als wollten sie gefüttert werden.

Tänzeln mit der Menge

Sie werden vom Sänger berührt, getätschelt, mit festen Griff umfasst. Eine seltsam anmutende Choreografie, die – als er später das Bad in der Menge sucht und sich im „Weeping Song“ zum Dirigenten seines Publikums-Chors aufschwingt – fast wie eine geprobte Inszenierung wirkt.

Mehr als zwei Dutzend Menschen lädt er ein auf die Bühne. Der oft zitierte „Fürst der Finsternis“ wandelt sich zur Lichtgestalt. Doch wofür steht der Messias, dem hier gehuldigt wird? Im Angesicht der Apokalypse vielleicht für ein neues Gefühl von Solidarität.

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