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"Literatur im Römer": Nordsee, Pankow, Polen, Zürich und Istanbul

Von Der abschließende Tag der Veranstaltung war geographisch und literarisch von außergewöhnlicher Bandbreite.
Philipp Tingler liest, Moderator Alf Mentzer lächelt. Foto: Rainer Rüffer Philipp Tingler liest, Moderator Alf Mentzer lächelt.

Wievielen Polizeiermittlern mag die Tröstung Hinterbliebener ein Anliegen sein, für das sie sogar siebenstündige Umarmungen auf sich nehmen? So einer ist Jakob Franck, Friedrich Anis Held in „Der namenlose Tag“ (Suhrkamp). Sein Tun entspricht dem Selbstverständnis des Autors, der Cécile Schortmann sagte: „Der Weg des Schmerzes ist meine Arbeit.“ Selbstmord nannte er „weltweit eines der großen Tabuthemen“. Obwohl Bayer, bekundete er seine Abscheu vor Bergen. Er schätze die Nordsee.

Pedo Knopp leitete den Abend mit den „Andrew Sisters“ ein und interpunktierte den Rest mit assoziativen Klängen, derweil sich Schortmann und Alf Mentzer ohne Live-Druck Zeit ließen. Dass Philipp Tinglers „Schöne Seelen“ (Kein & Aber) ein Lesevergnügen „zwischen Oscar Wilde und P. G. Wodehouse“ sei, blieb trotz Amüsements zweifelhaft. Zu sonnigen Gemüts rechtfertigte der Autor die Reichen an Zürichs Goldküste in ihrem „Unglück auf hohem Niveau“. Einen der Helden ließ er arg geschliffen über seinen stammelnden Psychologen obsiegen. Kluge Autoren machen sich und ihre Ersatz-Ichs kleiner, nicht größer. Sonst wird es literarisch neureich.

Seltsam, wie sich Katharina Hackers „Skip“ (S. Fischer) im Talent des Helden zur Linderung fremden Leids mit Anis Kommissar berührte. Ihren Tel Aviver Architekten ruft eine innere Stimme als Totengeleiter an Orte, wo Katastrophen dräuen. Hacker: „Einen Menschen jäh zu verlieren oder sich vorzustellen, wie Menschen ohne Arg aus dem Leben herausgefetzt werden, ist so eine unbegreifliche Sache!“

Feridun Zaimoglus 800-Seiten-Opus „Siebentürmeviertel“ und „Baba Dunjas letzte Liebe“ von Alina Bronsky, die im selben Verlag (Kiepenheuer & Witsch) mit einem Fünftel auskommt, boten danach Erleichterung. Ersterer eroberte sich das ärmlich-bunte Istanbuler Viertel des Vaters aus dessen handgestückelter Erinnerungskarte. Die Lesung wirkte leider litaneihaft, was an der symbolischen Überhöhung des Prologs liegen mochte.

Baba Dunja ist Bronsky-Lesern vertraut, was deren Büchlein zum Postskriptum macht. Daran zu denken, hätte einigen Kritikern Enttäuschungen erspart. Und was ist, bitte schön, unglaubhaft am Idyll einer Tschernobyl-Heimkehr? Bronsky: „Man kann den Menschen doch nicht vorschreiben, wovor sie sich zu fürchten haben!“ Außer im grünen Deutschland?

Von den letzten Dreien, das waren Jochen Schmidt („Der Wächter von Pankow“, C. H. Beck), Matthias Nawrat („Die vielen Tode des Opa Jurek“, Rowohlt) und Ursula März („Für eine Nacht oder fürs ganze Leben“, Hanser), überzeugte der gebürtige Pole Nawrat. Schmidt zeigte immerhin viel Witz, als er sich über die Mausoleumshüter vom Marbacher Literaturarchiv lustig machte. Manche davon treten erfahrungsgemäß unleidlich auf. „Man ist da in so einem Pharaonengrab der Literatur“, beschrieb Schmidt seinen Marbach-Besuch und fragte, ob er seine Werke künftig gleich zur Beerdigung dorthin schicken solle, statt erst noch umständlich zu veröffentlichen.

Glanz verbreitete Nawrat. Sein Buch konzentriert sich auf Opole, wo der berühmte Theatermann Jerzy Grotowski lebte. Nawrat peppt die Leidensgeschichten seines realen Opas aus Auschwitz und dem kommunistisch bedrückten Polen literarisch auf. Als Kind, verriet er, habe er diese Anekdoten als Abenteuergeschichten missverstanden. Die Erkenntnis kam später. Und wurde zu Literatur.

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