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Premiere: Oper Frankfurt zeigt zum Saisonauftakt Péter Eötvös’ „Tri Sestry“

Es zirpt und zerrt. Es quietscht und raunt. Im Graben und auf der Bühne. Glissandi heißt das Zauberwort in der Oper nach Tschechows Drama „Drei Schwestern“.
Müde Seelen: Ray Chenez (Irina), David DQ Lee (Mascha), Mikolaj Trabka (Andrei) und Dmitry Egorov (Olga) auf einem Spielplatz. Müde Seelen: Ray Chenez (Irina), David DQ Lee (Mascha), Mikolaj Trabka (Andrei) und Dmitry Egorov (Olga) auf einem Spielplatz.
Frankfurt. 

Die Einsamkeit macht hier die Musik. Auch wenn alle Figuren miteinander reden, sich verlieben, zanken – es ist die Einsamkeit des Individuums, die Raum greift. Und es sind die Abschiede, die nicht zu einer erneuten Begegnung führen. Was bleibt, ist Leere, musikalisch symbolisiert von einer leeren Quint. Selten ist sie so dominant. Manchmal wird sie mit wechselnder Mittelterz gespielt. Dur und Moll klingen dann seltsam miteinander vermischt, die Tonarten sagen kurz Hallo und ebenso schnell Auf Wiedersehen, ehe sie sich richtig vorgestellt haben. Die Musik verharrt in der Schwebe und das Stück im Vagen.

Peter Eötvös serviert mit seiner Oper „Tri Sestry“ (Drei Schwestern) aus dem Jahr 1998 nach dem gleichnamigen Drama von Tschechow schwere Kost. Nicht nur musikalisch. Auch das Libretto, von Claus H. Henneberg gemeinsam mit dem Komponisten verfasst, hat seine Tücken. Es verdichtet die Abläufe zur Groteske.

Träume statt Taten

Nach dem Tod ihrer Eltern leben die drei Schwestern Irina, Mascha und Olga zusammen mit ihrem Bruder Andrei und dessen Frau Natascha in der russischen Provinz. Man sehnt sich zurück nach Moskau, das Landleben nervt. Doch niemand hat die Kraft, daran etwas zu ändern. Es bleibt bei Träumen und Hoffnungen. In einem Prolog sinnieren die Schwestern über die Leere – die Quint lässt grüßen. In den folgenden drei Sequenzen erzählt Eötvös das sich wiederholende Geschehen rund um die Themen Liebe, Lust und Langeweile aus der Sicht von Irina, Andrei und Mascha jeweils neu.

Frankfurt folgt bei der Besetzung der drei Schwestern dem Plan des ungarischen Komponisten und präsentiert statt Frauen mit dem US-Amerikaner Ray Chenez (Irina), dem Kanadier David DQ Lee (Mascha) und dem Russen Dmitry Egorov (Olga) drei Countertenöre. Das hat seinen Reiz, da die Herren glänzend disponiert sind, über unterschiedliche Stimmfärbung verfügen und auch die Tiefen einwandfrei ausloten. Selbst die alte Haushälterin Anfisa (mit Schalk im Nacken: Alfred Reiter) erhält ein finsteres Basstimbre. Wäre da nicht die verstorbene Mutter, die hin und wieder stumm als Statistin durch die Szenerie geistert, es stünden nur Männer auf der Bühne.

Die Inszenierung geht auf das Konto von Dorothea Kirschbaum. Sie dient dem Haus seit 2013 als Regieassistentin und hat bereits mit Tschaikowskys „Eugen Onegin“ ein Händchen fürs Sujet bewiesen. Auch den Eötvös zeichnet sie klar, macht aus dem Vorgarten einen Kinderspielplatz mit Sandkasten und Schaukel, aus dem Haus der Geschwister ein Wohnzimmer mit integrierter Küche, Esstisch, Bücherregal und Klavier. Nach der Pause stehen alle Utensilien spiegelverkehrt im Raum. Kirschbaum gewährt ihren Protagonisten im 60er-Jahre-Chic Zeit. Es wird Mikado gespielt, weil das Ende ungewiss ist und offen bleibt. Die Zeichentricksequenzen von Christina Becker zeigen Wünsche. Sie sind hübsch anzuschauen, aber entbehrlich.

Die Musik lässt im Ansatz ein wenig Gershwin hören. Eötvös zitiert in der ersten Sequenz die Arie des Gremin aus „Eugen Onegin“, die auch zur Tschechow-Vorlage gehört. Doch das Zauberwort heißt Glissandi. Sowohl im Orchester als auch bei den Sängern wird in die Töne hineingerutscht. Es zirpt und zerrt. Es quietscht und raunt. In den Duetten funktioniert das besonders gut. Wenn der verliebte Soljony (intensiv: Barnaby Rea) der jungen Irina näherkommt und die Streicher diesen Vorgang mit eindringlichem Auf- und Abgleiten unterstützen, wird das zu einer der stärksten Szenen des Premierenabends.

Bravos für die Sänger

Die musikalische Leitung hat mit dem amerikanischen Dirigenten Dennis Russell Davies ein Experte für neue Tonkunst übernommen. Das Opern- und Museumsorchester ist zweigeteilt. Davies führt im Graben ein 18-köpfiges Kammer-Ensemble mitsamt Akkordeonspielerin fürs russische Kolorit. 50 weitere Instrumentalisten spielen als Orchester unter dem Dirigat des Frankfurter Kapellmeisters Nikolai Petersen hinter der Szenerie, auf einem eigens gebauten lichtgerahmten ersten Stock. Die beiden Dirigenten stehen über Monitore in optischer Verbindung. Der duale Klang mag die beiden Ebenen bei Tschechow symbolisieren, das ideelle und das reale, die Figuren auf der Bühne tun das ausdrücklich nicht. Die Instrumente des Ensembles repräsentieren in der Partitur jeweils einen oder mehrere Charaktere, weshalb beim aufdringlichen Soljony immer die Pauken bollern und bei der Nervensäge Natascha (hervorragend: Eric Jurenas), der Frau des leidgeprüften Andrei (zum Ende hin prächtig: Mikolaj Trabka), das Saxofon quiekt.

Eötvös hat mit seinem knapp zweistündigen Werk 1998 musikalisches Neuland betreten. Die konventionelle Rezeption ist damit zugunsten des Kunstcharakters und der Verfremdung beim Teufel. „Tri Sestry“ manövriert die durchkomponierte zeitgenössische Oper weiter in die elitäre Sackgasse, in der das Artifizielle die Unterhaltung mühelos niederringt. Mittelkräftiger Applaus am Sonntag vom nicht ausverkauften Haus für das Stück und den anwesenden Komponisten, Bravorufe für die Sänger und viel Beifall für die tadellos aufspielenden Musiker.

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