E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 20°C

Kino: "Nur Gott kann mich richten": Frankfurt Noir

Von Schwarz wie die Nacht: In dem Film noir des türkisch-deutschen Regisseurs Özgür Yildirim zeigt die Main-Stadt ihre finstersten Verbrechensschauplätze.
Ricky (Moritz Bleibtreu) hält sich nicht ans Gesetz, aber er hat eine Moral und einen Glauben: Vor und nach seinen Überfällen bittet er Gott um Vergebung. Ricky (Moritz Bleibtreu) hält sich nicht ans Gesetz, aber er hat eine Moral und einen Glauben: Vor und nach seinen Überfällen bittet er Gott um Vergebung.

Dass Frankfurt eine Unterwelt hat, weiß jeder. Doch wie sie wirklich aussieht, weiß niemand, es sei denn, er ist von Beruf Polizist. Als Unbeteiligter nimmt man lediglich wahr, was aus der Unterwelt an die Oberwelt gelangt. Drogenhändler gehen an Hauptbahnhof und Konstablerwache unter aller Augen ihren Geschäften nach. Zuhälter führen Großhunde in den Straßen des Bordellviertels spazieren und trainieren in den Boxstudios von Griesheim oder Nied ihre Oberarmmuskulatur. Gewalttätige Rocker halten in Geländewagen vor Straßencafés an der Hauptwache und werden dort von Ihresgleichen am helllichten Tag erschossen. „Mord im Milieu“, heißt das in den Nachrichten.

In den üblichen Fernsehkrimis wiederum („Ein Fall für Zwei“, „Tatort“) ist Frankfurts Unterwelt meist durch einen Schmutzfilter zu erleben, gereinigt von Blut und Hoffnungslosigkeit, geeignet auch für Zuschauer unter 16. Tatverdächtige sitzen sozialverträglich in Untersuchungshaft und bekommen von ihrem Strafverteidiger Besuch. Oder Mörder und Totschläger flüchten bei leichtem Schusswechsel und werden zum guten Ende von den Kommissaren gestellt.

Abstieg in den Hades

Solche Abschwächungen des Bösen kann man nun vergessen und sich dafür wirklichkeitsgetreu „Nur Gott kann mich richten“ anschauen. Es ist, als wäre der türkisch-deutsche Filmemacher Özgür Yildirim in den Hades des Verbrechens hinabgestiegen und hätte seinen Kameramann Matthias Bolliger mitgenommen, um endlich zeigen zu können, was sich tatsächlich abspielt zwischen Innenstadt, Höchst und Fechenheim. Nachts, wenn der Frankfurter Bürger schläft und seine Stadt so schwarz ist, dass sie sich so gut für einen Film noir eignet wie Berlin, New York und Los Angeles auf einen Schlag.

Moritz Bleibtreu spielt jenen Ricky, der sich nach Einfall der Dunkelheit mit seinem Verbrecherwerkzeug in der Reisetasche zur Arbeit begibt. Er passt die Stunden ab, in denen Autoschieber und Heroinhändler in ihren Hinterhöfen und verfallenen Fabrikhallen volle Kassen haben. Dann zieht Ricky die Sturmhaube übers Gesicht, holt die Waffe hervor und brüllt nach dem Geld. Helfer sind sein jüngerer Bruder Rafael (Edin Hasanovic), der sonst in einer Strip-Bar den Aufpasser macht, und Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan), der seine Shisha-Bar in Alt-Sachsenhausen finanzieren muss. Warum er das tut, was er tut, fragt Ricky sich längst nicht mehr. Er ist ein Mann ohne Gesetz, wenn auch mit eigener Moral, ein Abkömmling der Asozialität, mit früh gestorbener Mutter und altem, trunksüchtigem Vater (Peter Simonischek), um den er sich kümmert.

Seit Ricky mal wieder für einen Raub im Knast gesessen hat, will er auf die spanische Insel Cabrera abhauen und eine Bar aufmachen. Aber dafür braucht er Startkapital, und das kriegt einer wie er nicht von der Bank ausgezahlt. Er muss es sich selbst organisieren, beim nächsten Ding. Dieses Mal will Ricky sich nicht erwischen lassen. Doch in Frankfurts Straßen ist nachts auch die Streifenpolizistin Diana (Birgit Minichmayr) unterwegs. Alleinstehende Mutter mit todkranker Tochter. Für 30 000 Euro könnte die Beamtin auf dem Schwarzmarkt ohne Warteliste an ein Spenderherz für ihr Kind gelangen. In einem Film wie diesem müssen sich die Wege von Ricky und Diana einfach kreuzen. Damit sichtbar wird, dass das Gute nicht nur gut und das Schlechte niemals nur schlecht ist.

Regisseur Özgür Yildirim hat für seinen weit ausholenden, großartigen Film, der künstlerisch Hollywood-Format erreicht, die absolute Schonungslosigkeit gewählt. Knallhart zeigt er die Brutalität der Frankfurter Unterwelt, in der Türken, Kurden, Nordafrikaner, Jugoslawen, Albaner und Russen verschiedene Banden bilden, die sich auch untereinander bekämpfen. Handlung und Aussage dieses bannenden Kinowerks reichen weit über eine routinierte Gangstergeschichte hinaus. Beide dringen in die Tiefe, hin zu den Ursprüngen der Verrohung und auch hin zu ihrem existenzialistischen Ausmaß. Ricky ist ein liebender, schützender Sohn und Bruder. Zugleich kennt er gegenüber anderen kein Mitleid, weil er selbst nie welches kennnengelernt hat. So wie er aufgewachsen ist, konnte er gar nichts anderes werden als kriminell.

Germany, Hesse, Frankfurt, red light district at Bahnhofsviertel PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY WD002618

Germany Hesse Frankfurt Red Light District AT Station district PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY WD002618
Quiz Wie gut kennst du das Frankfurter Bahnhofsviertel?

Vorm Yok-Yok rumhängen und Gin Tonics während der Bahnhofsviertelnacht süffeln kann jeder. Aber wer kennt sich mit der spannenden Geschichte des Stadtteils aus? Mach das Quiz!

clearing

Rap der Straße

Von den Menschen erwartet Ricky rein gar nichts mehr und will sich deshalb in seinen Taten auch nicht von ihnen beurteilen lassen. „Nur Gott kann mich richten“, sagt er und kniet sich mit tätowiertem nackten Oberkörper hin zu Gebet und Sündenbekenntnis. Einen Moment lang könnte man ihn für einen Moslem halten, der sich gen Mekka verneigt. Aber er ist Christ, denn er sagt „Amen“. Gerade mit dieser starken, geradezu biblischen Szene erweist sich der Hamburger Özgür Yildrim, der bislang Kinowerke wie „Chikko“ und „Blutzbrüdaz“ sowie zwei „Tatorte“ inszeniert hat, zum wiederholten Mal als Begründer einer neuen Gattung: die der türkisch-deutschen Gangsterballade mit entsprechendem Gangster-Rap. Sie hat in Moritz Bleibtreu den idealen Hauptdarsteller. Und sie hat einen berühmten Paten: den amerikanischen Regisseur Elia Kazan („Jenseits von Eden“, „Die Faust im Nacken“). Auch dessen Schuldbeladene sind verloren. Aber nur für das Diesseits. Das Jenseits gibt ihnen immer noch eine Chance.

Zwei geballte Fäuste für den Kampf. Zwei gefaltete Hände für das Vaterunser. Herausragend

In diesen Kinos

Frankfurt: Metropolis. Sulzbach: Kinopolis. Limburg: Cineplex.
Offenbach: Cinemaxx. Mainz: Cinestar

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen