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Diskussion an der Goethe-Uni: Positionieren, nicht nur konsensuell kuscheln

Von Zur Eröffnung eines Forschungsschwerpunkts diskutierten Navid Kermani und Jan Assmann auf Frankfurts Uni-Campus Westend über „Religion und Differenz in pluraler Gesellschaft“.
Navid Kermani bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche in Frankfurt. Foto: Arne Dedert (dpa) Navid Kermani bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche in Frankfurt.

2008 bis 2016 stellte Hessen dem zentralen Forschungsförderprogramm „Loewe“ („Landes-Offensive zur Entwicklung wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz“) 671 Millionen Euro zur Verfügung. Mit Drittmitteln (Bund, EU, Wirtschaft) wurde die Summe mehr als verdoppelt. An der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität ist jetzt ein neuer „Loewe“-Schwerpunkt (mit der Universität Gießen) eröffnet worden, der auf vier Jahre angelegt ist. Sein Name: „Religiöse Positionierung. Modalitäten und Konstellationen in jüdischen, christlichen und islamischen Kontexten“, kurz: „RelPos“.

RelPos – das klingt akademisch, kühl und nach Zeitgeist, weder fromm noch nach prophetischer Sprachmacht. Man stelle sich vor, Luther hätte zu Worms verkündet: „Hier positioniere ich mich religiös. Gott helfe mir, Amen!“ Oder Moses stiege vom Sinai und enthüllte, in Stein gemeißelt, „Zehn Hypothesen zur religiösen Positionierung“. Niemand spricht vom Apostolischen Positionierungsbekenntnis. Für wissenschaftliche Unterkühlung gibt es freilich gute Gründe. Und doch war es eine gute Idee, „RelPos“ eine Disputation namhafter Größen aus Wissenschaft und Kulturleben wie Assmann und Kermani vorauszuschicken, um für mehr Pathos und Farbe zu sorgen.

Nathan der Weise

Einleitend verwies die Dekanin der Evangelischen Theologie an der Goethe-Uni, Melanie Köhlmoss, auf den Eindruck, Religion sei heute „wieder eine Sache auf Leben und Tod“. Wie sei da „religiöse Positionierung“ im „Geist der Dialogizität“ möglich? Christian Wiese stellte das Projekt vor und kam über Hannah Arendt auf Lessings „Nathan der Weise“ zu sprechen. Wo Wahrheitsbestimmungen Freundschaft vernichteten, seien sie nach Lessing schon als Irrlehre entlarvt; und doch müsse man sich klar positionieren, nicht nur konsensuell kuscheln.

Es folgte eine Schauspieler-Lesung aus Kermanis Buch „Ungläubiges Staunen über das Christentum“, worin der Autor Hieronymus Boschs Bild „Weg ins Jenseits“, diese auch von Stephen Greenblatt („Hamlet im Fegefeuer“) analysierte Jenseitsvision, unter Heranziehung des Korans, der Lichtmystik der Sufis und apokrypher Evangelien dicht und poetisch beschreibt.

Moderator Joachim Valentin (Katholische Akademie Rabanus Maurus, Haus am Dom) ließ den Orientalisten, Romanautor und Friedenspreisträger Kermani und den Ägyptologen Assmann in langen Bögen sprechen.

Freund und Feind

Assmann sprach er auf die in dessen „Exodus“-Buch vollzogene Revision einer These an, die Assmann berühmt machte: Dass die „mosaische Unterscheidung“, das heißt die Wahrheitsfrage im Religiösen, den jüdischen Glauben abhob und eine kulturelle Neuerung in die Antike einführte. Sich mit dem einzigen wahren Gott absolut zu „positionieren“, so Assmann, führe in der Tat zur Unterscheidung von Freund und Feind; für muslimische Selbstmordattentäter stehe diese „absolute Verschärfung“ heute im Zeichen des Weltgerichts.

Kermani, der christliche Mönche zu seinen Freunden zählt, mochte die von Assmanns These in die Religionen geschlagene „Schneise“ real nicht für o unüberbrückbar befinden wie dieser und sprach lieber von Kosmo- als Polytheismus als Gegenbegriff zum Monotheismus. Im Islam beherrschten bis ins 20. Jahrhundert Sufis und Mystiker das Feld, nicht Orthodoxe; erst der Kolonialismus ändere das. Dass er als Muslim Bosch und Dante bewundere, sei nicht so außerordentlich. Wie hätte er an ihnen vorbeigehen können?

Übrigens sei Religion nicht nur Lehre und Diskursobjekt, sondern Praxis und Sache der Frommen, die Alltag und Kalender danach ausrichteten: Religion als körperliche Erfahrung. Das wandle sich erst in der Moderne. Überhaupt, so Kermani auf eine Nachfrage, sehe er Religion ungern aufs „soziologische Element“ reduziert. Die Frage, wie sie in Verruf kam, beantwortete er mit dem totalitären Zugriff des Menschen. Dieser habe die politischen Kräfte zu totalitären Ideologien getrieben, was sich in die Religionen ausbreitete. Die meisten Menschenleben im 20. Jahrhundert hätten säkulare, nicht religiöse Ideologien gekostet.

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