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Staatstheater Mainz: Premiere der deutschsprachigen Erstaufführung von "7 Minuten"

Von Die deutschsprachige Erstaufführung von „7 Minuten – Betriebsrat“ von Stefano Massini bringt die alltägliche, subtil daherkommende Ausbeutung in Unternehmen auf die Bühne.
Elf Betriebsratsmitglieder debattieren über ihre Pausenzeit und können sich trotz eindeutiger Ausgangslage nicht einigen: „7 Minuten Pause“ zeigt die Brutalität der Arbeitswelt, in der Solidarität und Kampf um bessere Arbeitsbedingungen kaum noch möglich erscheinen. Foto: Bohumil KOSTOHRYZ boshua Elf Betriebsratsmitglieder debattieren über ihre Pausenzeit und können sich trotz eindeutiger Ausgangslage nicht einigen: „7 Minuten Pause“ zeigt die Brutalität der Arbeitswelt, in der Solidarität und Kampf um bessere Arbeitsbedingungen kaum noch möglich erscheinen.

Die Arbeitslosigkeit sinkt, das Konjunkturbarometer steigt – und doch können immer mehr Menschen von einem Job allein nicht leben. Nicht nur in Deutschland. Wo die einen argumentieren, dass immerhin Menschen in Lohn und Brot kommen, die ansonsten arbeitslos wären, fürchten die anderen, dass es Unternehmen immer leichter gemacht würde, Menschen auszubeuten und dabei Unternehmensgewinne zu maximieren. Ziemlich gesichert ist jedenfalls, dass nicht jeder wirklich freiwillig für zu wenig Geld arbeitet – auch wenn die Gründe dafür, warum Menschen hinnehmen, was sie hinnehmen, vielschichtig und die Geschichten dahinter höchst individuell sind.

Komisches Gefühl

Das zeigt auf ebenso eindrückliche wie kluge Weise Stefano Massinis Stück mit dem nüchtern klingenden Titel „7 Minuten – Betriebsrat“. Das Setting des italienischen Dramatikers, der 1975 in Florenz geboren wurde und schon einige Stücke zu aktuellen Themen geschrieben hat, erinnert stark an Sidney Lumets Filmklassiker „Die zwölf Geschworenen“. Nur geht es bei Massini nicht um zwölf Geschworene, sondern um elf Frauen, die im Betriebsrat sind. Und bei Massini stehen letztlich nicht Leben oder Tod auf dem Spiel, sondern etwas, was harmlos, geradezu banal und vernachlässigbar klingt, nämlich: sieben Minuten weniger Pause.

Bei der deutschsprachigen Erstaufführung am Staatstheater Mainz ist die Unruhe anfangs spürbar groß. Die Betriebsrat-Sprecherin Blanche (Andrea Quiring) nämlich ist bei einem Treffen mit den ausländischen Gesellschaftern, die das traditionsreiche Textilunternehmen übernommen haben, in dem alle arbeiten. Die anderen zehn warten auf ihre Rückkehr und das Ergebnis. Als Blanche auftaucht, ist das Aufatmen zunächst groß: Sieben Minuten ihrer Pause sollen sie opfern. Keine Lohnkürzungen, niemand wird entlassen. Nur Quirings Blanche ist sichtbar durch den Wind, steht etwas schlaff und leicht gekrümmt, wirkt fahrig, braucht eine Zigarette. Das liegt nicht nur daran, dass sie Stunden mit den neuen Chefs hinter sich hat, sondern es liegt auch daran, dass sie ein komisches Gefühl im Bauch einordnen muss.

Denn für sie geht es bei den sieben Minuten um etwas. Ihre Rechnung lautet: Sieben Minuten mal Arbeitstage pro Jahr und pro Angestelltem macht eine stattliche Anzahl von Stunden, die die neuen Geschäftsführer quasi geschenkt bekämen.

Brutale Wahrheit

Wie der Geschworene Nr. 8 im Film ist Blanche bereit, für ihre Überzeugung einzutreten, ihren Zweifeln und Überlegungen Ausdruck zu verleihen. Und auch wenn sie zunächst tatsächlich alle gegen sich hat, Spott und Hohn kassiert, wird ihre Haltung doch wieder gerader, ihre Stimme bestimmter, der Ausdruck selbstbewusster. Es ist das Verdienst von Regisseurin Carole Lorang und den Schauspielerinnen, dass sie ihre Figuren beim Wort und deren Gefühle und Haltungen sehr ernst nehmen und nicht der Lächerlichkeit preisgeben.

Und so hängt man nicht nur an den Lippen der Figuren, sondern wird förmlich zwischen den Positionen, die teilweise abhängig von Alter und Herkunft sind, hin- und hergeworfen. Natürlich ist man mit Blanche dafür, dass die Würde verteidigt werden muss und nicht alles hingenommen werden darf. Aber hat es nicht auch eine ganz eigene Kraft und leider brutale Wahrheit, wenn die zuvor etwas verhuscht und allzu gehorsam wirkende Mahtab (Leila Schaus) gesteht, warum sie Blanche nicht trauen kann und warum sie aufgrund ihrer Herkunft letztlich nicht an Solidarität glaubt?

Und wie im richtigen Leben knallen auch mal unbeherrschte und unreflektierte Worte in die Diskussion, wie beispielsweise von Arielle (Nora Koenigs). Doch schafft es Koenigs, dass ihre Figur eher überfordert als schlicht zu blöd dabei wirkt. Das Bühnenbild von Katrin Bombe führt dabei die Unentrinnbarkeit der Situation gut vor Augen: Denn in dem kühlen Raum mit seinen Betonwänden, einem winzigen und viel zu hohen Fenster und hellen Holzspinden versperrt ein Betonpfeiler, auf dem eine Uhr unerbittlich das Ablaufen der Zeit ankündigt, die Sicht auf die Tür.

Dem, was die Figuren in diesem Raum hören und denken, können sie nicht entkommen, im Gegenteil: Schließlich stimmen sie nicht nur für sich, sondern für den ganzen Betrieb.

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