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Ausstellung im Frankfurter Kunstverein: Projekt "Zoon Politikon": Menschen, die politisch denken

Von In dieser Woche kann man Jonas Englerts Beitrag zu der Ausstellung "Things I Think I Want" mit mehreren 50-Minuten-Filmen noch im Frankfurter Kunstverein sehen.
In seinem Projekt „Zoon Politikon“ porträtiert Jonas Englert Menschen, die ihr Leben gesellschaftlich gestalteten.. Foto: Abbildungen: Kunstverein In seinem Projekt „Zoon Politikon“ porträtiert Jonas Englert Menschen, die ihr Leben gesellschaftlich gestalteten..
Frankfurt. 

Es ist ein geradezu mutterleibhaftes Setting, das sich Jonas Englert für seine Interviews geschaffen hat: Einer spricht in die Kamera, eingeschlossen in einen Kokon aus schwarzem Samt und angestrahlt von einer 1200-Watt-Leuchte, unter der es sehr schnell sehr warm wird. Nur Englert findet dort noch Platz, hinter der Kamera, in seinen Filmen unsichtbar. Geboren 1989, hat der ehemalige Student der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, ein sehr offenes Selbstverständnis als Künstler: Installationen, Performances, Theater und auch Filme gehören zu seinen Werken. Die Ein-Raum-Schau im Kunstverein gilt letzteren – eine Collage eindringlicher Porträts von Menschen, die in ihrem Leben versucht haben, die Gesellschaft zu gestalten. Darüber reflektieren sie in intensiven 50-minütigen Filmen.

Der Frankfurter Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit ist ein leidenschaftlicher Redner, der andere für seine Ideen gewinnen möchte. Bild-Zoom
Der Frankfurter Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit ist ein leidenschaftlicher Redner, der andere für seine Ideen gewinnen möchte.

Unter denen, die Englert ihre Lebensgeschichten anvertraut haben, sind viele Frankfurter: der Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann, Peter Iden, der Theaterkritiker und Mitinitiator des hiesigen Museums für Moderne Kunst, und Günther Rühle, langjähriger „F.A.Z.“-Theaterkritiker und spätberufener Schauspielintendant ebenso wie Daniel Cohn-Bendit, Rita Süssmuth und APO-Urgestein Oskar Negt. Sie alle haben sich mit ihm einschließen lassen, um über sich selber zu sprechen: ein Monolog in einer Atmosphäre der Abgeschiedenheit und Innerlichkeit. Sie schafft den idealen Nährboden für ein Zu-sich-Kommen: So ereignet sich eine Wiedergeburt des eigenen Lebens aus dem Geist des Erzählens heraus.

Sich ungeschützt öffnen

Sieben dieser Filme kann man im Kunstverein anschauen. Einzeln findet man sie auch im Internet unter www.zoonpolitikon.net. Wer sich darauf einlässt, spürt rasch, wie ernst es dem Künstler ist – und wie ernst auch seinen Gesprächspartnern. Auf berührende Weise öffnen sie sich und geben ungeschützte Einblicke in ihr Leben, Wirken und Selbstverständnis.

Die CDU-Politikerin Rita Süssmuth ist für ihre Spontaneität bekannt. Im Filmgespräch zeigt sich die ehemalige Miniserin als nachdenkende Frau. Bild-Zoom
Die CDU-Politikerin Rita Süssmuth ist für ihre Spontaneität bekannt. Im Filmgespräch zeigt sich die ehemalige Miniserin als nachdenkende Frau.

Wobei die Gespräche in Wirklichkeit Monologe sind: Englert ist nicht zu sehen und spricht kein einziges Wort. In seinen „Interviews“, sagt er, will er „nicht durch das klassische Frage-Antwort-Spiel das erfahren, was man ohnehin schon weiß“. Vielmehr lässt er die Porträtierten ihre Gedanken ganz aus sich heraus entwickeln – um dadurch „Antworten auf Fragen zu bekommen, die man gar nie gestellt hätte“. Die Idee entwickelte sich organisch aus früheren Arbeiten: Im Jahr 2013 pferchte Englert die Mitstudenten seiner Hochschule auf einer großen eigens gebauten Treppe zusammen und filmte die Gruppe von schräg oben. „Was wäre, wenn all diese Köpfe, an die man sich in dem fertigen Werk ganz nah heranzoomen kann, zu sprechen anfingen?“, fragte er sich. Und lässt seine Köpfe im „Zoon Politikon“-Projekt genau dies tun: in sich selbst hineinhorchen und über sich sprechen.

Hilmar Hoffmann hat in der Ära Walter Wallmann das Frankfurter Museumsufer entwickelt. Sein Motto „Kultur für alle!“ hat ihn zur lebenden Legende gemacht. Bild-Zoom
Hilmar Hoffmann hat in der Ära Walter Wallmann das Frankfurter Museumsufer entwickelt. Sein Motto „Kultur für alle!“ hat ihn zur lebenden Legende gemacht.

Man erfährt darin sehr persönliche Sichtweisen von Ereignissen, die Geschichte schrieben: geschildert aus altersmildem Abstand, jenseits tagespolitischer Aufgeregtheit. Sowohl Hilmar Hoffmann als auch Günther Rühle und Daniel Cohn-Bendit etwa treibt der legendenumwobene Inszenierungs-Skandal um Rainer Werner Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ um. „Zoon Politikon“ wird so zu einer faszinierenden Stimmen-Collage rund um das Frankfurter Theater-Spektakel von 1985. Immer wieder wird man Zeuge, wie sich in den Betrachtungen der Interviewten Leben, Politik und persönliche Anschauungen zum Teppich eines wirkenden Lebens verweben. Hoffmann erinnert sich, wie er vor Helmut Kohl im Flugzeug Hölderlin zitierte. Oskar Negt berichtet, wie seine Kindheit als eines von sieben Geschwistern dazu führte, dass er das Leben als soziales Geflecht begriff: In solchen Momenten wird offenbar, wie eng Leben und Denken, Erfahrung und Wirken einander bedingen.

Kunst, die spricht

Hinter seinem Kunstwerk verschwindet der Künstler fast ganz. Sich in den Vordergrund schieben, anderen ein Bild aufdrängen, Kritik üben, seine Meinung kundtun – all dies tut Jonas Englert nicht. Doch gerade, weil er sich nicht in Schubladen zwängen lässt und sich nicht als Laut-Sprecher geriert, wird er zum Sprachrohr.

Aber ist das überhaupt Kunst, wenn er „nur“ Leute reden lässt? Englert sagt dazu: „Mich als Künstler zu verstehen, gibt mir die Möglichkeit, genau das zu machen, was ich machen will. Arbeiten für die weiße Museumswand, dokumentarische Werke, Theater oder Musik.“

Angelegt ist „Zoon Politikon“ als Work in Progress – bislang gibt es 13 Porträts, doch könnten es im Lauf der Jahre mehr werden – viel mehr sogar. Englerts Traum wäre ein großes biografisches Archiv. Die Fundgrube der Rückblicke wächst jedes Jahr.

 

Kunstverein im Steinernen Haus am Römerberg, Markt 44, Frankfurt. Bis 14. Mai, Di bis So 11–19 Uhr, Do 11–21 Uhr. Eintritt 8 Euro. Telefon (069) 21 93 140. Internet www.fkv.de, Alle Beiträge im Internet unter www.zoonpolitikon.net

 

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