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Ausstellungen: Raubkunst oder nicht?

Von Um den „NS-Kunstraub und die Folgen“ geht es in der Bonner Bundeskunsthalle, um „,Entartete Kunst‘ – Beschlagnahmt und verkauft“ in Bern.
Auch Max Beckmanns (1884–1950) Gouache „Zandvoort Strandcafé“ von 1934 befand sich in Cornelius Gurlitts Erbe. Die Herkunft des Bildes ist noch nicht geklärt. Abb.: Kunsthalle Bilder > Foto: David Ertl Auch Max Beckmanns (1884–1950) Gouache „Zandvoort Strandcafé“ von 1934 befand sich in Cornelius Gurlitts Erbe. Die Herkunft des Bildes ist noch nicht geklärt. Abb.: Kunsthalle

In dieser Geschichte hat sich niemand mit Ruhm bekleckert. Sie ist gesäumt von Pannen und Versäumnissen, also ist es gut, endlich einmal aufzuräumen und zu zeigen, worum es eigentlich geht. Doch tut das die Bonner Ausstellung, die immerhin den Titel „Bestandsaufnahme Gurlitt“ trägt?

Alles nahm seinen Anfang im Jahr 2010, als Zollfahnder im Zug einen alten Mann aufgriffen, der mit einem Koffer voller Geld in die Schweiz unterwegs war. Das war zwar nicht verboten, aber doch so ungewöhnlich, dass sie weiter ermittelten. Und nach und nach stellte sich heraus: Der alte Mann, der Cornelius Gurlitt hieß, war der Sohn von Hildebrand Gurlitt, der als prominenter Kunsthändler für die Nazis gearbeitet hatte.

Im Auftrag Hitlers

Weitere Nachforschungen ergaben: Hildebrand Gurlitt hatte in den Jahren des NS-Regimes, als Juden gezwungen waren, ihre Sammlungen aufzulösen, auch für sich selber eifrig eingekauft. Der Nachlass dieses Mannes, der 1956 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, umfasste weit mehr als tausend Kunstwerke. Die Alliierten hatten sie nach dem Krieg eingezogen, ihm aber letztlich zurückerstattet. Denn Hildebrand Gurlitt konnte nachweisen, dass er auf der Seite der „Guten“ gestanden hatte.

Er selber hatte als „Vierteljude“ unter dem Regime gelitten, mehrfach seinen Posten verloren. Lange vor der NS-Diktatur schon war er ein streitbarer Verfechter der Moderne gewesen, hatte zum Beispiel die Bedeutung der „Brücke“-Künstler erkannt und war für all jene Werke eingetreten, die später als „entartete Kunst“ verfemt wurden.

Doch so einfach lagen die Dinge nicht. Hildebrand Gurlitt hatte eben auch mit dem NS-System kollaboriert. Hatte Hitler 1938 seine Dienste angeboten und Kunst für den Führer aus zwangsenteigneten jüdischen Sammlungen en gros gekauft. Ja, Gurlitt war sogar, wie die Bonner Ausstellung verdienstvoll darlegt, der Hauptkunsthändler für des Führers künstlerisches Großprojekt: ein eigenes Kunstmuseum in Linz. Gurlitt hatte sich ein exklusives Netzwerk aufgebaut, und nebenher bereicherte er sich selber.

So kompliziert ist Provenienzforschung

Es kam für alle überraschend, dass Cornelius Gurlitt sein Erbe dem Kunstmuseum in Bern vermachte. Eine schlüssige Erklärung gibt es dafür bis heute nicht.

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Bis auf wenige Bilder, die die Erben im Lauf der Zeit verkauft hatten, lagerte, was Hildebrand Gurlitt sich zusammengekauft hatte, in den beiden Wohnsitzen des Sohnes Cornelius: einer Wohnung in Schwabing, und, wie sich kurz danach herausstellte, einem heruntergekommenen Häuschen in Österreich. Der „Focus“, der diese Geschichte Ende 2013 als erster brachte, trötete laut von einem „Milliardenschatz“. Und alle Medien des Landes, in Unkenntnis des Bestands, taten es ihm nach.

Das ist er wohl nicht. Das ist die erste Erkenntnis der Bonner „Bestandsaufnahme Gurlitt“. Würde man alle Werke verkaufen, so aktuelle Schätzungen, käme wohl ein „niedriger dreistelliger Millionenbetrag“ zusammen – eine Milliarde nicht. Die zweite Erkenntnis: Die Sammlung ist gar keine, sondern wirkt wie eine zufällige Ansammlung allerdings prächtiger Bilder, altniederländische Malerei neben Heckel und Kirchner, Tiepolo, Fragonard und den Impressionisten, alles bunt gemischt. Hildebrand Gurlitt kaufte und verkaufte, was der Markt ihm gerade bot.

Die Bonner Ausstellung zeichnet die Geschichte des Vaters von Cornelius Gurlitt einfühlsam nach. Dabei schält sich das Bild eines Mannes heraus, der über großen künstlerischen Sachverstand verfügte, dem die Nazis und ihre Vorläufer aber immer wieder den Weg versperrten. Trotzdem aber wollte Gurlitt dazugehören und gab nie auf.

Ins Abseits gestellt

1925 verlor er seinen Beruf als Museumsdirektor in Zwickau, weil er mit seinem aus heutiger Sicht bewundernswerten Engagement für die Moderne die reaktionären Kräfte der Stadt verprellte. Dann wurde er hochangesehener Leiter des Kunstvereins Hamburg, bis die Nazis ihn zwangen, den Posten zu räumen. Daraufhin gründete der mehrfach Geschasste ein „Kunstkabinett“. So erst wurde er zum Kunsthändler – und zwar so erfolgreich, dass später die Nazis seine Dienste gern in Anspruch nahmen, als er ihnen seine Mitarbeit beim Kauf und Verkauf von Raubkunst anbot. Der Wille zum Erfolg machte Hildebrand Gurlitt blind. Dass er nach dem Weltkrieg den Alliierten erzählte, alle Geschäftsbücher wären bei der Bombardierung von Dresden verbrannt, zeigt: Er wusste, was er getan hatte. Wie so viele log er, um sich reinzuwaschen und eine neue Existenz aufzubauen.

Die dritte Erkenntnis der Ausstellung ist nicht neu, wird aber eindrucksvoll erzählt: Gut und böse lassen sich nicht trennen. Hildebrand Gurlitt zumindest war beides: ein Kenner und Kunstenthusiast, der beide Augen fest verschloss und sich – offenbar skrupellos – dem System andiente, das ihn, den „Vierteljuden“, selber gedemütigt und ausgestoßen hatte. Das alles zeigt die Ausstellung, und das ist nicht wenig.

Die vierte und fünfte Erkenntnis aber müsste sein: Dass Provenienzforschung in Deutschland erst nach dem Jahr 2000 in Gang gekommen und immer noch viel zu dürftig ausgestattet ist, ist eine deutsche Schande. Und wie hilflos sich die Behörden bei der Beschlagnahmung des „Schatzes“ verhielten und auf welch dünnem juristischen Eis sie sich bewegten, ebenfalls. Von beidem aber erzählt die Bonner Ausstellung nichts.

Von den mehr als tausend Bildern wurden bislang gerade einmal sechs (!) zurückerstattet. Das ist, gemessen am immensen Aufwand, ein dürftiges Ergebnis. Auch das erfährt man in Bonn nur sehr beiläufig. Hier könnte die Ausstellung viel deutlicher sein: Die „Washingtoner Prinzipien“ von 1998 müssten nicht nur Museen auffordern, ihre Bestände zu durchforsten. Cornelius Gurlitt war der erste Privatmann, der sich ihnen kurz vor seinem Tod 2014 unterworfen hat – freilich erst unter zweifelhaftem juristischen Druck und nach einer medialen Hexenjagd. Wie viel es zu tun gibt, zeigt diese Ausstellung. Aber auch, wie ratlos man ist, wie man es anpacken soll.

Bundeskunsthalle Bonn

Friedrich-Ebert-Allee 4. Bis 11. März 2018, geöffnet Di/Mi 10 bis 21 Uhr, Do–So 10 bis 19 Uhr. Eintritt 6 Euro. Telefon (02 28) 9 17 12 00.
Internet www.bundeskunsthalle.de.
Kunstmuseum Bern, Hodlerstraße 8. Bis 4. März 2018, geöffnet Di 10 bis
21 Uhr, Mi–So 10 bis 17 Uhr. Eintritt 18 CHF. Telefon (00 41) 3 13 28 09 44. Internet www.kunstmuseumbern.ch

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