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Auszeichnung: Robert Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis

Von Von den sechs Büchern, die es auf die Shortlist des nationalen Buchpreises geschafft hatten, gewann der politischste Roman.
Als Schriftsteller stets für eine deftige Zuspitzung zu haben: Robert Menasse vor der Buchpreis-Verleihung im Frankfurter Römer. Foto: Arne Dedert (dpa) Als Schriftsteller stets für eine deftige Zuspitzung zu haben: Robert Menasse vor der Buchpreis-Verleihung im Frankfurter Römer.

Den überaus belesenen und für gewöhnlich sehr beredten Robert Menasse schweigend zu sehen, war ein ungewohntes Bild. Als Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, den 1954 geborenen Österreicher gestern zum Gewinner des Deutschen Buchpreises ausrief, kam ihm erst einmal nicht viel mehr als ein mehrfaches Danke über die Lippen. Gerührt und den Tränen nahe schneuzte er sich in ein sehr großes weißes Taschentuch. Ein solches mitzunehmen, dafür hatte die Voraussicht gereicht – für eine vorbereitete Ansprache nicht. Schon länger schreibe er nicht mehr für die Schublade, und dass er gewinnen werde, habe er schließlich nicht wissen können, so seine Entschuldigung.

Europa besser verstehen

In ihrer Begründung schrieb die siebenköpfige Jury: „Das Humane ist immer erstrebenswert, niemals zuverlässig gegeben: Dass dies auch auf die Europäische Union zutrifft, das zeigt Robert Menasse mit seinem Roman ,Die Hauptstadt‘ auf eindringliche Weise. Dramaturgisch gekonnt gräbt er leichthändig in den Tiefenschichten jener Welt, die wir die unsere nennen. Und macht unter anderem unmissverständlich klar: Die Ökonomie allein wird uns keine friedliche Zukunft sichern können. Die, die dieses Friedensprojekt Europa unterhöhlen, sitzen unter uns – ,die anderen‘, das sind nicht selten wir selbst. Mit ,Die Hauptstadt‘ ist der Anspruch verwirklicht, den Menasse an sich selbst gestellt hat: Zeitgenossenschaft ist darin literarisch so realisiert, dass sich Zeitgenossen wiedererkennen und Nachgeborene diese Zeit besser verstehen werden.“

Doch was ist das für ein Roman, der sich in diesem Jahr freuen darf, als bester deutschsprachiger zu gelten?

Mit einigem Furor startet Menasse. Zu Beginn folgt er einem Schwein, dass einen wilden Parcours quer durch die Hauptstadt der Brüsseler Bürokraten hinlegt und dabei zahlreichen der künftigen Figuren begegnet: der frustrierten, weil ins Kulturressort abgeschobenen Fenia Xenopoulou etwa, ihrem Mitarbeiter Martin Susman und einem Professor namens Alois Erhart, der in einem Thinktank arbeitet und die ganze EU neu erfinden will. Es sind viele Menschen mit sehr unterschiedlichen Herkünften und Motivationen, die Menasse hier zusammenführt. Das mag dem Charakter des europäischen Zentralverwaltung entsprechen, ist aber zugleich die Crux des Romans. Denn Menasse hat nun die Aufgabe, all diese unterschiedlichen Schicksale zusammenzuführen, und das gelingt ihm mal mehr, mal weniger überzeugend.

Bindeglied ist die Idee, dass die Europäische Union mehr sein müsse als ein finanzieller Zusammenschluss – und wie könnte man ihren Charakter als Wertegemeinschaft besser betonen denn mit einer Jubiläumsaktion, die die historische Gemeinsamkeit des Kontinents hervorstreicht?

Menasse treibt die Ausgeburten der Bürokratie böse satirisch auf die Spitze. Die Vorbereitungen der großen „Jubilee“-Feier gipfeln in dem Vorschlag, Auschwitz in den Mittelpunkt zu stellen. Schließlich sei das NS-Vernichtungslager gewissermaßen der Ursprung der europäischen Idee.

Anders als mit scharfsinnigem Zynismus vermag der in eine jüdische Familie geborene Robert Menasse seiner Begeisterung für das europäische Projekt und seiner Frustration nicht beizukommen. Vier Jahre hat er für den Roman in Brüssel gelebt, dort recherchiert, „große Hochachtung bekommen“, aber auch „die Abgründe, Eitelkeiten, das Konkurrenzdenken und die Rachegelüste“ kennengelernt, die dem „ramponierten“ EU-Gefüge innewohnen.

Mancher Essay ist in dieser Zeit entstanden. Stets schürfte Menasse tief, und stets stellte er sich selber in große Tradition: „Der europäische Landbote“ hieß eine Schrift, angelehnt an Georg Büchners Freiheitsmanifest aus dem 19. Jahrhundert. „Kritik der europäischen Vernunft“ war der Titel einer Rede, die er im Frühjahr vor dem Europäischen Parlament hielt. Den Aufklärer Immanuel Kant ins Europäische fortzuführen, das muss man sich erst einmal trauen!

Stochern im Moloch

Menasses Anspruch ist gewaltig: zu verstehen, was diesen Moloch, der keiner sein will, im Innersten zusammenhält, was ihn antreibt – und zugleich, was ihn zu sprengen droht.

Schmäh und Jux und Zote sind Menasses Ventil für aufgestauten Frust – und doch wird man den Eindruck nicht los, dass der Autor seine etwas blutleeren Figuren wie auf dem Schachbrett hin- und herschiebt. Sprich: Wer den Roman liest, wird gut unterhalten. Die Story des Schriftstellers reicht jedoch nicht an die Klugheit des Philosophen in seinen Essays heran.

Mit 25 000 Euro ist der Buchpreis dotiert, die fünf Rivalen, die es mit ihm auf die Shortlist geschafft hatten, erhalten jeweils 2500 Euro: Marion Poschmann, die in „Die Kieferninseln“ einen Kaffeetrinker und Bartforscher durch ein (fast) bartloses und teebegeistertes Japan reisen lässt. Franzobel, der in „Das Floß der Medusa“ drastisch schildert, wie schnell Menschen alle Fesseln der Moral abstreifen. Sasha Marianna Salzmann, die in „Außer sich“ von Aufbrüchen und Selbstfindungserfahrungen einer russischen Migrantin auf der Suche nach ihrem Zwillingsbruder erzählt. Thomas Lehr, der seinen extrem komplexen Roman „Schlafende Sonne“ nach dem Prinzip der Spiralsonne erzählt. Und schließlich Gerhard Falkner, der in „Romeo oder Julia“ einen reichlich unsympathischen Schriftsteller mit einer Reihe unerklärlicher Ereignisse und seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert.

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