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Ist die Völkerwanderung zu stoppen?: Prinz Asfa-Wossen Asserate erklärt Afrika

Er kam als Flüchtling und wurde Unternehmensberater. Warum so viele Afrikaner trotz tödlicher Risiken fliehen, weiß Asfa-Wossen Asserate genau. Sein Rat in seinem neuen Buch: Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten.
Prinz Asfa-Wossen Asserate lebt in Frankfurt. Er hat nicht nur ausgezeichnete Manieren, sondern auch einen enormen Bildungshorizont. Foto: Salome Kegler (dpa) Prinz Asfa-Wossen Asserate lebt in Frankfurt. Er hat nicht nur ausgezeichnete Manieren, sondern auch einen enormen Bildungshorizont.

Zweimal pro Woche gibt es in Genf schlechte Nachrichten. Jeden Dienstag und Freitag informieren die UN-Hilfsorganisationen im Pressesaal des europäischen Hauptquartiers der Vereinten Nationen über Entwicklungen in den Krisenregionen der Welt. Immer wieder sind dann Worte wie diese zu hören: Migranten, Flüchtlinge, Mittelmeer, Europa, Afrika, Schlepperbanden, Tote.

Mindestens 10 000 Menschen sind seit 2014 bei der Flucht über das Mittelmeer nach Europa ertrunken. Und die Todeszahlen steigen. Aus dem „Mare Nostrum“, wie es die Römer nannten, sei ein „Mare Monstrum“ geworden, schreibt Prinz Asfa-Wossen Asserate in seinem Buch „Die neue Völkerwanderung – Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten“. Die Wahrscheinlichkeit, bei der Überfahrt von Afrika den Tod zu finden, liege mittlerweile bei 1 zu 23.

Der 1948 in Addis Abeba geborene Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie war in den 70er Jahren vor der Verfolgung durch das linke Militärregime nach dem Sturz des Kaisers geflohen. Er lebt seit vielen Jahren als Unternehmensberater für Afrika und den Mittleren Osten in Frankfurt. In seinem neuen Buch analysiert er fakten- und kenntnisreich die immer weiter zunehmende Flucht aus Afrika gen Norden. Er bietet wichtige Denkanstöße in der Debatte um das, was weithin als „Flüchtlingskrise“ bezeichnet wird.

Gründlich räumt der Autor mit der Illusion auf, man könne den zumeist jungen Afrikanern die lebensgefährliche Flucht ausreden, wenn man sie nur richtig über die Gefahren aufklären würde und auch darüber, dass ihre Chancen auf Anerkennung von Asylanträgen gering, hingegen die Wahrscheinlichkeit, zurückgeschickt zu werden, groß ist. „Die Europäer sollten sich nichts vormachen“, rät der Äthiopier. „Im Vergleich zu dem Leben, das sie in ihrer Heimat zu führen gezwungen sind, erscheint den Flüchtlingen das Asylantenleben in Deutschland, Schweden oder anderswo wie ein Leben im Paradies.“ Die Unterscheidung zwischen Kriegsflüchtlingen – etwa aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan – und sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen aus „lediglich“ bitterarmen Länder Afrikas, hält Prinz Asfa-Wossen nur eingeschränkt für sinnvoll. „Nahrungsmittelnot und Wasserknappheit, fehlende Arbeit, ein mangelndes Schulwesen und eine fehlende Gesundheitsversorgung: Wer solchen Zuständen entkommen will, flieht der freiwillig?“

Biblischer Exodus

Was der wirtschaftlich übermächtige Norden seit 2014 erlebt, ist für den Autor keine vorübergehende „Flüchtlingskrise“, sondern eine Völkerwanderung, die zu einem „Exodus biblischen Ausmaßes“ werden könnte. Angesichts der Entschlossenheit von immer mehr jungen Afrikanern, ihr Leben bei der Durchquerung der Sahara und der Überfahrt auf dem Mittelmeer zu riskieren, warnt der Autor: „Europa sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass diese Völkerwanderung durch Patrouillen auf See, durch Zäune oder Mauern aufgehalten werden könnte.“

Aber kann sie einfach so weitergehen? Wohl auch aus afrikanischer Sicht nicht – allein schon, weil es eben nicht die Allerärmsten sind, die ihr Heil in Europa suchen. Ihnen fehlt das Geld, um Schleuser und Schlepper bezahlen zu können. Die meisten afrikanischen Flüchtlinge stammen aus der unteren Mittelschicht. Ihre Familien haben gespart und zusammengelegt, als Investition in die Zukunft: „Es ist Afrikas Zukunft, die den Kontinent verlässt.“ Der Ruf nach Bekämpfung der Fluchtursachen liegt nahe: „Wir müssen die Lebensbedingungen der Menschen in Afrika verbessern“, fordert Prinz Asfa-Wossen. Eine Art Marshallplan für Afrika könne dem Kontinent einen „Big Push“ geben. Doch nur dann, so der Autor, wenn die Milliarden nicht wieder in den Taschen der afrikanischen Autokraten landen.

Nachhaltig verbessern ließe sich die Lage Afrikas, wenn Europa seine Wirtschaftspolitik grundlegend ändern und damit aufhören würde, „seine Agrarindustrie auf Kosten der Entwicklungsländer zu subventionieren“. Konkurrenzlos billige Agrarprodukte aus Europa würden so manchen afrikanischen Binnenmarkt überschwemmen. Der Autor schildert, wie sich auf lokalen Märkten im westafrikanischen Ghana billige Tomatenmarkdosen aus Italien auftürmen, während Tausende ghanaische Bauern ihre Existenzgrundlage verloren hätten, weil sie ihre Tomaten nicht mehr losgeworden seien.

Neben fairen Handelsbedingungen plädiert Prinz Asfa-Wossen für eine erheblich stärkere Förderung von Investitionen europäischer Unternehmen in Afrika. So solle Deutschland seinen Etat für Hermesbürgschaften für mittelständische Firmen, die sich in Afrika engagieren wollen, erheblich aufstocken. Insgesamt werde Europa „ein wenig von seinem Wohlstand abgeben“ müssen – oder sich bald mit der Frage konfrontiert sehen, was geschieht, wenn nicht Zehntausende, sondern Millionen von Afrikanern sich auf den Weg machen. „Was wird passieren, wenn sie alle vor den Toren Europas stehen? Wie will Europa sie stoppen?“

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