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Theater in Frankfurt: Nussknacker-Ballett in neuer Inszenierung in der Jahrhunderthalle

Von „The Nutcracker reloaded“ versetzt Clara als Bettlerkind auf einen Müllberg und lässt Drosselmeyer zum Vampir mutieren.
Alles andere als ein Traumprinz: der Nussknacker (Marcus Nyström) mit Bettlerkind Clara (Ellen Lindblad). Foto: Sven-Sebastian Sajak Alles andere als ein Traumprinz: der Nussknacker (Marcus Nyström) mit Bettlerkind Clara (Ellen Lindblad).

Das Weihnachtsfest ist längst vorbei, und doch tanzt der Nussknacker dieser Tage noch durch die Frankfurter Jahrhunderthalle. Aber es ist nicht der Märchenprinz, von dem das Mädchen Clara einst zu den Klängen von Peter Iljitsch Tschaikowsky träumte, sondern ein selbstverliebter, nicht nur in sich, sondern auch in zwei Teile zerrissener R-’n’-B-Sänger.

Dämonische Züge

Der schwedische Choreograf Fredrik Rydman hatte 2011 schon einmal den berühmten „Schwanensee“ entzaubert; ein paar Jahre später musste dann das nächste große klassische Ballett dran glauben. „The Nutcracker reloaded“ erinnert nur noch spärlich an die Vorlage des deutschen Romantikers E. T. A. Hoffmann. Zwar besaß auch in dieser der Pate und Uhrmacher Droßelmeier, in der modernen Variante Drosselmeyer, dämonische Züge. Doch nun hat sich der Meistermacher mechanischer Spielwaren in einen bösen und hinterhältigen Organhändler (Johan Forsberg) verwandelt, der für viel Geld einer kranken Frau (Amanda Arin) zu einem neuen Herzen verhelfen will. Dieses schlägt bei Clara (Ellen Lindblad) in der Brust, die hier kein wohlbehütetes Töchterchen aus gutem Hause, sondern ein armes Bettlerkind ist, das weit von den Eltern entfernt auf einer Müllkippe lebt. Um ihr Vertrauen zu gewinnen, bringt der später sogar als Vampir in Erscheinung tretende Geschäftsmann dem Mädchen die obere Hälfte eines Nussknackers mit, den er zuvor zusammen mit ihrem Vater und ihrer Mutter per Smartphone ablichtete und der sich vom steifen Holzspielzeug zum lebendigen Gardetänzer (Marcus Nyström) wandeln wird.

Vor dem Hintergrund dieser immer wirrer werdenden gesellschaftskritischen Geschichte, die der Erzähler Kalle Westerdahl als angeblicher Abgesandter des schwedischen Kulturministeriums humorvoll, aber viel zu ausschweifend in Einschüben erläutert, damit wirklich jeder sie versteht, lässt Rydman seinen zahlreichen Bildideen freien Lauf. Das beginnt mit einer Klinikszene zum Auftakt des Geschehens, in der die todkranke Patientin mit ihrem Bett durch einen optisch vorgetäuschten Tunnel rauscht. Statt Schnee fallen weiße Plastiktüten auf die verwahrlosten, cracksüchtigen Kinder auf dem Abfallberg herab. Und dank gekonnter Video- und Lichttechnik (Tobias Hallgren, Andreas Skärberg, Pixelfield & David Nordström) bewegen sich die modernen Spielfiguren, die die Soldaten des Originals ersetzen, Darth Vader (Robert Söderström) etwa oder der breakdancende Super Mario (Bruce Almighty), zu stark verfremdeten Klängen des Originals durch die gewohnte Laser- und Computerwelt.

Auch der Rest der Trickkiste, in die tief hineingegriffen wird, beinhaltet Fantasievolles. So übt sich der Nussknacker, dem Clara aus Weggeworfenem die Beine nachbildet, an der Ballettstange geschickt mit seinen dürren Prothesen und parodiert im Tutu die technische Perfektion klassischer Spitzentänzer. Kleiner Tipp für Zuschauer: Auf bühnennahen Plätzen wird das Schattenspiel dahinter leider schnell enttarnt.

Pfiffiges von der Insel

Witzig erweist sich auch der Pas de Deux zweier Engländer, denen Clara auf der Suche nach ihren Eltern rund um die Welt in London begegnet und die vom Brexit über das Teetrinken bis zum Zeitunglesen in ihren nicht ganz stummen Dialog pfiffig all die Vorurteile und Themen einbauen, die man gerne mit den Inselbewohnern verbindet.

Doch diese bisweilen gefährlich nahe der Reizüberflutung kommende Produktion des kreativen Künstlers, der auch die Darsteller des neuen Musicals „Fack Ju Göhte“ in Bewegung bringt, kann nicht darüber hinweg täuschen, dass in tänzerischer Hinsicht zwar eine moderne Mischung unterschiedlicher Stile gelungen ist, dass diese aber abseits der Effekte wenig Überraschendes bietet. Und dass die Übergänge doch – man könnte das als passend zum Titelhelden empfinden – oft hölzern geraten.

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