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Karasek ist tot: Nur keine Langeweile

Im „Literarischen Quartett“ warfen sich Marcel-Reich-Ranicki und sein kongenialer Partner die Bälle zu. Auf eine gute Pointe mochte Karasek nie verzichten.
Er war ein Ästhet: der Literaturkritiker und Buchautor Hellmuth Karasek 2008 in seiner Wohnung in Hamburg. Foto: Jens Ressing (dpa) Er war ein Ästhet: der Literaturkritiker und Buchautor Hellmuth Karasek 2008 in seiner Wohnung in Hamburg.

Jahrelang diskutierte Hellmuth Karasek mit Marcel Reich-Ranicki und anderen in der ZDF-Sendung „Das Literarische Quartett“ über neue Bücher. Dabei ergänzten sich der oft polternde Reich-Ranicki und der eher feinsinnig-spöttische Karasek, so dass andere in der Runde kaum einen Stich bekamen. Am Dienstag ist Karasek im Alter von 81 Jahren in Hamburg gestorben – zwei Jahre nach Reich-Ranicki. Damit geht auch eine Ära der Platzhirsche der Literaturkritik in Deutschland zu Ende.

Die Neuauflage des Fernsehklassikers konnten beide nicht mehr miterleben: Am Freitag zeigt das ZDF den Neustart mit einer neuen Kritikerrunde, fast 14 Jahre nach der letzten Sendung. Für ZDF-Kulturchef Peter Arens war Karasek süchtig: „süchtig nach Literatur und süchtig nach dem Disput, gerne kontrovers, aber immer vermittelnd, gerne auch humorvoll – ein in jeder Hinsicht engagierter Kulturvermittler eben.“ Bundespräsident Joachim Gauck sagte: „Ohne ihn wäre das literarische Leben in unserem Land sehr viel ärmer – und auch erheblich langweiliger.“

Karasek war ein kultureller Tausendsassa: Journalist, Kritiker, Moderator, Romancier, Dramatiker. Und er liebte das Publikum. Selbst nachdem das „Quartett“ (1988–2001) nach 77 Folgen und 375 besprochenen Büchern eingestellt wurde, tauchte der Kulturkritiker immer wieder auf dem Bildschirm auf, was ihm bisweilen Kritik einbrachte. „Ich kann an solchen Fernsehauftritten nichts Ehrenrühriges finden“, sagte er dazu. „Das Fernsehen hat mein Leben am meisten verändert.“ Im August erschien auf You-Tube noch eine skurrile Rezension Karaseks über den Ikea-Katalog – „das meist verbreitete Buch der Welt mit einer Auflage von fast 220 Millionen Exemplaren“, das bisher nie rezensiert worden sei. „In Billy Wilders zehn Geboten des Filmemachens heißen die ersten neun: Du sollst nicht langweilen“, schrieb Daniel Kampa, Programm-Geschäftsführer des Verlags Hoffmann und Campe, zum Tod Karaseks. Karasek, der über Wilder eine vielgerühmte Biografie verfasste, habe das auf sein Schreiben übertragen. „Er war ein begnadeter Erzähler und intellektueller Entertainer.“

Hartes Urteil

Doch als Kritiker konnte Karasek genauso hart urteilen wie der in Medien zum „Literaturpapst“ ernannte Reich-Ranicki. Legendär ist der Verriss des Günter-Grass-Romans „Ein weites Feld“ 1995 im „Spiegel“. Auf dem Titelbild ist Reich-Ranicki zu sehen, der das Buch mit den Händen zerreißt. „An diesem Cover bin ich schuld. Ich war damals verantwortlicher Kulturredakteur beim ,Spiegel‘ und habe Reich-Ranicki zur Besprechung gebeten“, bekannte Karasek.

Als Journalist schrieb Karasek für diverse Zeitungen, und er war Theaterkritiker bei der Wochenzeitung „Die Zeit“. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und verfasste unter dem Pseudonym Daniel Doppler Theaterstücke. Dabei war das Schreiben für ihn harte Arbeit, wie er zu seinem 75. Geburtstag gestand.

Sein Romandebüt hatte er 1998 mit „Das Magazin“ gegeben – über das intrigante Innenleben eines Hamburger Nachrichtenmagazins. Meist wurde das Buch verrissen, aber vereinzelt auch trotz Übertreibungen als wahre Schilderung anerkannt. Zwei Jahre zuvor hatte es zwischen Karasek und dem „Spiegel“ ein Zerwürfnis gegeben: Über einen abgelehnten Artikel zu Helmut Dietls Film „Rossini“ kam es 1996 zum vorläufigen Bruch.

Geboren wurde Karasek 1934 als eines von fünf Kindern im mährischen Brno (Brünn). Ende des Zweiten Weltkrieges floh die Familie vor der Roten Armee nach Bernburg/Saale in Sachsen-Anhalt. Nach dem Abitur übersiedelte Karasek 1952 aus der damaligen DDR in die Bundesrepublik und studierte in Tübingen Germanistik, Geschichte und Anglistik. „Ich habe in zwei Diktaturen gelebt. Die erste habe ich gemocht und erst später gemerkt, dass das ein Schweineregime war. Die zweite habe ich von Anfang an gehasst.“ Ihn habe seine Kindheit im „Dritten Reich“ am meisten geprägt, erzählte er. „Durch den Krieg hat man gelernt, dass kein Stein auf dem anderen steht, nichts Bestand hat und man immer misstrauisch bleibt.“

Seine künstlerischen Gene gab Karasek, vierfacher Vater und in zweiter Ehe mit der Kulturredakteurin Armgard Seegers verheiratet, an seine Kinder weiter: Sohn Daniel aus erster Ehe ist Intendant am Theater in Kiel, Tochter Laura hat ihren ersten Roman („Verspielte Jahre“) veröffentlicht. „Sie wollte einen künstlerischen Beruf ergreifen, aber ich habe zu ihr gesagt: Lerne was Anständiges – und da hat sie Jura studiert.“ Als sie ihm die ersten 100 Seiten ihres Romans vorgelegt habe, war er jedoch überzeugt: „Das musst Du unbedingt weitermachen!“

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