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Premiere: Castorfs Hamsun-Marathon in Salzburg

Sechs Stunden Theater bei 35 Grad Außentemperatur. Frank Castorf stellt sein Publikum bei den Salzburger Festspielen auf eine harte Probe.
Marc Hosemann in „Hunger”. Foto: Barbara Gindl Marc Hosemann in „Hunger”.
Salzburg. 

Theater muss weh tun. Diese Prämisse von Frank Castorf muss das Premierenpublikum der Salzburger Festspiele am Samstagabend hautnah erfahren.

Der Berliner Groß-Regisseur bringt in der Alten Salzsiedehalle der Perner-Insel in Hallein, der Off-Spielstätte der Festspiele, unter dem Titel „Hunger” eine Adaption zweier Romane des umstrittenen norwegischen Autors und Literaturnobelpreisträgers Knut Hamsun auf die Bühne. Viereinhalb Stunden Spieldauer bei anfänglich 35 Grad Außentemperatur sind angekündigt, sechs werden es.

Es ist bereits nach Mitternacht, als Castorf die Ovationen seiner Fans entgegennimmt. Viele Unzufriedene haben dagegen schon während der Aufführung den Saal verlassen. Es ist die dritte Inszenierung des früheren Intendanten der Berliner Volksbühne bei den Salzburger Festspielen nach Tennessee Williams' „Endstation Sehnsucht” (2000) und Pitigrillis „Kokain” (2004).

Dass Hamsun, Hitler-Fan und Kollaborateur der Nazis im deutsch besetzten Norwegen während des Zweiten Weltkrieges, es ausgerechnet dem DDR-Urgestein Castorf angetan hat, mag auf den ersten Blick überraschen. Doch von den braunen Verstrickungen abgesehen, liegt der knorzige Skandinavier in vielerlei Hinsicht auf Castorfs Linie. Er war antiamerikanisch, antibürgerlich und antikapitalistisch. In seinem autobiografischen Roman „Hunger”, erschienen 1890, verarbeitet Hamsun eigene Erfahrungen von Heimatlosigkeit, Ausgestoßensein, Armut und Hunger - eine Steilvorlage für Castorfs immerwährende Kritik am amerikanisch-westlichen Konsumparadies, in dem sich eine Minderheit der Weltbewohner prächtig eingerichtet hat, während die Mehrheit weiter darben muss.

Held in „Hunger” ist ein stark an Hamsun selbst erinnernder Journalist und gescheiterter Amerika-Auswanderer, der im damaligen Kristiania (heute Oslo) hungernd durch die Straßen streift. Während hier noch ein klares Handlungsgerüst zu erkennen ist, driftet das zwei Jahre später erschienene Buch „Mysterien” ins Surreale. Der Held scheint derselbe, nur ist es diesmal ein reicher Mann namens Johan Nagel im gelben Anzug mit Geigenkasten (in dem statt der Geige nur schmutzige Wäsche liegt - und bei Castorf noch eine Trompete) und einem Fläschchen Blausäure in der Westentasche, der sich in einem norwegischen Küstenkaff niederlässt und die Bevölkerung aus ihrer bürgerlichen Alltagswelt in eine andere Dimension katapultiert.

Castorf lässt beide Handlungsstränge simultan ablaufen. Der großartige Marc Hosemann, ein langjähriger künstlerischer Gefolgsmann Castorfs an der Berliner Volksbühne, verkörpert den zwischen Inspiration und Hungerdelirium dahin vegetierenden Schriftsteller, der schließlich in einem schaurigen Akt von Auto-Kannibalismus in den eigenen Finger beißt.

Die Figur des Johan Nagel dagegen hat Castorf auf das gesamte Team verteilt, aus dem die zart-zupackende Sophie Rois und der ungemein körperliche Daniel Zillmann besonders hervorstechen. Wie immer scheint die ganze Castorf-Truppe in höchster Intensität um ihr Leben zu spielen, was oft fasziniert, oft schrecklich nervt, zumal meist mehr geschrien als gesprochen wird. Aber, wie gesagt, Theater muss weh tun.

Das Bühnensetting ist stark kanonisiert. Wie so oft hat Aleksandar Denic eine Bretterbude auf die Drehbühne gezimmert, eine norwegische Holzkate mit Grasdach, erinnernd an Hamsuns Geburtshaus, darin eingebaut eine abgewetzte McDonalds-Filiale und die Schreibstube des hungernden Schriftstellers. Dekoriert ist das alles mit Symbolen von Faschismus und Kapitalismus: Reklamen für ein Premium-Modelabel oder Weltkriegs-Panzerschokolade, Plakate der norwegischen Nazis mit schneidigen Nordmännern, Hakenkreuzen, SS-Runen.

Zum Castorf'schen Bühnenkosmos gehört zwingend das hoch professionelle Bühnen-Kamerateam, das Innen und Außen verschwimmen lässt. All das wäre in der gegebenen Marathondimension noch schwerer zu ertragen, wenn Castorf nicht immer auch rasend witzig wäre. Grandios Zillmanns Hymne auf den Fastfood-Riesen im Stile einer Soul-Diva: „I'm going to McDonald's, every night, every day”. Ein starker, anstrengender Abend.

(Von Georg Etscheit, dpa)
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