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Konzert: „Nickelback“ rocken in Frankfurt und schlucken mehr Brandy, als der Show gut tut

Soviel Chuzpe muss man erst einmal haben. Sich ohne Ironie in einem Song zum „Rockstar“-Sein zu bekennen und das auf der Bühne so auszuleben wie „Nickelback“, verdient zumindest mal eine Erwähnung.
Chad Kroeger von „Nickelback“ schmachtet, reißt Witze und wird auch mal zotig. Foto: Sven-Sebastian Sajak Chad Kroeger von „Nickelback“ schmachtet, reißt Witze und wird auch mal zotig.
Frankfurt. 

Es sieht alles nach generalstabsmäßiger Planung und minutiös getakteter Liveshow aus. Eine digitale Uhr tickt herunter: Der Countdown läuft, die Spannung steigt. Das Publikum zählt die letzten Sekunden rückwärts mit. Man muss fast zwangsläufig an „Astro-Alex“ in der kasachischen Steppe denken. Nur hob die Sojus dort vor vier Tagen pünktlich ab. Auf der Bühne der Festhalle tut sich erst einmal nichts. Da muss etwas mit der Synchronisation schiefgelaufen sein. Aber die Fans werden schnell erlöst. Mit einem wahren Sound- und Lichtgewitter starten „Nickelback“ in ihr fast zweistündiges Set.

Der Opener „Feed The Machine“ ist Titelsong des noch aktuellen Albums und wird von einer SciFi-artigen Bilderflut vorangepeitscht. Als trotzige Rockhymne gefeiert, geht es den Musikern im Text darum, allzu mächtigen Regierungen in der Welt Widerstand entgegenzusetzen. „Nickelback“ als „Message-Band“. Apocalypse Now.

Sanft und heftig

Doch so schroff und metallen, wie manche Akkordfolgen des Quartetts auch erscheinen mögen, „Nickelback“ driften nie in Düsternis ab. Ganz im Gegenteil. Bei „Photographs“ nehmen die Musiker ihre Anhänger mit den Polaroids auf der Leinwand mit in ihre bunte Hinter-den-Kulissen-Welt und suchen gleich die Nähe mit ersten Sing Alongs. „Let’s do one for the Ladies“ flötet Sänger und Gitarrist Chad Kroeger vor der ersten Ballade des Abends.

Man denkt an die Bilder der frühen „Nickelback“, bekanntlich schon 1995 in der Kleinstadt Hanna gegründet – da war der Frontmann aus den Prärieprovinz Alberta noch reichlich zugewachsen im Gesicht. Die Wandlung vom Waldschrat zum Womanizer scheint gelungen. „Nickelback“ hat viele weibliche Fans, der oft härteren Gangart zum Trotz. Auf Platte waren sie früher weicher. Live changieren sie zwischen brachial und beinahe sanftmütig, viel Dynamik zeichnet die Arrangements aus.

Mike Kroeger, der Halbbruder des Vokalisten, spielt einen satten Bass; Daniel Adair nutzt sein Riesentrommel-Arsenal für virtuose Begleitungen; Ryan Peake teilt sich mit Chad Kroeger die nicht nur Riff-betonte Gitarrenarbeit. Alles souverän gelöst, handwerklich tadellos. Dabei war die Verachtung und Ablehnung der Umsatzgiganten bei CDs und Konzerttickets sogar einmal Thema einer ernsthaften Diskussion bei Spiegel online. Auch wenn da zehn teilweise nachvollziehbare Gründe erfasst wurden, warum „Nickelback“ eine fürchterliche Band sind, ist man als professioneller Beobachter des gut besuchten Auftritts in der allerdings nicht ausverkauften Festhalle nach gut einem Drittel geneigt, ein allerdings voreiliges Fazit zu ziehen: sauber abgeliefert!

Nur mit der Moderation zu „Something In Your Mouth“, von Kroeger als Lied angekündigt, das ihn immer zum Schmunzeln bringe, kommt ein Bruch in die Kommunikationsstrukturen. Denn jetzt tuscheln und feixen die Herrschaften auf der Bühne mehr untereinander – für die Zuhörerschaft oft nicht nachvollziehbar. Hauptsache, sie haben ihren Spaß dabei. Die Rockband versucht sich in Stand up-Comedy. Aber es dauert nicht lange, da wird der Roadie angewiesen: „Alkohol auf die Bühne . . .“.

Alkohol tut nicht wohl

Das mag man im ersten Moment noch für einen Witz gehalten haben, ha, ha – wahrscheinlich trinken die da nur Kamillentee. Am Ende muss es dann doch Brandy gewesen sein, denn die Albernheiten nehmen zu, auch wenn die Lieder dazwischen wie der Piano-Slow-Song „Lullaby“ nicht darunter leiden. Die über die Jahre erlangten Deutschkenntnisse werden kundgetan. „Das ist super.“ „Das ist verboten.“ Unbestrittener Lieblingsausspruch: „Geile Scheiße.“ „Den benutzen wir auch so in Australien“, lässt Kroeger wissen. Für jeden Gag bekommt er viel Beifall.

Die „Nickelback“-Gefolgschaft ist treu und frisst den Buben aus der Hand. Längst ist die vermeintliche Alternative Metal Band mit Post Grunge-Anbindung zur Showband verkommen. Immerhin wird der Gig jetzt interaktiver. Für „Rockstar“ muss ein Pärchen auf die Bühne, um die Zeilen, die nach Glück und Ruhm heischen, mitzusingen. Natürlich muss das am Ende noch mit einem Handy-Bild festgehalten werden. Es menschelt.

Später muss sich Gitarrist Ryan Peake einen Kollegen aus der Menge aussuchen, der kurzerhand einsteigen soll. Das Kerlchen mit seinen zerrissenen Jeans sieht aus wie ein für ein Musical gecasteter Rock ’n’ Roller und zieht vollkommen unbeeindruckt von den Stars drumherum seine klischeehaften Posen ab. Das soll ein Zufallszugriff gewesen sein? Kaum zu glauben – eher ein abgekartetes Spiel. Die Megahits „How You Remind Me“, „Gotta Be Somebody“ und „Burn It To The Ground“ setzen den Schlusspunkt.

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