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Online-Fernsehen für junge Menschen: Reportagen und Toilettenwitze

Von Mit Shows und Ratgeberbeiträgen macht das neue Angebot gelungenes Internet-TV für die Web-Generation der 14- bis 29-Jährigen. Wir haben „Funk“ eine Woche getestet.
Die Show „Nerdscope“ gestaltet der Youtube-Moderator LeFloid (rechts). Bilder > Die Show „Nerdscope“ gestaltet der Youtube-Moderator LeFloid (rechts).

Haben ARD und ZDF die Zeichen der Zeit erkannt? Damit sich Jugendliche freiwillig eine Sendung ansehen, braucht sie heute einen „krassen“ Titel. „Löwenzahn“ oder „Logo“ – das ist von gestern. Die künftigen Hits heißen „Fickt euch!“ und „Auf Klo“. Da philosophiert man zwanglos über Selbstbefriedigung und lädt sich Partner zum Plausch auf die Damentoilette ein. Die beiden Shows gehören zu „Funk“, dem neuen Jugendkanal der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Das Programm richtet sich an 14- bis 29-Jährige und ist seit dem 2. Oktober ausschließlich im Internet zu sehen. Die schlicht gestaltete Webseite www.funk.net dient dabei lediglich als Plattform für Videos, die über Youtube, Snapchat, Facebook und andere soziale Medien abgespielt werden. Wir haben eine Woche hingeschaut.

Bademeister Hasselhoff

Vorerst entwickeln die Sendeanstalten keine eigenen Konzepte, sondern sponsern die Produktionen bekannter Youtube-Größen wie LeFloid oder Schlecky Silberstein. Dazu wurden englische Serien wie „The Aliens“, „Fargo“ und „Hoff the Record“ mit Ober-Bademeister David Hasselhoff eingekauft. „Unsere Strategie ist, dass die Clips gefunden werden“, sagt Geschäftsführer Florian Hager, früher stellvertretender Programmchef bei Arte. „Im Abspann wird klar, dass sie von ,Funk’ kommen. Wir hoffen, dass jemand zwei bis drei Mal in der Woche über uns stolpert und sich dann fragt: Was haben die noch?“ Eine Netzgemeinde soll entstehen, die das Programm durch ihre Kommentare mitbestimmt.

45 Millionen Kosten

ZDF-Intendant Thomas Bellut unterstreicht den Nutzen für die etablierten Sender. „Wir bringen unsere Inhalte dorthin, wo die jungen Menschen medial unterwegs sind und können sie hoffentlich langfristig an uns binden.“ Das Projekt wird großzügig aus den Rundfunkbeiträgen finanziert. Den Machern steht ein jährliches Budget von 45 Millionen Euro zur Verfügung. Dafür hat man die Spartensender „EinsPlus“ und „ZDFkultur“ kurzerhand eingestampft. Nicht wenige Zuschauer kritisieren den Sinn dieser Aktion und die horrenden Kosten für das Internet-TV. Noch bevor das erste „Funk“-Filmchen zu sehen war, hagelte es Protestschreiben. Der Tenor: Man solle das Geld der Gebührenzahler lieber für ein besseres Abendprogramm ausgeben und nicht in fragwürdige Angebote niveauloser Web-Sternchen stecken.

Tatsächlich scheint ein erster, flüchtiger Blick auf die bereits vorhandenen vierzig Show-Formate wenig Gutes zu verheißen. In „Kliemannsland“ stapft beispielsweise ein selbsternannter Heimwerkerkönig namens Fynn Kliemann über einen norddeutschen Hof und treibt gefährliche Späße mit Werkzeugen und Traktoren, die bei Nachahmung eine Reise ins Land der Notärzte garantieren. Das Comedy-Duo „Junggesellen“ zeigt derweil, wie man mit Toastern baden geht, ohne einen Stromstoß abzubekommen. Und „Auf-Klo“-Moderatorin Mai stopft sich türkisches Gebäck in den Mund, während sie Beyoncé-Lieder summt, die ihr Talk-Gast erraten muss. Sieht so der Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen aus? Muss man dafür zweistellige Millionenbeträge verpulvern? Das TV-Ekel Alfred Tetzlaff hätte sich wohl an die Stirn getippt und gesagt: „Armes Deutschland!“

Doch das Motto des ZDF heißt bekanntlich „Mit dem Zweiten sieht man besser.“ Auch auf die Beiträge von „Funk“ lohnt ein zweiter, gründlicherer Blick. Dann erkennt man, dass sich zwischen provokant fäkalsprachlichen Titeln und pubertären Albernheiten jede Menge Unterhaltungsqualität und hehre Botschaften tummeln.

Selbst Sex-Talkerin Kristina Weitkamp kommt ohne Zoten aus und betreibt charmanten Aufklärungsunterricht im Stil einer Erika Berger. Dem Anspruch, Menschen unter 29 Jahren eine Stimme zu leihen, sind die „Funk“-Planer Florian Hager und Sophie Burkhart vom Start weg gerecht geworden. Die Plattform bildet Lebensgefühl und Selbstverständnis der Web-Generation trefflich ab.

Die Enkel der 68er sind keine trotzköpfigen Träumer, die eine gesellschaftliche Ordnung aus den Angeln heben wollen. Als vernunftgesteuerte Realisten zeichnen sie sich durch Kritikfähigkeit, Neugier und ein hohes Maß an Moral aus. Man setzt sich ein für unveräußerliche Werte, für Toleranz und Freiheit, gegen Rassismus und Engstirnigkeit, ohne dabei ins politische Extrem zu kippen. Die Gegenseite darf auch zu Wort kommen, etwa wenn sich Reporterin Nemi Al-Hassan mit einem Nazi-Rapper über dessen Motive unterhält. „Jäger und Sammler“ heißt das investigative Magazin, bei dem neben Al-Hassan die Bestseller-Autorin Ronja von Rönne und der Journalist Friedemann Karig mitmischen. Polit-Blogger Rayk Anders geht in „Headlinez“ den Fakten hinter den Boulevard-Schlagzeilen auf den Grund und mischt fundierte Analysen mit trockenem Witz.

Packend und von aufwühlender Relevanz sind die Reportagen des „Y-Kollektivs“. Zehn junge Männer und Frauen berichten von Brennpunkten der Welt, sprechen mit Kindersoldaten aus Sierra Leone oder aber mit Frauenrechtlerinnen aus Pakistan. Die Clips der Reihe „schönschlau“ lassen die Tradition von Peter Lustigs „Löwenzahn“ wieder aufleben, indem sie Wissenschaft und Alltagsfragen („Woher kommt das Hungergefühl?“) auf humorige Weise verquicken. In der Dokumentation „Germania“ werfen Migranten einen Blick auf die bunte Republik Deutschland, ohne Schönfärberei zu betreiben, und die Muslim-Satire „Datteltäter“ spielt köstlich mit religiösen Klischees. Nicht zu unrecht sieht SWR-Intendant Peter Boudgoust in den Online-Angeboten „die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Journalismus.“ Während es im linearen Fernsehen längst keinen Platz mehr gibt für Info-Magazine zu popkulturellen Themen wie Kino, Comics und Videospielen, bietet ihnen „Funk“ reichlich Entfaltungsmöglichkeiten. Hervorstechend ist das „1080 NerdScope“ von Youtuber LeFloid alias Florian Mundt, dem drei Millionen Abonnenten an den Lippen hängen, wenn er mit seiner Crew über die jüngsten Spiele und Filme diskutiert.

Liste aller Wünsche

Finanziert durch die öffentliche Hand, damit unabhängig von Werbeeinnahmen, genießen LeFloid und Co. nun mehr Freiheiten bei der Berichterstattung, ohne sich für Klickzahlen verbiegen zu müssen. Dadurch steigt das Niveau der Netzwerk-Filme. Gleichzeitig können sich Moderationstalente für eine spätere Karriere im klassischen TV empfehlen. Wie einst der Musikkanal „Viva“, bei dem sich Stefan Raab oder Heike Makatsch erste Sporen verdienten, hat „Funk“ das Zeug zur Talentschmiede. Nicht zuletzt im brachliegenden Serienbereich, wo ARD und ZDF seit Jahren ausschließlich auf Kommissare und Ärzte setzen.

Wie eine Frischzellenkur wirkt im Vergleich die rasante Mystery-Geschichte „Wishlist“. Zehn Folgen mit einer Länge von knackigen zwanzig Minuten sind im Auftrag von Radio Bremen für Youtube entstanden. Darin entdeckt die 17-jährige Mira auf ihrem Handy eine App, die jeden Wunsch in Erfüllung gehen lässt. Doch wer sie benutzt, erlebt eine böse Überraschung. In der konsequenten Förderung kreativer Köpfe wie „Wishlist“-Regisseur Marc Schießer liegt die Chance für „Funk“, bald selbst auf der Wunschliste vieler Zuschauer zu landen – auch bei solchen, die längst nicht mehr zur angepeilten Zielgruppe zählen.

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