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Kult-Band in Frankfurt: Red Hot Chili Peppers in der Festhalle: So scharf, so wild, so funky

ADHS-Alarm beim Treff der Generationen: In der Frankfurter Festhalle demonstrieren die „Red Hot Chili Peppers“ noch immer jede Menge Bewegungsdrang.
Trägt zwar noch immer diesen geschmacklosen Schnauzbart, ist sonst aber voll auf der Höhe: Anthony Kidies in der Frankfurter Festhalle. Foto: Julian Sajak Trägt zwar noch immer diesen geschmacklosen Schnauzbart, ist sonst aber voll auf der Höhe: Anthony Kidies in der Frankfurter Festhalle.
Frankfurt. 

Das könnte doch auch ein Klarinettenintermezzo von Woody Allen sein, analysiert jemand die ungewöhnliche Konservenmusik. Ganz ausschließen ließe sich zwar nicht, dass da der New Yorker Regisseur bläst, doch tatsächlich stammt das imposante Bassklarinettensolo vom 1964 verstorbenen Kultidol Eric Dolphy. Dann geht urplötzlich das Licht in der proppenvollen Festhalle aus, deren Kartenkontingent schon vor Monaten binnen Stunden ausverkauft war. Drei athletische Gestalten tänzeln im Halbdunkel auf die Bühne, greifen zu den Instrumenten und starten ebenso zielsicher wie ungeheuer energisch einen instrumentalen Funk-Rock-Jam. Und sofort entsteht dieser magische Sog.

Sowohl im überfüllten Innenraum als auch auf den beiden Rängen verwandelt sich das Mehrgenerationenpublikum binnen Sekunden in einen taumelnden Schwarm. Es ist ein fast tranceähnlicher Zustand, der bis zur finalen Note der „Red Hot Chili Peppers“ anhalten wird.

Wie ein Tankwart

Schlagzeuger Chad Smith – in kurzarmigem Overall wie ein Tankstellenwart an der Route 66 – trommelt so wuchtig, als wolle er den verstorbenen Rhythmus-Kraftwerken John Bonham, Keith Moon, Cozy Powell, Buddy Rich und Gene Krupa gleichzeitig ein Denkmal setzen. In buntgescheckten weiten Hosen zu gelb eingefärbter Friese und mit dem Hüpfdrang eines Froschs wirkt Bassist Michael „Flea“ Balzary wie ein Clown aus einer alternativen Circus Side Show. Sein präzises, messerscharfes Viersaitenspiel versteht er als Tribut an sein Idole Jaco Pastorius, Stanley Clarke, Bootsy Collins und Holger Czukay. Gitarrist Josh Klinghoffer wiederum, der beim 1993 gegründeten Crossover-Quartett vor einigen Jahren den Platz von John Frusciante einnahm, setzt markante Duftmarken durch ein breitgefächertes Stilspektrum. Wie ein Berserker drischt der schlaksige RHCP-Nachwuchs auf sein Instrument ein. Von der ersten Note an stolpern Klinghoffer, Balzary und Smith in einen selbstvergessenen Spielrausch, der sie nach mehr als zehn Minuten Funk-Transzendenz zunächst kaum die Ankunft von Frontmann Anthonys Kiedis bemerken lässt. Der ebenfalls wie ein Flummi dopsende Kiedis zeigt eigenwilligen Modegeschmack mit Kniehosen, T-Shirt, Basecap zu kurzen schwarzen Haaren und einem bemerkenswerten Pornobalken-Schnauzer auf der Oberlippe.

Bilderstrecke Die Red Hot Chili Peppers bringen die Frankfurter Festhalle zum Beben
Ausverkauft bis auf den letzten Platz: Die amerikanische Rock-Band "Red Hot Chili Peppers" begeisterte am Freitag (19.11.2016) in der Frankfurter Festhalle.Ausverkauft bis auf den letzten Platz: Die amerikanische Rock-Band "Red Hot Chili Peppers" begeisterte am Freitag (19.11.2016) in der Frankfurter Festhalle.Ausverkauft bis auf den letzten Platz: Die amerikanische Rock-Band "Red Hot Chili Peppers" begeisterte am Freitag (19.11.2016) in der Frankfurter Festhalle.

„Can’t Stop“ lautet das Credo des nunmehr komplettierten Viererpacks mit muskulösem Gitarren-Stakkato-Intro. Von da an nimmt auch der aus mehreren hunderten beweglicher Lichtröhren bestehende Lampenschwarm, der vom hinteren Teil der Bühne bis weit in die Hallenmitte ragt, seine Arbeit auf. Ein visuelles Glanzlicht der Sonderklasse mit farbig flexiblen Leuchtstäben, die sowohl einzeln, aber auch in ganzen Segmenten in Hochgeschwindigkeit von der Decke herab in Richtung Konzertbesucher sausen können und wieder hinauf. Derweil auf der riesigen Projektionsfläche psychedelisch dreidimensional permanent Farben, Formen und Muster wabern. Weitere Sing-Along-Klassiker wie „Otherside“ und „Snow ((Hey Oh))“ folgen ebenso wie das eingängige „Dark Necessities“ vom aktuellen Album „The Getaway“ – und alle, wirklich alle, skandieren textsicher mit bei der Konsensband schlechthin, die wohl nicht nur einer Generation den perfekten Soundtrack abseits des Rock-Mainstreams lieferte.

Herausforderung der Fans

Anderes als andere offerieren die „Red Hot Chili Peppers“ auf Tour jeden Abend eine neue Songauswahl aus ihrem reichhaltigen Werk. Einfach putzig, wie Balzary, Klinghoffer und Kiedis öfter mal kurz die Köpfe zusammenstecken, um sich über den nächsten Song abzustimmen. Zudem besitzt die gelegentlich von den Tourmusikern Chris Warren (Keyboards, Drum Synthesizer) und Nate Walcott (Piano, Keyboards, Trompete) assistierte Viererbande die Chuzpe, die Fans herauszufordern, indem sie eben kein obligatorisches Best-Of abliefert (wer auf „Californication“ oder „Under The Bridge“ setzte, wartete vergebens). Sondern wie die Vorbilder, die deutsche Kraut-Rock-Legende „Can“, es vorzieht, spontan zu entscheiden was gespielt wird und mitunter, wenn es geschmeidig läuft, in Jam-Sessions auszuleben.

So schleicht sich mit dem verschleppten „Don’t Forget Me“ von „By The Way“ (2002) eine zum ersten Mal seit 2012 wieder im Konzert gespielte Preziose ein. Weitere Überraschungseier gesellen sich in Form von „I Feel You“ von „Depeche Mode“ als Jam und einem astrein funkenden „Higher Ground“ von Stevie Wonder hinzu. Für das ebenfalls neue „Go Robot“ gesellt sich ein zweiter Bass hinzu.

Mit dem Titelsong „By The Way“ bewegen sich die „Red Hot Chili Peppers“ aufs Finale zu. Ein sonderbarer mehrminütiger Wrestler-Ringer-Clip mit den Bandmitgliedern überbrückt den Weg in die Zugabe. Als das Intro vom letzten Song „Give It Away“ anklingt, zeigt sich das Publikum noch einmal als kollektiver Schwarm. Wippt so intensiv, dass Frankfurts Gudd Stubb beinah umzukippen droht. Ein großartig-atemloser Abend!

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