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Darmstädter Landesmuseum zeigt in einer großen Schau: Reiseplakate aus der Zeit um 1900: Die Sehnsucht treibt einen aufs Meer hinaus

Reisen für alle wurde erst nach und nach erschwinglich. Aber dann musste man um Gäste werben, wie die Plakat-Ausstellung im Darmstädter Landesmuseum illustriert.
Henri Cassis’ Plakat für die „Redstar Line Antwerpen– New York“, 1901. Bilder > Foto: Photographer:Wolfgang Fuhrmannek Henri Cassis’ Plakat für die „Redstar Line Antwerpen– New York“, 1901.
Darmstadt. 

Theodor Fontane war genervt vom aufblühenden Tourismus. „So gewiss in alten Tagen eine Wetterunterhaltung war, so gewiss ist jetzt eine Reiseunterhaltung. ,Wo waren Sie in diesem Sommer?‘, heißt es von Oktober bis Weihnachten. ,Wohin werden Sie sich im Sommer wenden?‘, heißt es von Weihnachten bis Ostern; viele Menschen betrachten elf Monate des Jahres nur als eine Vorbereitung auf den zwölften, nur als die Leiter, die auf die Höhe des Daseins führt.“ Diese Zeilen des Dichters sind noch heute aktuell, sie stammen von 1873.

Freilich setzte der Massentourismus erst einige Zeit später ein. Der Wettstreit um die Gäste aber war bereits entfacht. Mit großen Plakaten warb man schon vor 1900 um die Gunst der Urlauber. Heute ist das Reiseplakat völlig verschwunden, längst abgelöst von Prospekten, Zeitschriften, Fernsehen und Internet. Doch das Hessische Landesmuseum in Darmstadt besitzt eine umfangreiche Sammlung von rund 12 000 Plakaten, davon sind etwa 1000 Plakate aus der Zeit vor, um und nach 1900.

Jetzt zeigt das Museum bis 22. Januar nächsten Jahres eine konzentrierte Auswahl von 88 Reiseplakaten, die von etwa 50 Künstlern entworfen wurden, darunter Pioniere der Plakatkunst wie Alphonse Mucha, Lucian Bernhard, Ludwig Hohlwein und Julius Klinger. Der Ausstellungstitel „Gestaltete Sehnsucht“ verweist darauf, dass das Reisen immer im Kopf beginnt. Folglich mussten die Plakate nicht nur groß sein, ihre Botschaft mussten auch einprägsam sein und sofort ins Auge springen.

Junge Damen

Der moderne Plakatgestalter sollte möglichst „Psychologe sein, der den Durchschnittsmenschen anregt“, meinte Jules Chéret. Der Franzose musste es wissen, schuf er doch knapp 1200 Plakate. Bekannt sind seine „Chérettes“, jene Bilder mit einer vergnügten, eleganten, selbstbewussten und vor allem jungen Frau. Chérets Plakat „Bal au Moulin Rouge“ von 1889 warb für das berühmte Vergnügungsviertel in Paris, das einst nur ein Dorf war, in dem etliche Mühlen zum Mahlen von Korn oder zum Pressen von Trauben standen. Doch bei Chéret tragen die Esel keine Mehlsäcke mehr, sondern frivole Damen. Geschickt lässt er die Silhouette der alten Mühle aufleuchten, die nun als Tanzlokal dient. Die Mühle weist in Form eines roten Pfeiles auf den Namen des Lokals und den Ort hin.

Chéret war es auch, der eine wichtige technische Neuerung aus England übernahm und verfeinerte. Statt wie bisher 25 zentnerschwere Lithografiesteine einzeln einzufärben, kam er mit vier, später sogar mit nur drei Steinen aus. Das erleichterte nicht nur die Arbeit, sondern reduzierte auch die Farbauswahl – und die signalhafte Wirkung trat in den Vordergrund. Gut zu vergleichen ist das an Hugo d’Alésis Reiseplakat von der imposanten Alpenregion um Zermatt, das noch aufwendig mit vielen Steinen und Farben gedruckt wurde.

Anregungen für die Motive holte man sich nicht nur von der Landschaft, ihren Bauten und ihrer Geschichte, sondern auch von berühmten Kunstwerken. So lehnt sich ein Plakat von 1896, entworfen von einem unbekannten Künstler namens P. W., an Edouard Manets Skandalgemälde „Das Frühstück im Grünen“ von 1863 an. Nur mit dem Unterschied, dass nicht eine nackte Frau zwischen zwei bekleideten Männern sitzt, sondern eine bekleidete Radfahrerin beim Picknick ihren etwas einfältig erscheinenden Begleiter verführen will.

Anzüglich-karikaturhaft

Der merkt nichts von ihrem gespitzten Kussmund und dem angebotenen Rotwein, schnitzt er doch fleißig Buchstaben in den nächsten Baum – freilich kein Liebesbekenntnis mit Herzen und Initialen, sondern Werbung für die Fahrräder von Seidel & Neumann in Dresden. Mit solchen anzüglich-karikaturhaften Ideen einer „mannstollen Hosenträgerin“ und eines unbedarften Jünglings konnte man noch im Jahr 1896 um Aufmerksamkeit heischen.

Meist aber ging es weniger direkt zu bei der Werbung für den Sommer- oder Winterurlaub. So reiten fesche Damen vergnügt auf die höchsten Gipfel oder wedeln von diesen locker mit den Skibrettern herab. Die Stadt Bad Nauheim mit ihren Jugendstil-Bauten hingegen setzte auf ihr heilendes Wasser, das Johann Vincenz Cissarz im Jahr 1904 klug mit einem Plakat bewarb, mit einem großen Bild auf Fernwirkung und mit vier kleinen Bildern auf Nahsicht bedacht.

 

Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Friedensplatz 1. Bis 22. Januar 2017. Geöffnet dienstags, donnerstags und freitags 10–18 Uhr, mittwochs 10–20 Uhr, samstags und sonntags 11–17 Uhr.
Eintritt 6 Euro. Katalog 15 Euro. Telefon (0 61 51) 1 65 70 00. Internet www.hlmd.de

 

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