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Rest von Sternenstaub

Von Dem Berliner Liedermacher ist nach seinem beängstigend guten Debütalbum „Die Fantasie wird siegen“ ein ebenbürtiger Nachfolger gelungen.
Max Prosa ist auch Lyriker: Der Berliner Songdichter schreibt die poetischsten Lieder von Liebe und Leben und dem, was von beidem übrig geblieben ist, wenn man gute zwanzig Jahre alt ist. Foto: dpa Max Prosa ist auch Lyriker: Der Berliner Songdichter schreibt die poetischsten Lieder von Liebe und Leben und dem, was von beidem übrig geblieben ist, wenn man gute zwanzig Jahre alt ist. Foto: dpa

Selten hat es so viel Spaß gemacht, die Karriere eines jungen deutschen Künstlers zu verfolgen wie bei Max Prosa: Clueso entdeckt ihn 2011 und nimmt ihn mit auf Tour, er singt Ina Müller („Toll, toll, toll!“) bei seinem ersten Fernsehauftritt in Ekstase, verblüfft die Feuilletons mit seinem sprachmächtigen Erstling „Die Fantasie wird siegen“ und das Publikum mit furiosen Live-Auftritten wie dem im Frankfurter „Nachtleben“ im Februar 2012 (am 1. Mai kommt er in die „Batschkapp“). Prosa, man ahnt es damals schon, ist das, was bleiben wird, wenn der ganze Hype um die jungen Kerle mit den Klampfen längst verklungen ist.

In „Rangoon“ schafft der nuschelnde Wuschelkopf das Kunststück, sich treu zu bleiben, ohne das Debüt zu klonen. Geblieben ist die reizvolle Kluft zwischen wohlgesetzter, mitunter wunderbar altmodischer Wortwahl und einem rotzigen Vortrag, der in seiner Lässigkeit wie improvisiert wirkt und den Eindruck eines schlampigen Genies erweckt.

 

Sohn des Chaos

 

„Der Clown“ ist eine Allegorie auf eine sensationsgeile Gesellschaft, Duckmäusertum und niedere Instinkte, die schlecht kaschiert unter der Zivilisationsschminke liegen: „Und dressierte Menschen springen, wenn Dompteure Peitsche schwingen/Schwindler sitzen auf dem Thron. Und jede Bestie, die’s erkennt, wartet auf ihren Moment.“ „Charlie“ beunruhigt als Aufschrei gegen die Mechanismen der Ausgrenzung eines Menschen und der Angst vor einer fremden Wahrheit. Dabei webt die Band über einen nervös pulsierenden Bass einen verstörend-dissonanten Klangteppich. Deutlich öfter noch als auf dem Vorgänger-Album entzieht sich Prosa dem Korsettzwang der klassischen Sänger/Songschreiber-Formel, vermeidet die Feld-, Wald- und Wiesenakkorde und verweigert den eingängigen Refrain.

Auch wenn thematisch in „Rangoon“ wieder vieles rennt, rettet und flüchtet - wer Prosa auf ein eskapistisches Credo reduzieren will, höre „Chaossohn“: „Unser Erbe wiegt tausend Jahre schwer/Der Plastikmüll treibt als Mahnmal im Meer“. Und staune: Wer hätte gedacht, dass Ökokritik poetisch klingen kann?

Immer wieder blitzt es auf - Max Prosas Gespür für die Metapher, die im Gedächtnis bleibt, für die Anfangszeile, die den Zuhörer bei seiner Sehnsucht packt und in die Geschichte zieht. „Sommerzeit - und das Leben ist so leicht, wie’s in Kinderbüchern steht/ Sei bereit, dass was Neues kommt und geht“ heißt etwa die Einladung in „Der Zauberer“. Und selten hat einer in deutscher Sprache so schön zerknirscht über verlorene Liebe gesungen wie Prosa in „C’est la vie“: „Sie nahm Abschied und zog weiter, als ich schlief. Und bei mir blieben all die Geister, die sie rief.“ Das erinnert in seiner klugen Melancholie an das Lied „Sisters Of Mercy“ des großen Leonard Cohen.

Seinem Hausheiligen zollt der junge Sänger auch ganz explizit Tribut - mit einer deutschen Version von Cohens „Hallelujah“. Der Versuch allein sagt viel über Prosas Chuzpe, das Gelingen alles über sein Talent. Denn des grandiosen Liedes war man fast überdrüssig geworden, so oft ist es in den letzten Jahren aus den Mündern von Möchtegern-„Superstars“ in Castingshows erklungen - meist zerstört durch sterile Gesangshuberei. Prosa rotzt, heult und krächzt den kongenial übersetzten Text aus der Feder Misha Schoenebergs, des ehemaligen Lebensgefährten Rio Reisers, dass man ihm jedes Wort glaubt.

 

Romeo beim Bier

 

Eine weitere Verbeugung vor einem anderen Vorbild des jungen Berliners ist das epische „Café Noir“. Hier trifft - ganz im Stile eines Bob-Dylan-Liedes - ein Panoptikum an Figuren in felliniartig verzerrter Optik aufeinander. So sitzt an der langen Bar zwischen saufenden Geistlichen, unverstandenen Poeten und verkrachten Jurastudenten ein einsamer Romeo vor dem sechsten Bier. Er hält sich für Shakespeare und wartet auf Julia, die in der Spätschicht kellnert. Dumm nur: Romeos für sie geschriebenes Sonett hat sie noch nicht einmal gelesen und steht ohnehin mehr auf kräftige Matrosen. Auch Dylan selbst bekommt als „alter Bob“ einen Gastauftritt: „Als wir noch in den Sternen lagen, war er schon längst da/Und bastelte die Jukebox hier im alten Café Noir“.

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