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Protest und Politik beim Filmfest Cannes

Premiere ohne den Regisseur: Der Russe Kirill Serebrennikow steht unter Hausarrest und darf nicht zum Filmfest Cannes kommen. Seine Crew nutzt den roten Teppich daher für eine gefeierte Protestaktion.
Der Platz des russischen Regisseurs Serebrennikow (M) blieb leer. Bilder > Foto: Aliki Nassoufis Der Platz des russischen Regisseurs Serebrennikow (M) blieb leer.
Cannes. 

Der wichtigste Platz im Festivalpalast bleibt leer. Auf der großen Leinwand beim Filmfest Cannes wird „Leto” des Russen Kirill Serebrennikow gezeigt. Doch der Regisseur steht in seiner Heimat unter Hausarrest und durfte nicht nach Südfrankreich ausreisen.

Ihm wird Korruption vorgeworfen, was der 48-Jährige vehement bestreitet. Das Festival hatte sich zwar bei Präsident Wladimir Putin darum bemüht, dass Serebrennikow doch zur Premiere am Mittwochabend kommen konnte - doch ohne Erfolg.

Stattdessen nutzte sein Filmteam die Aufmerksamkeit auf dem roten Teppich für Protest: Seine Schauspieler und Crewmitglieder hatten sich nicht nur Buttons an ihre Smokings und Abendkleider gesteckt, auf denen ein Porträt von Serebrennikow zu sehen war. Am Ende des roten Teppichs bekamen sie plötzlich ein vorbereitetes Schild zugesteckt - es war schlicht weiß, nur der Name des Regisseurs war dort in großen, schwarzen Buchstaben zu sehen. Im Galasaal, wo Bilder vom roten Teppich live übertragen wurden, brandete spontan Applaus auf.

Der Fall Serebrennikow löste zwar schon seit der Festnahme im August 2017 internationale Solidaritätsbekundungen aus. Auch in Deutschland, wo Kulturschaffende an Bundeskanzlerin Angela Merkel schrieben. Mit der Premiere in Cannes erreichte der Konflikt aber eine weitere Dimension: Das Filmfest erklärte, es habe über das französische Außenministerium bei Putin um die Ausreise Serebrennikows gebeten. Putin habe mitteilen lassen, er hätte Cannes gerne geholfen. „Doch Russlands Justizsystem ist unabhängig”, zitierte das Filmfest Putin.

„Leto” schnitt der Filmemacher während des Hausarrests fertig - und thematisiert in poetischen, schwarz-weißen Bildern die wahre Geschichte einer musikalischen Gegenbewegung im Leningrad Anfang der 80er Jahre. Mike Naumenko ist bereits ein etablierter Musiker, während Wiktor Zoi noch kurz vor seinem Durchbruch steht. Ihre Idole sind Stars aus dem Westen: David Bowie, Iggy Pop, Blondie.

Sie selbst dürfen zwar nicht offen gegen das System auftreten, und doch sind allein ihre langen Haare und die rockige Musik genug, um als Sympathisanten des Feindes zu gelten. Mit seiner energetischen Mischung aus Punk und Rock fängt „Leto” wunderbar stimmungsvoll das Lebensgefühl dieser jungen Menschen ein.

Auch der Iraner Asghar Farhadi äußerte sich in Cannes für seine Verhältnisse überraschend kritisch und zeigte sich solidarisch mit seinem Landsmann Jafar Panahi. Farhadis Psychothriller „Everybody knows” hatte am Dienstagabend das Filmfestival eröffnet. Auch Panahis neues Werk „Three faces” wird am Samstag im Wettbewerb laufen - allerdings wird er ebenfalls nicht zum Festival reisen dürfen.

„Es ist unfair, dass er nicht hier sein kann”, sagte Farhadi in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa. „Aber ich bin froh, dass er immer noch arbeitet, dass er noch nicht aufgehört hat.” Panahi erhielt 2010 ein Berufsverbot für 20 Jahre, drehte seitdem aber weiter Filme, die er teilweise ins Ausland schmuggeln ließ.

Mit einer glamourösen Gala und zahlreichen Hollywoodstars war das Festival Cannes am Dienstagabend gestartet. Die Regielegende Martin Scorsese („Taxi Driver”) und die diesjährige Jurypräsidentin Cate Blanchett eröffneten die 71. Ausgabe offizielle, bevor dann Farhardis „Everybody knows” mit Penélope Cruz und Javier Bardem seine Premiere feierte.

(Von Aliki Nassoufis, dpa)
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