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Porträt: Robert Bergmann bringt Kafkas „Das Schloss“ auf die Bühne

Robert Borgmann kann einiges: Er experimentiert mit elektronischer Musik, führt Regie, gestaltet sphärische Bühnenbilder und wollte mal Leistungssportler werden. Jetzt inszeniert er am Schauspiel Frankfurt Kafkas Romanfragment „Das Schloss“.
Recht düster geht es auf der Bühne der Frankfurter Kafka-Inszenierung von Robert Borgmann zu. Recht düster geht es auf der Bühne der Frankfurter Kafka-Inszenierung von Robert Borgmann zu.

Es ist leicht, Robert Borgmann zu unterschätzen. Der Blick des schlaksigen Mittdreißigers, leicht verborgen hinter seiner runden Intellektuellenbrille, streift oft ins Leere. Seine grüne Wollmütze, mehr ein rundes Käppi, wirkt studentisch, die dünne Jeansjacke eindeutig zu kühl für die Jahreszeit. Als er die Ärmel hochkrempelt, sieht man sie, die großflächig tätowierten Unterarme. Nein, Interviews sind seine Sache nicht. Doch dann beginnt er mit leichtem Thüringer Akzent von Franz Kafkas Kampf mit dessen Vater zu sprechen, von seiner eigenen, zutiefst verhassten Schulzeit in Erfurt und darüber, warum er gerne, im Sinne Joseph Beuys’, mit seiner Theaterarbeit „Eichen pflanzen“ würde.

Da ist ein Feuer zu spüren, ein intensives Suchen und eine nur schwer zu verbergende Wut auf patriarchale Machtverhältnisse. Vor ihm steht ein Glas Orangensaft. Er wird es nicht anrühren, während er in der Kantine des Schauspiel Frankfurt seine Meinung klarstellt. Vor seinem Gegenüber steht ein Glas Wasser. Auch das bleibt unberührt. Die Themen „Freiheit“, „Theater als ästhetisch-politischer Akt“ und der „Sinn wiederholten Scheiterns“ – sie sind einfach wichtiger.

Dominanter Vater

Franz Kafkas „Schloss“-Fragment hält der Regisseur für das stärkste Werk des Prager Genies. „Um es freudianisch auszudrücken: Der dominante Vater ist in Kafkas Schriften ins Über-Ich gewandert, bis in die Struktur von Behörden, und im ,Schloss-Fragment‘ sogar bis in die Unerreichbarkeit.“ Borgmann hat einen freien Text auf Grundlage der kritischen Fassung erstellt, die nicht verheimlicht, dass Kafkas „Schloss“ eine Sammlung loser Fragmente ist. Thematisch habe ihn vor allem interessiert, dass hier mit der Hauptfigur K. jemand sein altes Leben zurücklasse und alles abstreife, was ihn einst ausmachte. Um sich auf die Suche zu machen. Der Landvermesser K. ist ein Mann Mitte Ende 30, genauso alt wie Borgmann selbst.

Regisseur Robert Borgmann brennt für Kafka. Bild-Zoom Foto: Rolf Arnold
Regisseur Robert Borgmann brennt für Kafka.

Die seelische Häutung des 1980 geborenen Robert Borgmann begann viel früher. Er ist in Erfurt bei seinen Großeltern aufgewachsen und betrieb Leistungssport, bis er 15 war. Dann gab es einen Bruch in seiner Biografie. „Ich hatte beim Hochsprung mehrere Knie- und Sprunggelenksverletzungen, die operiert werden mussten. Das hat über ein halbes Jahr gedauert, und in der Wachstumsphase kommt man dann nicht wieder rein.“ Erfurt sei ein „furchtbar langweiliges, piefiges Nest“ gewesen, in dem jeder, der die Welt ein bisschen anders sah, „sofort erdrückt“ wurde. In die Schule zu gehen sei eine Tortur gewesen: nur Barrieren, Schranken. Er besuchte ausgerechnet das Gutenberg-Gymnasium, das später mit dem Amoklauf traurige Berühmtheit erlangte. „Mein Kunstlehrer hat mich gerettet, den werde ich nie vergessen“, sagt er ohne Dramatik.

Keller aus der Kindheit

Mitte der 90er ist er dann raus, erst zu Techno-Partys nach Berlin und Frankfurt, „in eine Welt, die bunt war und getanzt hat“. Schon damals hat Borgmann angefangen, aufzulegen, und macht seitdem Musik unter zwei Pseudonymen. Zum ersten Mal wird er übrigens für die Frankfurter „Schloss“-Inszenierung seine elektronischen Beats unter seinem richtigen Namen beisteuern. In London studierte er Kunst, war bei Sebastian Hartmann am Centraltheater Leipzig und wurde bereits zweimal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Die Bühnenbilder macht er meistens selbst.

Wie wird das Schloss aussehen? Er überlegt lange, denn es ist für ihn schwer, ein Bild zu beschreiben: Das Schloss werde in Schichten im Bühnenraum erscheinen. Das erste Bild, das in ihm aufstieg, sei ein Keller aus seiner Kindheit gewesen. Dort habe es Kohlen, Kartoffeln und Einweckgläser mit Kirschen gegeben. Den Geruch und die Textur von damals nehme er heute noch wahr.

Für die Hauptfigur K. hat er sich seinen Freund, den Schauspieler Max Mayer, ausgesucht, an dem er vor allem schätzt, dass er „gleichzeitig wahnsinnig sensibel und wahnsinnig irre“ sei. Mayer und er seien aus derselben Generation, und sie fragten sich beide: „Warum glauben wir, dass die patriarchalen Machtstrukturen, wie sie im „Schloss“ beschrieben werden, überhaupt nicht mehr funktionieren, sich schon längst diskreditiert haben und wir jeden Tag darüber entsetzt sind, dass sie immer noch existieren?“ Von ganzem Herzen hoffe er, „dass sie der letzte Atemzug des Patriarchats sind, diese Erdogans, diese Orbáns, diese Trumps . . .“ Zudem sei das „Schloss“ die Dokumentation eines beständigen Scheiterns. „Wir spielen das Scheitern, das noch mal Scheitern, das ,Gebt’s mir noch mal‘, und wenn ihr wollt, dann fahrt ihr mit einer Walze über mich drüber und dann steh ich noch mal auf.“

Das Aufstehen, darum geht es Borgmann. Mit Luther, mit Beuys Bäume pflanzen, Eichen, Apfelbäume. Theater kann die Gesellschaft verändern, daran glaubt er fest. „Das, was ich versuche, egal wie hässlich es ist: Schönheit.“ Nichts berühre die Seelen und die Menschen so nachhaltig wie Schönheit und das Schaffen von Gemeinschaft. Das bedeute aber nicht, mit einem politischen Slogan auf die Bühne zu rennen.

Fast ironisch ist, dass Borgmanns letzte Worte explizit politisch sind, während er schon von seinem nicht getrunkenen Orangensaft aufsteht. Er geht gerne ins Fußballstadion und stellt sich hinter die Forderung von Eintracht-Präsident Peter Fischer, keine AfD-Mitglieder im Verein aufzunehmen. Fast ist er schon aus der Tür raus, als er grummelt: „Stadionverbot, fertig.“

Schauspiel Frankfurt

Willy-Brandt-Platz, Premiere
13. Januar, 19.30 Uhr. Weitere
Vorstellungen bis 15. Februar.
Karten von 18 bis 49 Euro unter Telefon (069) 21 24 94 94. Internet www.schauspielfrankfurt.de

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