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Staatstheater Wiesbaden: Robinson Crusoe: Die ganze Welt ist schließlich reif die Insel

Von Bernhard Studlar macht aus Robinson Crusoe einen vergessenen Reality-TV-Helden. Dirk Schirdewahn inszeniert das am Staatstheater Wiesbaden.
Gerangel wie in der Reality-Show. Foto: Andreas J. Etter Gerangel wie in der Reality-Show.

„Robinson Crusoe oder aus der Ferne erscheint vieles einigermaßen schön“, behauptet das Stück und zielt damit auf Leute ab elf als Publikum. Ihnen erzählt der Wiener Studlar Daniel Defoes Romanfabel vom schiffbrüchigen Insel-Überlebenden so, als wäre sie Teil einer Reality-Soap à la „Holt mich hier raus, ich bin ein Star“. Vielleicht liest ja wirklich kein Schwein mehr, aber viele (so die Idee) bleiben reif für die Insel, falls man alles auf Neue-Medien-Niveau runtermurkst. Studlars Spezialität als Dramatiker ist das Besondere im Banalen. Darum ist seine Sprache so heutig und stellt sich das Visuelle so trashig dar, selbst wenn er einen 300 Jahre alten Romanklassiker und seine Frage ausgräbt: Wie steht der Einzelne in seiner Inselexistenz zum Ganzen der Gesellschaft?

Kai „Crusoe“ Kreuzner, gespielt von Guido Schikore im Hawaiihemd, ist der schnöselige Sohn eines Firmenbesitzers. Auf dessen „gemachtes Bett“ pfeift er aber: „Da bin ich lieber obdachlos.“ Seiner Idee von Freiheit entspricht viel mehr das Casting für die allererste Reality Show. In aller Pseudo-Coolness gewinnt er, schlägt sich brav auf der Insel durch und sieht nach einem Jahr dem Schiff entgegen, das ihn abholen soll. Das aber kommt nicht. 28 Jahre lang. Die Show wurde abgesetzt, Kai „Crusoe“ ist vergessen.

Aus dem wilden Inselmitbewohner Freitag macht Studlar den nicht ganz so jung und etwas edler kostümierten TV-Redakteur Gustav Freitag (Tom Gerngroß), dem im Archiv nach 28 Jahren Kais Fehlen auffällt. Prompt rechnet er das Soll und Haben aus (der Sender schuldet Kai 28 Millionen) und denkt sich eine Medienkampagne aus. Nun wird Kai doch noch berühmt, oder was sich heute berühmt schimpft.

Wo der „Rabenhof“ dem Stück ein exotisches Inselambiente gab, weicht in Wiesbaden alles einer drögen Lagerhalle: Stahlregale, Norm-Kartons, alltagsnahe Kostüme (Ausstattung: Lorena Díaz Stephens, Jan Hendrik Neidert). Von Sand und Meer und Pipapo bleiben unter Schirdewahn ein Fetzen Palmstrunk in der Lücke im Regal, ein wildes Crusoe-Standbild aus (so scheint es) Wien und ein Buch zur Soap: „Ahuga!“ Vorher lagert gedachtermaßen das Schreckszenario der bürgerlichen Existenz ein, nachher lagern hier Merchandising-Requisiten eines Ersatzdaseins. Schal beginnt, schal endet es. Ob das aber eine „vergnügliche Mediensatire“ hergibt? Nicht nur Kai erhebt sich nie über seine Einfalt. Auch dem Publikum fehlt jede Assistenz, um klüger zu werden. Der Rest ist Klischee oder, wenn es gewittert, bestenfalls netter Bühneneffekt.

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