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Der Allmächtige ist wieder da: Ob im Kino oder in Büchern: Gott zeigt sich wieder öfter

Von Lange wollten Autoren und Regisseure nichts mehr von Gott wissen. Jetzt wünschen sie sich ihn zurück. Aber will der Allmächtige noch was mit den Menschen zu tun haben?
In dem Film „Die Hütte“ mit Sam Worthington schickt Gott einen Brief. In dem Film „Die Hütte“ mit Sam Worthington schickt Gott einen Brief.

Man glaubt es kaum: Gott der Allmächtige, von dem man gedacht hätte, dass er sich seine Beschäftigungen aussuchen kann, steht am helllichten Tag in einem grauen Mantel an einem Münchner Altglascontainer. Aber was macht der Allmächtige da? Guckt er zu, wie Leute vorbeikommen, um leere Weinbotteln und Marmeladengläser aus den Plastiktüten in die Behälter zu werfen? Ist Gott ein Ordnungsbesessener? Ein Grünen-Wähler mit Jürgen-Trittin-Macke, der aufpasst, dass alles, was kein Flaschenpfand hat, wiederverwendet wird? Hat Gott nichts Besseres zu tun?

Geschafft von der Erde

Von wegen. Der Herrgott, so wie er in dem kürzlich erschienenen Büchlein „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ verewigt ist, entsorgt seine leeren Champagner-Flaschen in den Container. Er hat sich eine kleine Sause gegönnt, um sich über sein eigenes Werk zu trösten. Schließlich hat er die Welt erschaffen und dabei gewisse Fehler gemacht, wie er nach eingehender Besichtigung festgestellt hat. Zwar könnte sich Gott nun ruckzuck wieder himmelwärts beamen. Aber er verharrt dort, wo der Alltag am gewöhnlichsten ist. Denn er hat sich eingelassen auf einen Spaziergang mit dem Ich-Erzähler und Autor Axel Hacke durch München. Hier möchte Hacke sich von Gott höchstpersönlich erklären lassen, warum selbiger die Welt so gemacht hat wie sie ist, und ob man sie ihm auch reklamierend zurückgeben kann.

Jesus (Philippe Rebbot) in dem Film „Das Ende ist erst der Anfang“. Bild-Zoom
Jesus (Philippe Rebbot) in dem Film „Das Ende ist erst der Anfang“.

Gott als Erdengestalt, nah bei den Menschen. Das scheint fast ein Ideen-Infekt zu sein, der plötzlich Bücher und Filme befällt. Wobei es noch mal was ganz Anderes ist, ob Gott am Flaschencontainer steht, oder ob Gottes Sohn vom 13. April an in den deutschen Kinos neu inszeniert „40 Tage in der Wüste“ verbringt. Letzteres dürfte allein mit Ostern zu tun haben. Und damit, dass Ewan McGregor zwischendurch mal wieder einen Independent-Film machen wollte. Folglich schleppt sich der schottische Schauspieler als Jesus unter sengender Sonne durch viel Sand und lässt sich ein bisschen vom Teufel versuchen.

Obdachlos unter der Brücke

Frappierender ist da schon, dass Jesus vom 11. Mai an in dem belgischen Westernverschnitt „Das Ende ist erst der Anfang“ in den Filmtheatern auftritt. Hier trägt der Erlöser statt Turban einen olivgrünen Parka und rote Strickhandschuhe und sucht die Gesellschaft eines Obdachlosen-Paars, das etwas unbeholfen ist. Der Heiland zeigt den beiden jungen Leutchen, wie man unter einer Autobahnbrücke Feuer macht. Bei dieser Gelegenheit schaut er sich ein wenig im Hier und Heute um und wird dabei sogar angeschossen, so dass er ein kugelrundes Schussloch statt ein längliches Wundmal in der Handfläche davonträgt. Kurz vor dem Showdown der Westernhandlung greift Jesus sogar selbst zur Waffe. Wie gesagt, Regisseur Bouli Lanners ist Belgier.

Gott (der Herr links im grauen Mantel) spaziert in Axel Hackes Buch „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ durch München und erklärt seine Welt. Bild-Zoom
Gott (der Herr links im grauen Mantel) spaziert in Axel Hackes Buch „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ durch München und erklärt seine Welt.

Schaut man sich all die Bücher und Filme an, die sich auf einmal so um Gott sorgen, dass etwa die aus Aserbaidschan stammende Berliner Autorin Olga Grjasnova den Roman „Gott ist schüchtern“ veröffentlicht hat, dann gewinnt man durchaus den Eindruck: Auch Gott liegt noch was an den Menschen. Das wäre zumindest eine deutliche Erleichterung für den österreichischen Kabarettisten Werner Schneyder, der einst seufzte „Ich glaube an Gott – Umgekehrt bin ich da nicht so sicher“. Im Vergleich zu früher jedoch hat Gott sich verändert, nicht nur äußerlich. Der Herr des Himmels zwingt die Leute nicht mehr zum Glauben und zum Kirchgang und dazu, sich an die zehn Gebote zu halten. Er lässt sie gewähren und drängt sich ihnen nicht auf. Seine Gleichmut scheint so riesig wie die eines Buddha oder eines Hippies und Seelentherapeuten: „I am okay, you are okay“. Am liebsten lässt dieser neue liebe Gott die Menschen zu sich kommen, wenn sie wollen.

Begeistert von Yoga

Manchmal allerdings macht er eine Ausnahme und steckt heimlich eine Einladung in den Briefkasten. Etwa in dem Kinothriller „Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott“, der gerade angelaufen ist. Hier bezeichnet sich Gottvater zutraulich als „Papa“ und kümmert sich um den Australier Sam Worthington. Letzterer spielt einen Mann, der alles Gottvertrauen verloren hat, weil seine Tochter ermordet worden ist. Wie konnte Gott das zulassen? Nun, dreifaltig und unendlich weise wie der Allmächtige eben ist, gibt er dem verbitterten Sam Worthington in den Wäldern von Oregon eine gründlich durchdachte Erklärung ab, die sich wie ein spiritistischer Selbsterfahrungskurs ausnimmt. Dreierlei lässt sich daraus lernen: Gott macht wohl auch Yoga. Er ist für immer und ewig gut. Und er ist für biblische Verhältnisse erstaunlich weiblich (Näheres im Filmtheater Ihres Vertrauens).

Gottes Sohn (Ewan McGregor) fastet „40 Tage in der Wüste“. Regie führt Rodrigo García, Sohn von Gabriel García Márquez.	Abb.: Kunstmann, Concorde, Toberius Bild-Zoom Foto: Francois Duhamel
Gottes Sohn (Ewan McGregor) fastet „40 Tage in der Wüste“. Regie führt Rodrigo García, Sohn von Gabriel García Márquez. Abb.: Kunstmann, Concorde, Toberius

Gott kann aber auch anders und sich als Alleinherrscher aufspielen, als Diktator des Jenseits, der sich das Diesseits unterwirft. So wie kürzlich in der Hamburger Elbphilharmonie, wo John Malkovich, der das Kino gelegentlich zugunsten des Musiktheaters verlässt, das Einpersonen-Stück „Just call me God“ (Nenn mich einfach Gott) spielte und die Frage umkreiste, warum der Herrgott Typen wie Hitler oder Stalin schuf.

Wie auch immer: Ohne Gott fehlt etwas. Das merken alle, und neuerdings eben auch die Künstler, die doch bislang ganz gut ohne ihn auskamen. Es ist schon eine Weile her, dass der Philosoph Friedrich Nietzsche geweissagt hatte: „Gott ist tot“. Eine Zeit lang haben alle die Schultern gezuckt. Aber mittlerweile erinnern sich viele, dass der Schriftsteller Fjodor Dostojewski ergänzte: „Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt“. Es sieht nämlich so aus, als wäre es jetzt bald so weit – in der ganzen Welt und vor der eigenen Haustür. Und weil Schriftsteller wie Filmemacher meistens etwas früher Bescheid wissen als alle anderen, sie sind schließlich von Beruf Seher, bleiben sie dran an diesem Thema.

So ist für den 3. August der Kinostart eines Films angekündigt, in dem Gott vielleicht nicht höchstselbst auftritt, aber doch zu erkennen geben wird, wofür er die Verantwortung trägt: „Die göttliche Ordnung“. Denn so lautet der Titel des Films. Er führt in jenen Teil der Welt, in dem bis heute „wenig von den gesellschaftlichen Umwälzungen der 68er-Bewegung zu spüren ist“. Diese zurückgebliebene Gegend, in der die Welt noch so in Ordnung ist, dass es sich um die göttliche handelt, findet sich laut Angabe der Filmproduzenten in der Schweiz.

Gemeldet in Brüssel

Keine Frage: Zwischen Berggipfeln, Kühen und Toblerone-Schokolade kann man sich ein Himmelreich gut vorstellen. Vielleicht tut der Allmächtige tatsächlich dort Dienst. Seine Privatadresse aber muss er ganz woanders haben. „Gott wohnt in Brüssel“, ließ nämlich der belgische Regisseur Jaco van Dormael schon vor zwei Jahren in seinem Kinowerk „Das brandneue Testament“ wissen. Darin war Gott ein Familienvater und schlurfte im Bademantel durch sein Domizil. Vielleicht war das der Anfang der neuen Gottes-Filme. Nur hätte das damals eben noch niemand gedacht.

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