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Schauspiel Frankfurt: Pilotin steckt fest in der Chair Force: Kriegsstück „Grounded“ überzeugt in der Box

Von Sarah Grunert in Anselm Webers Regie gefiel als Pilotin in „Grounded“ am Schauspiel Frankfurt. Thema: der Drohnenkrieg.
Im Drohnenkillerkoller: Sarah Gruner als Pilotin, die nur Drohnen fliegen darf. Foto: Thomas Aurin Im Drohnenkillerkoller: Sarah Gruner als Pilotin, die nur Drohnen fliegen darf.
Frankfurt. 

Als der Autor aus der amerikanischen Theaterprovinz in Illinois 2011 über Präsident Obamas Drohnenkrieg zu recherchieren begann, suchte er gezielt nach Äußerungen weiblicher US-Air-Force-Piloten. Davon gibt es 85 oder 2,3 Prozent aller (3700), auch schwangere und junge Mütter. „Eine Frauenstimme über neue Kriegstechniken“, erklärte Brant später, „trägt etwas Neues und Frisches ins Stück. Von Männern ist die Geschichte des Krieges oft genug erzählt worden.“

Recht hat der Mann, und das macht einen guten Teil des Reizes von Sarah Grunerts Box-Solo aus. Grunert ist nicht Anne Hathaway, die dem Stück in einer New Yorker Inszenierung Erfolg garantierte. Eine fähige Darstellerin ist sie allemal, als Gleichung formuliert: Grunerts Pilotin ist gleich „Top-Gun“-Tom-Cruise, geteilt durch Medea. Sie spielt hart und schnörkellos, im oliven Overall mit Stiefeln, Tanktop (Kostüme: Irina Bartels), kleinen Ohrringen und Soldatenschnitt mit Dutt: no fuss, die moderne Amazone.

Drohnenpilotin und Mutter

Hockt wie ein Galeerensklave beim Kartoffelschälen am Zinkeimer, zündelt pyromanisch Streichhölzer hinein. Stellt sich in der rein sprachlichen Bar-Begegnung solo vor dem Liebsten Eric als Mannweib im Befehlston vor, steht militärisch straff und ist zuletzt im Wahn doch kurz davor, das Kind mit seinen Ponypüppchen totzuschütteln. Noch der Abgang aus dem Doppelleben, Drohnenpilot und Hausfrau, gleicht Medeas Abgang im antiken Bühnenflugzeug: seit Wochen hat die geliebte Air Force ihre namenslose „Pilotin“ als psychisch auffällig im Kieker und trickst sie aus, als es an der Zeit ist.

Statt den froschgrünen Boden der „Box“ à la New York mit Haufen von Sand und dekorativer Mini-Pyramide nebst opak glänzendem Fliegerhelm aufzumöbeln, nutzt Raimund Bauers Bühne die Gegebenheiten der Box. Die gleicht per se den Containern auf der Creech Air Force Base, Nevada, bei Las Vegas, wo die vor unseren Augen „abgestürzte“ (Titel) Pilotin vom Stuhl aus gefahrlos ihre 8000 Kilometer entfernte Drohne lenkt, weil sie sich nach der Schwangerschaft zurücksehnt nach dem Flug- und Kriegerrausch von früher. Fliegen und Stuhlhocken geht nicht zusammen. Zur Air Force wollte sie, in der Chair Force steckt sie fest.

Berauschendes Blau

Statt der strapaziösen G-Kräfte in der alten F-16 namens „Tiger“, statt der Eisamkeit im berauschenden Blau beim Blick ins Weite, den sie wie besessen beschwört, bekommt sie eine absurde Schichtarbeit: das Grau des schwarzweißen Monitors, den tödlichen Medusenblick in die Kartenlandschaft. Tag um Tag ein Starren in die Wüste, bis eine männliche Person im Kriegeralter auftaucht und sie, streng nach Weisung, die Drohne zum Einsatz lenken darf. Ob das Zielobjekt Al-Qaida ist oder nicht: scheiß drauf. Endlich was zu tun. Kein Wunder, dass sie irgendwann die Wüste von Nevada und ihr Baby zu sehen wähnt.

Regisseur-Intendant Weber setzt auf jetmäßige Geschwindigkeit, also schnurrt die mehrjährige Handlung auf ein Kontinuum zusammen, fast alles in Ich-Form, kurze Sätze, Gegenwartsform, eine gutgeölte Maschine, hundert Prozent Leistung, null Ausfälle. Ein Stuhlwurf hier, leichtes Entkleiden dort, geräuschhafte Musik sind alles, was Grunert zum Punktieren ihres Flieger-Bühnenrauschs noch braucht. Zwei Plastikstühle und der Eimer mit ein wenig Sand, die Hinterwand für Videos spielt schon keine große Rolle mehr. Am Ende bleibt, was die New Yorker Regisseurin Julie Taymor in den Wüstenbildern sehen wollte: Mengen und Mengen von Sand, die seit Jahrtausenden eine Armee nach der andern spurlos verschwinden ließen.

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