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"Safe Places" am Schauspiel Frankfurt: Performance gegen Rechts

Uraufführung am Schauspiel Frankfurt: Falk Richters Performance „Safe Places“, die zum Kampf gegen die neue Rechte rüstet, bietet feinsinnigen Tanz und viele berührende Momente, krankt aber an plakativen Thesen, Wiederholungen und einem bequem klaren Weltbild.
Bunt und schräg sind Falk Richters „Sichere Plätze“. Foto: Birgit Hupfeld Bunt und schräg sind Falk Richters „Sichere Plätze“.

Es ist dieser einhellige Jubel, es sind die demonstrativen Standing Ovations Einzelner, diese überlauten Premieren-Bravorufe: Offenbar sind sich alle einig, auf der richtigen politischen Seite zu stehen. Fast scheint es, als wolle man sich gegenseitig Mut zubrüllen.

Vielleicht aber wollen die Menschen auch nur in Falk Richter einen Künstler bejubeln, dem im Winter nach seinem Frontalangriff auf Rechtspopulisten mit „Fear“ an der Berliner Schaubühne jede Menge Hass entgegenschlug. In Oktober 2015 hatte seine AfD-kritische Performance Premiere, der Schmierereien am Theater, Morddrohungen und Prozesse folgten: AfD-Frontfrau Beatrix von Storch sah ihre Persönlichkeitsrechte verletzt, verlor aber vor Gericht.

„Safe Places“ heißt nun die neue Performance des Hamburger Theaterstars, die er für Frankfurt geschrieben hat und die in gewisser Weise eine Fortsetzung des Schaubühnen-Projekts darstellt. Hatte Richter in „Fear“ ziemlich platt von Storch in einer Schreckensvision mit blutgeilen Zombies verglichen, erforscht er in „Safe Places“ zusammen mit der niederländischen Choreografin Anouk van Dijk, was das Klima von Angst und Hass in jedem von uns bewirken kann.

Während das Schauspielerquartett Constanze Becker, Paula Hans, Nico Holonics und Marc Oliver Schulze anfangs auf (gewolltem?) Stammtischniveau die Kölner Silvester-Ereignisse diskutiert, zeigen sieben großartige Tänzer aus Wales, Ungarn, Australien, Taiwan, Israel und Italien, wie die Festung Europa langsam aus dem Gleichgewicht gerät. Sie halten einzelne Tische kippelnd in der Schräge, verrenken sich zuckend auf ihnen, gleiten kunstvoll herab wie an Schollen oder Treibholz und bilden schließlich aus ihnen einen Laufsteg, auf dem Becker wie eine Diva stolziert und einen selbstgefälligen „Ich-bin-Europa“-Monolog hält.

Komischer Höhepunkt

Der ist von Falk Richter wie eine thesenhafte Predigt geschrieben, redundant, viel zu lang, wie viele Stellen im neuen Stück. Das ist umso bedrückender, als viel erschütternd Wahres in dieser Rede angesprochen wird („Meine Eltern waren Nazis, waren Humanisten, waren Entdecker, waren Kolonialisten“). Bei jeder anderen Schauspielerin hätte das penetrante Sendungsbewusstsein nervtötend gewirkt. Constanze Becker schafft es mit der ihr eigenen, leicht unterspielten Süffisanz immerhin, dass wir ihr bis zum Ende zuhören. Ihr zwanghafter, grandios eskalierender Brotmonolog, mit dem sie sich an die imaginären Flüchtlinge wendet („Wir brechen nur das Brot mit Euch, wenn ihr unsere Brotkultur anerkennt“), gehören zu den komischen Höhepunkten des Abends. Magisch die Augenblicke, in denen mal nicht Richters Sermon gesprochen wird, etwa, wenn die zarte Tänzerin Timea Kinga Maday plötzlich auf Ungarisch voller Poesie zu singen beginnt und jeder Tänzer individuell erzählen darf, welchen Vorurteilen er im Alltag in Deutschland begegnet und vor welchen Ängsten er in „Safe Places“ flieht. Oder wenn Paula Hans und Nico Holonics in einem absurden AfD-Eurovision-Song-Contest-Duett überkandidelte Schlager singen.

Am Ende ist Constanze Becker dann doch wieder Trixi (sprich: Beatrix von Storch). Diesmal hat Falk Richter keine Zombieversion gewählt, sondern zeigt sie als verletzten Menschen – Achtung Fiktion! –, der in seiner Familie nie Liebe und offene Diskussionen über die NS-Zeit erlebt hat: eben als den Geist ihres Nazi-Großvaters Graf Schwerin von Krosigk, der stets „das Böse will und das Gute schafft“. So endet ein tapferer, stets gut gemeinter, teils aber schlecht gemachter Abend, der tagesaktuell politisch sein will und in dem sich Gleichgesinnte wacker auf die Schulter klopfen. Leider scheint dabei die Kreativität und Energie aufgebraucht, sich differenzierter und verstörender mit komplexen Problemen auseinander zu setzen.

(bbo)
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