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Britische Band feiert in der Frankfurter Festhalle Geburtstag: Placebo: Laut wie Lust und Liebe

Mit einer harsch scheppernden Geburtstagssause zelebriert das britisch-schwedische Alternative-Rock-Duo "Placebo" in der Festhalle seinen Eintritt in die Twen-Jahre.
Der androgyne Sänger Brian Molko bringt das Publikum in Stimmung – mal in eine melancholische, mal in eine euphorische: Party muss schließlich auch sein. Foto: Sven-Sebastian Sajak Der androgyne Sänger Brian Molko bringt das Publikum in Stimmung – mal in eine melancholische, mal in eine euphorische: Party muss schließlich auch sein.
Frankfurt. 

Wer feiert, kann auch arbeiten, heißt es. Brian Molko konnte es nicht. Zumindest nicht beim Start dieser Kreuz-und-quer-Tournee durchs geeinte Europa anlässlich des 20. Bandjubiläums. Es war am 13. Oktober 2016 im dänische Aarhus. Nach zwei Songs musste das mit vier Tourmusikern ergänzte Rumpfduo aus dem Briten Brian Molko und dem Schweden Stefan Olsdal abbrechen. Molko redete wirres Zeug, verspielte sich wiederholt. Offiziell lautete die Begründung: unvorhergesehene Nebenwirkungen einer neuen Medikation. Was genau damit gemeint ist, bleibt im Dunkeln.

Auch in der gut gefüllten Festhalle fuchtelt der auch ohne üppige Kosmetika nach wie vor geschlechtslos neutrale Molko verhaltensauffällig wie wild mit seinen Armen, wenn er redet – ein Kauderwelsch aus Englisch und Deutsch, also Denglisch, das stets freundliche Worte für die auf Partysause erpichten Geburtstagsgratulanten findet: „Good evening, ladies and gentlemen and the ones in between. Herzlich Willkommen auf unserer kleinen Geburtstagsparty. Mehr Deutsch später“, verlautbart der bekennende bisexuelle Vater einer Tochter im Teenageralter merklich aufgekratzt.

Zu diesem Zeitpunkt abgehakt sind da schon ein minutenlanger Tribut an den verstorbenen kanadischen Sangesbarden Leonard Cohen, der noch immer spektakuläre Casino-Videoclip „Every You Every Me“, verblüffende Zeitraffer-Impressionen von „Placebo“, der knallige Einstiegssong „Pure Morning“ sowie das nicht minder wuchtige „Loud Like Love“.

Im Publikum macht sich vom Auftakt an Euphorie breit. Fast alle stehen, singen, klatschen, tanzen und fotografieren: Die im mit Wellenbrecher getrennten Innenraum ja ohnehin, die auf den beiden Rängen verteilten Besserseher zumindest in Teilen. Manch einer steht auch nur auf, weil er dadurch anderen die Sicht versperrt. Jedem sein Pläsier.

Ein bisschen Spaß

„Placebo“ fegen im wuchtigen Klangbild durch einen immerhin 25-teiligen Songrückblick ohne chronologische Ordnung. Die zuvor auf der riesigen Projektionsfläche gezeigten Handy-Verbots-Bilder animieren erst recht zum Ablichten mit Smartphones. Es gibt ja auch jede Menge festzuhalten: Nahezu dreidimensionale Psychedelic-Visionen, Molkos nach wie vor faszierende Gender-Neutralität oder die unendlich langen Beine von Multiinstrumentalist Olsdal, der sich schon 1996 zu seiner Homosexualität bekannte. Zudem lässt es sich mit alten grundsoliden, mal mit Geigen-, mal mit Klaviereinsatz reproduzierten Evergreens wie „I Know“, „Devil In The Details“ oder „Protect Me From What I Want“ so richtig schön in den eigenen, längst vergangenen Jugendtagen schwelgen. Unendlich variierte Genre-Überblendungen finden da statt: Flexibel wie die von Molko und Olsdal propagierten Liebeslebensmodelle treffen da Glam- auf Alternative Rock, Grunge auf Pop und Gothic Rock auf Postpunk. Als in „Without You I’m Nothing“ ein fröhlicher David Bowie der Endneunziger s auf der Leinwand zu sehen ist, hagelt es zusätzlich stürmischen Spontanapplaus. Als Mentor und Freund der Band hatte Bowie nicht geringen Anteil am steilen Aufstieg von „Placebo“ im Umfeld von einst starken Mitbewerbern wie „Blur“ und „Oasis“.

Überwiegend melancholisch färben sich zwei Drittel des Konzertes ein. Doch nach „Lady Of The Flowers“ ist Schluss damit. „This is the end of the melancholy section. Wollen wir ein bisschen Spaß zusammen haben?“, fragt Molko listig.

Mit „For What It’s Worth“, das den Geist der Manchester-Rave-Kultur beschwört, legt sich der Schalter abrupt um. „Placebo“ beschleunigen das Tempo mit Molkos Anweisung „But no Spaß without dancing!“ Da kulminiert die Drogenhymne „Special K“ mit Orwells „1984“-Hommage „The Bitter End“ – und alle feiern, als gäbe es kein Morgen mehr.

Zwei Zugabenblöcke mit insgesamt vier Songs, darunter die Oden „Teenage Angst“ und „Nancy Boy“, gewähren „Placebo“ noch. Stefan Olsdal betont mit gesprochenem Resümee „Be you wanna be“ noch einmal das geschlechteroffene Liebeskonzept, das die Truppe seit Gründertagen vor sich herträgt.

Mit einer intensiven Version von Kate Bushs „Running Up That Hill (A Deal With God)“ findet der Übertritt vom Teen- ins Erwachsenenalter ein stimmiges Finale. Glücksgefühle.

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