Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 5°C

Porträt: Peter Sillem: Ein neues Leben für die Kunst

Von Peter Sillem hat einen großen Schritt gewagt: Pünktlich zu seinem 50. Geburtstag hat der Programmgeschäftsleiter der Fischer-Verlage seinen Job gekündigt und sich seinen Lebenstraum erfüllt: eine eigene Galerie.
Eine eigene Galerie zu führen – diesen Traum hat sich Peter Sillem erfüllt. In den Räumlichkeiten in Frankfurt-Sachsenhausen stellt er zurzeit Arbeiten der amerikanischen Künstlerin Alia Ali aus. Eine eigene Galerie zu führen – diesen Traum hat sich Peter Sillem erfüllt. In den Räumlichkeiten in Frankfurt-Sachsenhausen stellt er zurzeit Arbeiten der amerikanischen Künstlerin Alia Ali aus.
Frankfurt. 

Da sitzt Peter Sillem nun, ganz allein in seiner Peter-Sillem-Galerie in der Dreieichstraße 2. Das ist fast in Sichtweite des Frankfurter Literaturhauses, jedoch auf der anderen Mainseite, in Sachsenhausen. Klein sind die eineinhalb Schauräume mit den großen, hellen Fenstern zur Straße hin, und doch ist genug Platz da, um Künstler in Einzelpräsentationen angemessen zu zeigen. Das ist der neue Job von Peter Sillem, und wird es, wenn alles gut läuft, in den kommenden Jahren sein. Aufgegeben hat er dafür die Sicherheit eines festen Arbeitsplatzes bei S. Fischer. Dort hatte er nach seiner Ausbildung zum Verlagskaufmann vor 30 Jahren zu arbeiten begonnen und sich über etliche Stufen, vom Lektor zum Programmleiter bis in die Geschäftsführung, hochgearbeitet.

Qualität fest im Blick

Man kann sich das gut vorstellen, wenn man ihm gegenübersitzt: Peter Sillem hat ein ruhiges, gewinnendes Wesen und ist nicht schnell aus der Ruhe zu bringen. Er ist ausgesprochen begeisterungsfähig, was man merkt, wenn er über seine Künstler spricht, und verliert doch die Erdung nicht: Seine Qualitätskriterien hat er stets fest im Blick. Das alles wird wichtig gewesen sein in seinem Beruf als Büchermacher in einem der besten deutschen Verlage. Und dies alles braucht er auch für seine neue Tätigkeit.

Ausschlaggebend für den Wechsel war die simple Frage, wie lange es noch möglich sein werde, etwas ganz Neues anzufangen im Leben. Ein Jahr vor seinem 50. Geburtstag dachte er darüber nach. Und entschied: nicht mehr lange. Denn klar war: Sollte er tatsächlich eine Galerie eröffnen, dann wollte er mit seinen Künstlern ein gutes Wegstück gemeinsam gehen. Also kündigte er, im besten Einvernehmen mit allen – „ich glaube fest an gute Abschiede“, sagt Sillem und schaut einen mit großen, offenen Augen an.

Dann feierte er seinen Abschied und den runden Geburtstag mit einem asiatischen Curry für den ganzen Verlag – und zog in die neuen Räume, die er kurz zuvor gefunden hatte.

Die erste Künstlerin, die nun zu sehen ist, heißt Alia Ali. Sie hat Eltern aus dem Jemen und aus Bosnien, lebt in Amerika, wo sie am legendären Wellesley-College, einer privaten Hochschule nur für Frauen, studierte. „Borderland“, so der Titel, passt auf ihre leuchtenden, visuell wirkmächtigen Fotoarbeiten ebenso wie auf ihre viele Grenzen überschreitende Vita. Alia Ali zeigt in kostbare Textilien gehüllte Menschen. Die prächtigen Stoffe, ihre Webarten und Muster erzählen von alten Traditionen aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt.

Nach Afrika und Mexiko, nach Japan, Java und Usbekistan, nach Vietnam und nach Indien führte Alia Ali die Weltreise, die sie für die Bilder unternahm, die nun in der Dreieichstraße zu sehen sind. Sie gehen unter die Haut, obgleich sie Verhüllungen zeigen. Stellen existenzielle Fragen nach Herkunft, Heimat und Identität, doch stets aus ungewohnten Perspektiven – und zudem in einer ganz und gar seltenen Farbenpracht.

Das ist der Anspruch, den Peter Sillem an sich und seine Künstler hat: die Welt zu befragen, durchaus auch politisch, und diese mit ungewohnten Sehweisen reicher und weiter zu machen. Auf die erste Mail, die er Alia Ali schrieb, erzählt er freimütig, bekam er keine Antwort. Auf die zweite Mail auch nicht. Dann, eines Tages, doch eine Nachricht. Sie werde demnächst in Madrid sein. Ob man sich treffen wolle. Sillem wollte, flog hin. Seine erste Ausstellung war geboren.

Das Reisen gehört zu seinem Beruf. Sillem fährt auf Messen, besucht Künstler, stellt sich Kuratoren und Sammlern vor. Vieles lässt sich heute am Computer erledigen. Ein riesiger Bildschirm auf dem Schreibtisch in der Galerie zeugt davon. Aber eben nicht alles. Also ist Sillem mobil, knüpft Kontakte – und hält bestehende. Die Buchmesse im Oktober war eine Art Probewoche für ihn. Auf der anderen Mainseite, im Literaturhaus, platzte wie alljährlich die Literaturparty des S. Fischer-Verlags aus allen Nähten. Sillem blieb in seiner Galerie.

Nicht unpassend zum diesjährigen Gastland-Auftritt hatte er ein paar Bilder des Franzosen Denis Dailleux ausgestellt. Viele vom Verlag pilgerten über die Brücke, um mal zu schauen, erzählt er. Es gab eine kleine Ansprache – und zu einem Verkauf kam es sogar auch. Seine anderen Künstler sind Grit Schwerdtfeger, Frank Mädler, Christoph Sillem und Wolf Böwig.

Um alles kümmern

Auch das Verkaufen wird künftig zu seinem neuen Beruf gehören. Das tat es natürlich früher auch schon, in Verlagszeiten. Aber nun, wo er ganz auf sich gestellt ist, ist es doch etwas anderes: direkter, so wie sich Sillem nun ja auch selbst um Hilfe für alles andere kümmern muss: von der Blumen-Deko bis zur funktionierenden Homepage. Aber Sillem scheint auch damit gut umgehen zu können.

Dass die Galerie nicht im Stadtzentrum liegt, macht ihm keine Sorgen. Von der Fahrgasse seien es nicht viel mehr als zehn Minuten Fußmarsch, der Main ist in der Nähe, der Portikus „eine Brücke weiter“, und überhaupt sei faszinierend, wie sich die Stadt derzeit nach Osten hin öffne.

Und die Bücher? Ob er sie denn nicht vermisse? Bislang habe er immer auf die große Wehmut gewartet, aber sie sei nicht gekommen, sagt Sillem. Und außerdem: „Ich habe ja jetzt das große Glück, lesen zu können, was mir in die Finger gerät.“

Galerie Peter Sillem

Dreieichstraße 2, Frankfurt. Geöffnet Mi–Sa 10 bis 16, Do bis 18 Uhr

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse