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Ausstellung: Picknick mit Alphörnern

Passend zur derzeitigen Museumsschau über die Kulturgeschichte des Essens im Grünen packt die Schweiz zum 1. August Körbe und Volksmusik aus.
Carl Spitzweg malte nicht nur arme Poeten, sondern auch Genussmenschen, die einander zuprosten, wie hier auf dem Ölgemälde „Das Picknick“ (1864). Abb.: Museum Angewandte Kunst Bilder > Carl Spitzweg malte nicht nur arme Poeten, sondern auch Genussmenschen, die einander zuprosten, wie hier auf dem Ölgemälde „Das Picknick“ (1864). Abb.: Museum Angewandte Kunst

Zwei Jahre war er spurlos im Urwald verschollen. Dann wurde David Livingstone 1871 von einer Suchexpedition gefunden. Doch der Afrikaforscher und Missionar war wohlauf. Er hatte die lange Zeit ohne menschliche Kontakte dazu genutzt, einer Horde von Berggorillas die britische Lebensart beizubringen, und, wie es sein Retter ausdrückte: „Er hat bei Gott seine Zeit nicht verschwendet.“ Livingstone hatte nämlich den Gorillas das Picknicken mit Tee und Törtchen beigebracht. Tatsächlich haben die Briten das Picknick im 18. Jahrhundert populär gemacht, aber erfunden haben sie es nicht. Freilich ist auch Livingstones Geschichte nur erfunden, vom Frankfurter Cartoonisten Hans Traxler. Der zieht am Beispiel des real existierenden Forschers die unerschütterliche Art der Briten durch den Kakao, selbst im Dschungel ihre Gewohnheiten beizubehalten.

Vergnügen im Freien

Dem Picknick-Vergnügen spürt noch bis 17. September das Frankfurter Museum Angewandte Kunst auf über 1000 Quadratmetern nach. Der internationale Rundblick reicht von England bis Indien, von Finnland bis Japan, von Frankreich bis in den Iran. Der Besucher wird in viele Kulturkreise und in verschiedenste Zeiten entführt. Natürlich gibt es dabei auch zahlreiche Picknickutensilien zu bestaunen, nicht zuletzt einige Cartoons von Hans Traxler, darunter das Livingstone-Blatt. Und einen englischen Picknick-Koffer, der heute zu einer Zürcher Sammlung gehört. Auch die Schweizer picknicken natürlich. Wenngleich etwas anders als die Engländer. Die Schweizer kennen das Raclette-Picknick. Und ein solches veranstalten sie im Museumspark an ihrem Nationalfeiertag, am morgigen 1. August. Von 12 bis 21 Uhr gibt es dazu Alphorn-Musik. Und der Museumseintritt ist an diesem Tag frei.

Speisen mit Louis Vuitton

Wie Linvingstone bis Afrika reisen muss man also nicht für ein Picknick. Man braucht auch nicht viel dafür – na ja, die Perfektionisten schon. Alle anderen aber benötigen nur eitel Sonnenschein, eine Decke, leckeres Essen, allerlei Getränke – und ein lauschiges Plätzchen im Grünen mit ein paar netten Leuten. Das kann man aber auch zelebrieren, etwa mit einem Picknickkoffer. Schon um 1910 stellte das französische Unternehmen Louis Vuitton große Lederkoffer her, die perfekt bestückt waren, von der Porzellantasse bis zur Kuchendose, vom Silberlöffel bis zur Serviette, von der Thermoskanne bis zum Sektkelch. Allerdings waren die Koffer so sperrig und schwer, dass selbst Männer sie nur mit Mühe ins Auto wuchten konnten.

Ein spontanes Picknick geht anders. Auch viele andere Firmen nutzten den Trend ins Grüne und produzierten robuste Körbe, die neben dem wichtigsten Geschirr und Besteck sogar einen Klapptisch für vier Personen enthielten. Und neuerdings bietet Louis Vuitton für Genießer einen kleinen Koffer an, der nur eine Weinflasche und zwei Gläser fasst.

Erstaunlicherweise aber verstand man unter Picknick anfangs das Essen in geschlossenen Räumen. Um 1649 tauchte in Paris erstmals der Begriff „pique-nique“ auf, für „eine Kleinigkeit aufpicken“. Gemeint ist, dass sich der Gast bei einer Einladung in einen Salon an den Kosten beteiligen soll. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts bezog sich der Begriff auf eine Mahlzeit im Freien. Natürlich ist das Picknicken viel älter. Es war schon bei den Griechen in der Antike bekannt, aber erst im Barock fand der Adel Gefallen am Speisen ohne Rücksicht auf die Etikette. Und es gibt wohl kaum ein anderes Freizeitvergnügen, das die Menschen aller Nationen vereint. Aber andere Länder, andere Sitten: Die Mexikaner schmausen am Totengedenktag auf den Friedhöfen, die Japaner versammeln sich zur Kirschblüte unter Bäumen zum Staunen, Essen und Trinken.

Noch heute ist das Picknick auch bei der Oberschicht ein gesellschaftliches Ereignis. Bei der britischen Henley Royal Regatta, einem sommerlichen Ruderwettbewerb auf der Themse, sitzen die Zuschauer neben ihrem Rolly-Royce, lassen sich vom Butler den Hummersalat auf feinen Porzellantellern und den Champagner in Kristallgläsern reichen. Nebenbei feuern sie ihre Mannschaften an. Selbst beim nicht ganz so exklusiven Opernfestival in Glyndebourne gibt es in der 90-minütigen Pause ein Picknick, natürlich in Abendgarderobe.

Allerdings gibt es auch reichlich makabre Picknick-Anlässe. So verfolgten die Briten den Krimkrieg 1853–56 aus nächster Nähe, ausgestattet mit einem üppigen Picknickkorb des Londoner Unternehmens Fortnum & Mason. Das Gemetzel zog so viele Schaulustige an, dass die Firma mit dem Proviant aus London nicht nachkam und eine Filiale auf der Krim eröffnete. Der mitgelieferte Schirm schützte vor Sonne und Regen; Operngläser und Fernrohre sorgten für das Heranzoomen des Krieges, zumal die felsige Küste zur Abwechslung spektakuläre Ausblicke auf das klare blaue Meer bot.

Absurdes Theater

Picknicken ist folglich quer durch alle Gesellschaftsschichten populär. Aber ausgerechnet die Künstler und Literaten haben dieses Phänomen eher selten gewürdigt – weshalb auch immer. Das berühmteste Picknick-Gemälde ist Edouard Manets „Frühstück im Grünen“ von 1863. Damals provozierte das monumentale Bild die Gemüter, zeigt es doch eine am Waldesrand sitzende hüllenlose Frau, umgeben von zwei bekleideten Männern und Resten einer Mahlzeit. Derweilen plätschert im nahen Bach eine zweite Schönheit, nur mit dünnem Untergewand bekleidet. Diese intime Szene macht den Betrachter zum Voyeur. Jetzt steht das Gemälde vor dem Museumseingang in Originalgröße, neu interpretiert von den beiden Streetart-Künstlern Balázs Vesszösi und Gündem Gözpinar.

Die Schriftsteller hat das Picknicken sogar noch weniger gereizt. Zwischen Komik und Tragik pendelt etwa Fernando Arrabals absurdes Drama „Picknick im Felde“ (1952). Es handelt von einem Soldaten an der Front, der überraschend von seinen Eltern besucht wird, den Schützengraben verlässt und mit ihnen in der Nähe ein Pichnick macht. Als ein feindlicher Soldat auftaucht, wird er gefangen, aber kurzerhand zum Mahl eingeladen. Man isst, trinkt, redet – und merkt, dass der Feind gar nicht so böse ist. Voller Übermut wagt man ein Tänzchen, bis ein ratterndes Maschinengewehr die Idylle zerstört und alle vier tödlich trifft. Absurdes Theater eben. Das Stück erlebte übrigens 1956 an den Städtischen Bühnen Frankfurt seine deutschsprachige Erstaufführung.

Wer diese wechselhafte Lektüre verschmäht, dem sei als Alternative das Lustwandeln durch die Schau empfohlen. Danach kann man sich gut im Grünen stärken. Der Park um das Museum ist zwar klein, aber Picknicken ist erlaubt!

Picknick-Zeit

Museum Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, Frankfurt. Schweizer Picknik im Park, 1. August, 12–21 Uhr, Museumseintritt frei. Bis 17. September, dienstags und donnerstags bis sonntags 10–18 Uhr, mittwochs 10–20 Uhr. Eintritt 9 Euro, Katalog 29 Euro. Telefon (069) 212- 31 286 / 38 857. Internet www.museumangewandtekunst.de

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