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Premiere: „Der Schimmelreiter” am Hamburger Thalia

Kaum eine literarische Figur ist so in das Bewusstsein der Norddeutschen eingegangen wie Theodor Storms „Schimmelreiter”. Eher verhaltenen Beifall gibt es aber am Hamburger Thalia Theater für Johan Simons' Bühnenversion.
Jens Harzer (l) als Hauke Haien und Barbara Nüsse als Trin Jans. Foto: Christian Charisius Bilder > Jens Harzer (l) als Hauke Haien und Barbara Nüsse als Trin Jans. Foto: Christian Charisius
Hamburg. 

Es heult der Sturm, die Kirchenglocke läutet. Stockfinster lastet der Himmel auf den Menschen, die auf einem eckigen, wie aus Steinplatten gebauten Deich auftauchen, auf dem bereits der Kadaver eines weißen Pferdes ruht.

Streng schwarz im Stil des 19. Jahrhunderts gekleidet sind all die Dorfbewohner. Zwei von ihnen, der Deichvogt Hauke Haien (Jens Harzer) und die betagte Magd Trien Jans (Barbara Nüsse), heben an zu einer geisterhaften Erzählung, die 1756 vor Ort passiert sein soll.

Als die Alte dann stirbt, erklärt Haien seinem behinderten Kind (Kristof Van Boven), sie sei nun „beim lieben Gott”. Ob das gut sei beim liebem Gott, fragt das Kind, das einen Wasserkopf hat. „Ja, das ist das Beste”, antwortet der Vater.

Genau die Szene wird sich sieben Mal an dem gut dreistündigen Abend abspielen. In ihrer magischen Zahl gemahnend an die sieben Siegel der biblischen Apokalypse, dem Gericht Gottes über eine sich gegen ihn auflehnende, dem Teuflischen zugewandte Menschheit.

So bedeutungsschwer, karg und träge, als bliebe die Zeit stehen, inszeniert der holländische Starregisseur und Ruhrtriennale-Chef Johan Simons am Hamburger Thalia Theater Theodor Storms Meisternovelle „Der Schimmelreiter” aus dem Jahr 1888.

Als Auseinandersetzung mit Religion und Aberglauben - beides hier untrennbar verquickt - unter bigotten Nordseeküsten-Bewohnern, die sich allem Fortschritt entgegenstemmen. Bei der Premiere in der Textfassung von Susanne Meister gab es am Freitagabend vom Publikum dafür eher verhaltenen Applaus und einige Buhrufe.

Einzig Hauke Haien, ein Mann, der die Zahlen liebt und die Mathematikgröße Euklid gelesen hat, schafft es, für einen lebensnotwendigen modernen Deich nach seinen Berechnungen zu sorgen. Das gelingt ihm jedoch nur, weil er die Allmacht Gottes in Frage stellt und sich „auf eigne Kraft” verlässt. Was die Dorfleute ihm vorwerfen und ihm nicht ersparen wird, bei einer Flut auf seinem Schimmel samt Frau (Birte Schnöink) und Kind unterzugehen.

Und am Ende nackt und zitternd - umtost von Rock-Musik - auf eine Art Meeresboden zu fallen. Genau hier scheint der Kern von Simons' Interpretation zu liegen: Glaube fesselt, Entwicklung ist nur durch Lösung davon möglich.

Der Zuschauer darf sich trotz Ungereimtheit bei der um etliche Rahmenhandlungen reduzierten Aufführung im Bühnenbild von Bettina Pommer und in den Kostümen Teresa Verghos auch innerlich fallen lassen. Sich bei aller empfundenen Länge fesseln lassen von den weidlich ausgeschlachteten Spuk-Aspekten und sechs intensiven Darstellern, die ihren Figuren vielfache Facetten verleihen.

Den Emporkömmling und Außenseiter-Titelhelden spielt Ensemble-Promi Harzer als hoch intelligenten Visionär, der seine Träume mit teils aggressiver Härte verwirklicht. Dessen Liebe zu seinem kranken Kind ist aber bei einer innigen Umarmung an seinem Gesicht abzulesen. Fast überirdisch zart und mädchenhaft, dabei ihren Hauke stets um lebenspraktischen Rat ergänzend, erscheint an seiner Seite Birte Schnöink. Eindrucksvoll gelingt es beiden Künstlern, mit viel Ruhe und langen Blicken, nur wenigen Gesten und Worten die Vision einer Liebe bis in den Tod erkennbar zu machen.

Am Thalia hatte bereits 2008 die junge Regisseurin Jorinde Dröse ihre mehr prosaische Sicht auf den „Schimmelreiter” in einer Dramatisierung John von Düffels gezeigt. Zur außergewöhnlichen Popularität der wohl auf einer Sage aus dem Weichselland beruhenden Novelle haben auch drei Verfilmungen von 1934, 1977 und 1984 beigetragen.

(Von Ulrike Cordes, dpa)
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