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Plötzlich bricht eine Welt zusammen

Mord, Intrigen, Korruption und Entführungen gibt es nicht nur in Namibia oder in amerikanischen Vorstädten, sondern auch in kleinen hessischen Dörfern, wie drei aktuelle Romane zeigen.

Auf einer Dienstreise der Frankfurter Polizei nach Peru stößt Hauptkommissar Giorgio DeLange auf einen Fleck auf der weißen Weste des hochrangigen hessischen Politikers Karl-Heinz Neumann, seit längerem DeLanges Lieblingsfeind. Wieder zurück in Frankfurt, lässt der Polizist gegenüber dem Parteimann eine unbedachte Bemerkung fallen, wird fortan gemobbt und eines Nachts brutal zusammengeschlagen. Parallel wird im hessischen Dörfchen Klein-Roda ein Toter mit eingeschlagenem Kopf gefunden – und ganz offenbar hängt dieser Mord mit einem alten Fall zusammen, in den vor rund vierzig Jahren eben jener Politiker verwickelt war.

Anne Chaplet – dies ist das Pseudonym der Frankfurter Journalistin und Sachbuchautorin Cora Stephan – greift in ihrem aktuellen Krimi "Erleuchtung" einen Faden aus ihrem Roman "Schrei nach Stille" aus dem Jahr 2008 auf und führt ihn zu einem Ende.

Der Plot ist leider etwas weit hergeholt, und wer das Vorgängerbuch nicht kennt, hat durch die häufigen Verweise auf den alten Fall mitunter das Gefühl, etwas Wesentliches nicht zu erfassen. Doch der Kriminalroman ist in sich handwerklich sehr gelungen, weil Anne Chaplet die Handlung und ihre Motivation äußerst überzeugend in den Figuren verankern kann. Zudem schafft sie es, große zeitgeschichtliche Linien im Personal ihres Kriminalromans engzuführen.

Vielschichtig und lebendig

Auch Bernhard Jaumann verknüpft gekonnt Gesellschaftliches mit Persönlichem: Auf einer Farm in Namibia wird ein deutschstämmiger Farmer erschossen, sein Sohn entführt. Was zunächst wie ein fehlgeschlagener Raubüberfall wirkt, nimmt bald eine politische Dimension an. Für die Kriminalinspektorin Clemencia Garises, die Jaumann in seinem Roman "Steinland" zum zweiten Male ermitteln lässt, bekommt der Fall eine zusätzliche Brisanz, als sie erkennen muss, dass ihr Bruder offenbar in das Verbrechen verwickelt ist.

Der Autor hat selbst längere Zeit in Namibia gelebt und verschließt auch diesmal – wie schon in seinem preisgekrönten Roman "Die Stunde des Schakals" – nicht die Augen vor der allgegenwärtigen Korruption in Namibia, vor den sozialen Gegensätzen, der massiven Kriminalität und dem bei weitem nicht nur unterschwelligen Rassismus. Dank komplexer Charaktere, einem klugen, sensiblen Blick und dem Verzicht auf einfache Antworten ist Jaumanns neuer Roman atmosphärisch dicht, vielschichtig und lebendig.

Sensibel und verstörend

Auf eindimensionale Erklärungen verzichtet auch Megan Abbott in ihrem Roman "Das Ende der Unschuld". Er ist konsequent aus der Sicht der 13-jährigen Lizzie geschrieben. Als ihre beste Freundin Evie verschwindet, bricht für Lizzie eine Welt zusammen. Bislang hatte sie geglaubt, Evie zu kennen.

"Das Ende der Unschuld" erzählt von Desillusionierungen und Verlusten. Zwar kehrt Evie schließlich zurück – doch mit ihrem Verschwinden hat sich alles verändert, nicht nur die Freundschaft zwischen den Mädchen, sondern die Mädchen selbst. Lizzie begreift, dass Liebe nichts mit ihren romantisch-verklärten Kleinmädchenträumen zu tun hat, sondern sehr komplex und schmerzhaft sein kann. Und dass die Dinge oft nicht so sind, wie sie scheinen. Sie selbst hat ihre Erinnerungen schöngebogen und verfälscht – ähnlich, wie sie die Beweise von Evies Entführung manipuliert hat.

So naiv Lizzies Weltsicht zunächst auch sein mag – der Roman ist alles andere als romantisch-schlicht. Megan Abbott wirft einen außerordentlich feinfühligen, aber ungeschönten Blick auf Sehnsüchte und Fixierungen junger Mädchen und erwachsener Männer, der verstört und beunruhigt.

Anne Chaplet: "Erleuchtung", Ullstein-Verlag, 319 Seiten, 19,99 Euro

Bernhard Jaumann: "Steinland", Kindler-Verlag, 320 Seiten, 19,95 Euro

Megan Abbott: "Das Ende der Unschuld", KiWi, 287 Seiten, 17,99 Euro

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