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Nur nicht scheuchen lassen

Von Ihr Meisterwerk hat die schottische Rockband „Travis“ längst vorgelegt. Doch auch 14 Jahre später ist ihr ein schönes Album gelungen: „Where You Stand“.
»Travis«-Sänger Fran Healy hat's lieber leise als laut.	Foto: dpa »Travis«-Sänger Fran Healy hat's lieber leise als laut. Foto: dpa

Fran Healy kann es kaum glauben. „Why does time move so fast?“, wundert sich der Sänger über den Lauf der Zeit. Wer ihm dabei zuhört, gerät selbst ins Staunen. Ist es wirklich so lange her, dass „The Man Who“ erschienen ist, diese rührende „Travis“-Songsammlung über Menschen, die wie Treibholz über den Fluss des Lebens schwimmen? Songs wie „Driftwood“ oder „Turn“ ließen Ende des vergangenen Jahrtausends selbst die Augen rauester Britpopper glänzen und etablierten das schottische Quartett als eine der populärsten Gruppen des Vereinten Königreichs.

 

Immer mit der Ruhe

 

Trotzdem kann man sich jetzt, da die neue Platte „Where You Stand“ in den Läden steht, auch darüber wundern, dass es „Travis“ überhaupt noch gibt. Denn um die ohnehin noch nie sonderlich laute Band war es zuletzt auffallend still geworden. Fünf Jahre hat sie gebraucht, um die elf Stücke zu schreiben und aufzunehmen. Es sei eben nicht schneller gegangen, erklären die Schotten, die immer so freundlich und entspannt wirken, dass man liebend gern mit ihnen eine Runde Minigolf spielen und dabei koffeinhaltige Limonade trinken würde. Scheuchen lassen können sich andere.

Wenig überraschend daher, dass „Where You Stand“, ähnlich anderen Titeln im Bandkatalog, einem Ruhepuls folgt. Allerdings sind die Arrangements des Albums nicht so subtil und raffiniert wie auf früheren Platten. Neil Primrose etwa trommelt fester, die Gitarristen Fran Healy und Andy Dunlop setzen in den bisweilen etwas hymnischen Refrains auf flächigere Sounds im Stile von „Snow Patrol“, deren Erfolg ohne den von „Travis“ freilich kaum denkbar wäre („Moving“). Auch lyrisch wirkt die Formation kaum mehr so gewitzt wie einst, als sie sich nicht scheute, in ihren Texten die Gallagher-Brüder anzustumpen oder auf der Bühne Britney-Spears-Lieder nachzuspielen (und ihnen damit ungeahnte Würde zu verleihen).

Dennoch findet sich auf diesem siebten Album der Band, deren Mitglieder bereits seit den frühen 90ern zusammen spielen, vieles von dem, was ihre Musik seit jeher auszeichnet. Das gilt zunächst für die Stimmung in den Liedern: fragend und zweifelnd, dabei nie der Trübsal verfallend, sondern immer auch aufmunternd und in sich ruhend. Prägend ist daneben nach wie vor das Zusammenspiel von akustischer und elektrischer Gitarre. Gerade Dunlops Einsätze, die sich kaum als Soli bezeichnen lassen, verleihen den Songs eine filigrane Eleganz. Die milde verstärkten, kaum verfremdeten Töne schmiegen sich an die Melodie an und umranken sie, ohne sie zu überwuchern.

 

Es ist nie zu spät

 

Auf diese Weise gelingt es der Gruppe um Healy, der auch schon eine nette Solo-Platte aufgenommen hat, ihre jüngste LP abwechslungsreich klingen zu lassen, obwohl sie instrumental wenige Experimente eingeht. Allenfalls rhythmisch versuchen die Glaswegians neue Akzente zu setzen: „New Shoes“ unterlegt ein dumpfer Triphop-Schlag, „Another Guy“ bricht den Beat, und der Takt von „Boxes“ wirkt wie am Rechner programmiert.

Trotzdem ist „Where You Stand“ insgesamt ein geradliniges Album geworden, auf dem sich die vier Briten auf ihr Können als Songschreiber verlassen. Zu Recht. Überzeugen kann nicht nur Sensibles wie das herzklopfende „Reminder“ oder die sparsame Piano-Ballade „The Big Screen“, bei der Healy seine ansonsten so freundlich-warme Stimme hinten überkippen lässt und so an den Schmerzensmann Thom Yorke erinnert. Auch manch hochgestimmter Song in bester Britpop-Tradition gefällt („Mother“ zur Eröffnung), selbst wenn er nicht mit den Klassikern im „Travis“-Repertoire konkurrieren kann.

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