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Bühnentier kehrt zurück: Robbie Williams will Frankfurt rocken

Von Superstar Robbie Williams tritt am Mittwochabend in Frankfurt auf. Ist der Sänger ein Relikt aus einer fernen Boygroup-Zeit oder ein zeitgemäßer Pop-Entertainer? Eine Würdigung.
Er ging durch Höhen und Tiefen – ein großer Entertainer ist Robbie Williams bei all dem geblieben. Er ging durch Höhen und Tiefen – ein großer Entertainer ist Robbie Williams bei all dem geblieben.

Einmal, und das ist schon viele Jahre her, da wurde der britische Pop-Star Robbie Williams nach dem besten Lied gefragt, das er zuletzt im Radio gehört habe. „Angels“, sagte er, und grinste breit und frech in die Kamera. Für Robbie Williams die einzig logische Antwort. Erstens, weil er 1997 durch diese Nummer relativ unverhofft in die Liga der europäischen Musik-Megastars aufsteigen konnte. Zweitens, weil er sich mit diesem Song selbstbewusst in die Tradition von John Lennon und „Oasis“ stellte.

„Angels“, diese vierminütige definitive Powerballade, beginnt mit einem hymnischen Klavierintro, das an Lennons „Imagine“ (1971) angelehnt ist, und damit auch an den Britpop-Klassiker „Don’t Look Back In Anger“ (1995) von „Oasis“. Und genau wie diese beiden Songs ist „Angels“ ein Generationen-Lied, das man auch in 50 Jahren noch mit Feuerzeug und Leuchtdisplay im Anschlag gemeinsam mit 50 000 Menschen im Stadion grölen kann. So, wie es auch am morgigen Mittwoch in der Commerzbank-Arena der Fall sein wird. Ein wohliges Gemeinschaftsgefühl – Brexit hin, Brexit her.

Der Bösewicht

Robbie Williams, und das darf man nicht vergessen, begann seine sensationelle Karriere als Bösewicht der Proto-Boyband „Take That“, die in den Neunzigern zunächst in England, bald in ganz Europa einen Hype auslöste, wie ihn die Welt seit den „Beatles“ nicht mehr gesehen hatte. Ihre größten Hits hießen „Relight My Fire“ (1993), „Back For Good“ (1995) und „How Deep Is Your Love“ (1996) – Kuschelpop mit samtweichen Stimmen, melancholischen Refrains, Waschbrettbauch-Sängern. Jungs wippten dazu heimlich im Takt, Mädchen schrien sich die Stimmbänder heiser. Robbie Williams spielte in diesem Quintett die spannendste Rolle: Mit einer Kombination aus fiesem Grinsen, Hundeblick und dem Hang zu Drogen- und Alkoholexzessen sorgte er für Zwist unter den Fans: Darf man den überhaupt gut finden? Und kann man dem diese Liebesballaden eigentlich abnehmen?

Logisch, dass die Erfolgsgeschichte von „Take That“ nur durch Robbie Williams ein Ende finden konnte. Im Juli 1995 quittierte der Sänger seinen Dienst, verließ die Gruppe nach Streitigkeiten mit Pauken und Trompeten. Notfall-Telefone wurden eingerichtet, um suizidgefährdeten Teenagern den Sinn des Lebens zu verklickern. Ein Wahnsinn, ein Irrsinn, der an die Reaktionen auf Goethes „Werther“ erinnerte. Und dass ausgerechnet Robbie Williams, der Belzebub des internationalen Boybandtums, als die glorreiche Lichtgestalt des Mainstreams der Neunziger- und Nullerjahre auferstehen würde, ist eine Geschichte, wie sie nur die Popmusik schreiben kann.

Robbie Williams verkörpert etwas Ruchbares, etwas Wildes, er strahlt Sexyness und Gefahr aus. Auch inhaltlich unterstreichen seine Songs das Image vom Phönix, der sich aus der Asche quälte. Williams zeichnete sich zu Beginn seiner Solokarriere als Schmerzensmann, und das kam gut an. Vielleicht, weil es in der europäischen Popmusik in diesen Jahren eine Vakanz gab. Das Boyband-System hatte sich spätestens mit dem Ableben der „Backstreet Boys“ überlebt, die Gitarrenmusik setzte mit den „Strokes“ alles auf Anfang, Michael Jackson und Madonna hatten mit Problemen abseits ihrer Popstar-Karrieren zu kämpfen.

Robbie Williams, jung, wild, willig und selbstironisch, kam mit seinen melancholischen Klavier- und Mitklatschhymnen zur rechten Zeit. Einfache Mischung: bisschen „Beatles“, bisschen „U 2“, bisschen „Pet Shop Boys“, bisschen Frank Sinatra, bisschen Musical. Hit folgte auf Hit, Superlativ auf Superlativ. Hätte ewig so weitergehen können. Aber: Keine Heldengeschichte ohne Straucheln. Robbie Williams kämpfte mit Depressionen und dem täglichen Griff zur Whiskey-Flasche. Die Alben „Intensive Care“ (2005) und „Rudebox“ (2006) waren eher mau, das große Williams-Feuer drohte zu verglühen. Die Wiedervereinigung von „Take That“ folgte, Auftritte als Mode-Botschafter. Für Fans waren diese Ausflüge nicht so einfach aufzuhalten. Und auch musikalisch schien die Geschichte von Robbie Williams spätestens seit „Take The Crown“ (2012) auserzählt zu sein. Mit Wiederholungen und Selbstzufriedenheit assoziierte man plötzlich Robbie Williams. Selbst in den Format-Radios hörte man ihn immer seltener.

Der Wiederaufstieg

Der unwahrscheinliche Wiederaufstieg in die Liga der Stadion-Rocker verdankt der 43-Jährige seinem aktuellen Album „The Heavy Entertainment Show“. Dieses Album ist vollgestellt mit Effekten und viel Brimborium. Robbie Williams singt zu simplen House-Beats und 4-To-The-Floor-Rhythmen über feiernde Russen, haucht Schmachtballaden und rappt zu Stumpf-Gedampfe. Aber, und das ist dann doch ziemlich überraschend, ausgerechnet mit diesem eher schalen Album kehrt Robbie Williams auf die größten Bühnen des Kontinents zurück. Doch liegt das überhaupt an der Musik?

Der Entertainer schaffte es in seinen besten Momenten ja stets, mit seiner Bühnen-Figur großes und im besten Sinne pathetisches Theater abzuliefern. Das große Versprechen der Popmusik, von einer besseren Welt zu erzählen, deren Himmel voller Geigen hängt – bisweilen ist an diesem Himmel niemand mehr aufgetaucht, der diese Geschichten eindrücklicher erzählen könnte als Robbie Williams.

Und er kann das noch immer. Besucher des jüngsten Konzertes in Hannover sind begeistert. „Es ist wie früher“, schreiben sie ins Internet. Es ist, als ob Robbie Williams der Sehnsucht nach den glorreichen und vielleicht auch ein bisschen glorifizierten Tagen der eigenen Jugend ein Gesicht gebe, einer Zeit, in der alles noch ein bisschen größer und bunter war.

Guckt man sich heute seine fantastischen, spektakulären Auftritte auf YouTube an, wie etwa das Konzert im Jahr 2003, als er in Knebworth vor 120 000 Menschen eine Messe des Live-Entertainments zelebrierte, denkt man: Besser kann man Popmusik nicht erzählen. Wie Robbie Williams da auf dieser gigantischen Bühne steht, im schwarzen Unterhemd, wie die Arrangements seines Songwriter-Kompagnons Guy Chambers perfekt durch die sommerliche Nacht hallen, das ist zeitlos, das hat eine unglaubliche Anziehungskraft. Robbie Williams, und das wird in diesen Momenten deutlich, ist weder das Relikt einer fast vergessenen Boygroup-Ära, noch ein überlebter Popstar: Robbie Williams ist ein Bühnentier, wie es sie vielleicht nur alle 20,30 Jahre einmal gibt. Schön, dass er wieder in die großen Arenen kommt. Denn da gehört er hin.

 

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